Starke Frauen

Paula Modersohn-Becker

Zum 100. Todestag

„Mein Leben ist ein Fest.“

Von: Carola Thurow, Fotos: Kunsthalle Bremen und Paula Modersohn-Becker Museum

vom 13.04.07

 

Paula Modersohn-Becker - Tagebuch Worpswede 26. Juli 1900:

„Ich weiß, ich werde nicht sehr lange leben. Aber ist denn das traurig? Ist ein Fest schöner, weil es länger ist? Und mein Leben ist ein Fest, ein kurzes intensives Fest.“

Als Paula Modersohn-Becker am 20. November 1907 in Worpswede bei Bremen drei Wochen nach der Geburt ihrer Tochter an einer Lungenembolie starb, war sie erst 31 Jahre alt.


Anlässlich ihres 100. Todestages veranstalten die Bremer Kunsthalle, die Kunstsammlung Böttcherstraße und die Worpsweder Kultureinrichtungen eine Ausstellungsreihe. Zum Beginn gibt es eine Aktion in allen Worpsweder Ausstellungshäusern unter dem Motto „ Leben! P.M.B. in Worpswede“ vom 01.07.2007- 24.02.2008.


Worpswede verzichtet bewusst auf eine zentrale Werkschau. Vielmehr wird das ganze Dorf zu einer Inszenierung. An Originalschauplätzen, wie dem Lilienatelier im Brünjeshof, im ehemaligen Armenhaus und am Grab werden museale Räume geschaffen und Bilder und Briefe dem Publikum nahe gebracht.


Vom 13.10.2007 -24.02.2008 zeigt die Bremer Kunsthalle „Paula in Paris“, ihre Bilder im Kontext mit den französischen Künstlern ihrer Zeit, wobei erstmals Berührungspunkte zu den Bildern von Cèzanne, van Gogh, Gaugin bis hin zu Matisse und Picasso deutlich werden.

 

Im Paula-Modersohn-Becker-Museum in der Böttcherstraße Bremen gibt es eine Hommage an ihre unnachahmlichen Portraits. Zum ersten Mal wird der deutliche Einfluss ägyptischer Mumienportraits auf die Bilder der Künstlerin anhand von Gegenüberstellungen der Originale sichtbar und so eine Begegnung zwischen Antike und Moderne möglich.


Mit dieser umfangreichen Ausstellungsreihe wird dem Einfluss Rechnung getragen, den das Werk dieser jungen Frau bis heute auf die Kunstszene hat. Zu Lebzeiten an Bedeutung weit hinter den anderen Worpswedern stehend, zeigt sich hier aber ihre herausragende Fähigkeit, die künstlerischen Impulse der Großstädte, wie Paris oder Berlin, mit der einmaligen, kargen Landschaft und den herben, einfachen Menschen zu einer ganz persönlichen malerischen Sprache voller Poesie und Menschlichkeit zu verbinden.


Paula Modersohn-Becker, geboren am 08.02.1876 in Dresden, wuchs in einem bürgerlichen, jedoch sehr weltoffenen Elternhaus auf. Als Paula 12 Jahre alt war, siedelte die Familie nach Bremen über, das neue Zuhause wurde eine Stätte eines regen kulturellen Austausches. Sie lernte den Maler Heinrich Vogeler kennen, und 1895 sah sie bei einer großen Kunstschau in der Bremer Kunsthalle erstmalig die Werke der Künstler aus Worpswede, so die Bilder von Fritz Mackensen, Hans am Ende, Otto Modersohn, Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler, über die sie schreibt: „ ….natürlich alles riesig naturalistisch, aber ganz famos….“


In der Bremer Zeit beginnt Paula Modersohn-Becker an privaten Malschulen Zeichenkurse zu besuchen, die Begeisterung für Malerei setzt sich in England und Berlin fort und selbst nach ihrer Ausbildung zur Lehrerin gelingt es ihr, die Eltern davon zu überzeugen, dass nichts außer der Kunst sie glücklich machen könne. Aus Berlin schreibt sie 1897 an ihre Eltern: „Ihr Lieben, dass ich das haben darf! Dass ich ganz im Zeichnen leben darf! Es ist zu schön. Wenn ich es nur zu etwas bringe. Aber daran will ich gar nicht denken, das macht nur unruhig.“


Im Sommer 1897 fährt sie erstmalig nach Worpswede: „Worpswede, Worpswede, Worpswede! Versunkene – Glocken-Stimmung! Birken, Birken, Kiefern und alte Weiden. Schönes braunes Moor, köstliches Braun. … Worpswede, Du liegst mir immer im Sinn“, wohin sie 1898 übersiedelt und Fritz Mackensen ihr Lehrer wird. Das Armenhaus ist ihr wichtigster Arbeitsplatz, dort findet sie ihre Modelle und eine neue malerische Formensprache.

 

Sie lernt auch die junge Bildhauerin Clara Westhoff, die spätere Frau von Rainer Maria Rilke, kennen. Die beiden werden Freundinnen und fahren 1900 gemeinsam nach Paris. In den Museen sehen sie Tizian, Botticelli, Rousseau, Corot und Millet. Aber am intensivsten ist der Eindruck, den die Bilder von Cézanne auf Paula ausüben. Sie fühlt sich in ihrem künstlerischen Denken und Suchen bestätigt. Er komme ihr vor „wie ein großer Bruder“, soll sie zur Freundin gesagt haben.


Im Sommer 1900, zurück in Worpswede, bemerkt die Künstlerin, dass sie sich zu Otto Modersohn, einem der „alten“ Worpsweder Künstler, mehr als hingezogen fühlt. Sie schreibt in ihr Tagebuch: „…und wenn nun die Liebe mir noch blüht, vordem ich scheide, und wenn ich drei gute Bilder gemalt habe, dann will ich gerne scheiden mit Blumen in den Händen und im Haar.“


Im Sommer 1900 ist der Barkenhoff von Heinrich Vogeler Zentrum der Worpsweder Künstler. Zu den Malern gesellen sich die Dichter Rainer Maria Rilke und Carl Hauptmann, mit denen sich Paula bis zu ihrem Tod tief verbunden fühlt. Literarische Abende, Tanzen, nächtliche Spaziergänge, Bootsfahrten auf der Wümme und endlose Gespräche über die Kunst und das Leben prägen die Tage.


Im September 1900 verloben sich Paula Becker und Otto Modersohn.
Er schreibt in sein Tagebuch: „Musik, Literatur, Malerei, Natur- alles ist ihre Liebhaberei. So muss meine Frau sein.“ Sie dagegen notiert: „ Ich will meine Junggesellenzeit noch recht zum Lernen wahrnehmen; denn dass ich mich verheirate, soll kein Grund sein, dass ich nichts werde.“


1901 heiraten Paula Becker und Otto Modersohn in Bremen. Ein Jahr darauf schreibt sie in ihr Küchenhaushaltsbuch: “Es ist meine Erfahrung, dass die Ehe nicht glücklicher macht. Sie nimmt die Illusion, die vorher das ganze Wesen trug, dass es eine Schwesterseele gäbe.“ Aber auch: „Mein geliebter Mann, Mein König Rother, Mein Otto mit dem Barte, Du mit der weichen Stirne und den lieben Händen, Du Maler, Du Trauter, Du Vertrauter…“


Paula Modersohn-Becker entwickelt ihre Kunst und malt mit Vorliebe Kinderportraits. Dabei versucht sie, nicht nur das äußere Erscheinungsbild einzufangen, sondern die einfachen, oft von Hunger und Krankheit gezeichneten Seelen der Kinder aus dem Armenhaus und den Bauernkaten. Sie löst sich damit schon zu dieser Zeit vom Naturalismus und setzt sich über alle Konventionen hinweg, gelangt über die Vereinfachung der Darstellung zum Wesen der Dargestellten.


In den kommenden Jahren verbringt sie die Winter in Paris und die Sommer in Worpswede. Sie lernt Auguste Rodin kennen, besucht sein Atelier, wo Clara Rilke studiert und Rainer Maria Rilke als Privatsekretär arbeitet. Immer wieder nimmt sie Zeichen- und Malunterricht an verschiedenen Pariser Akademien, geht in Museen und auf Kunstauktionen. Doch zunehmend beengen sie die Ehe und auch die norddeutschen Schlechtwettermonate. Im Winter 1906 beschließt sie, endgültig nach Paris zu ziehen und Otto Modersohn zu verlassen.


Es folgt ein Jahr voller Schaffenskraft, die junge Künstlerin vervollkommnet ihren Stil, und erste Erfolge geben ihr Selbstvertrauen. Trotzdem kann sie ohne den künstlerischen Rat und die Vertrautheit ihres Mannes nicht auskommen. Sie bittet Otto, nach Paris zu kommen. An Clara Rilke schreibt sie: „ Ich habe diesen Sommer gemerkt, dass ich nicht die Frau bin, alleine zu stehen. ….. Die Hauptsache ist Stille für die Arbeit, und die habe ich auf Dauer an der Seite Otto Modersohns am meisten.“


Im Frühjahr 1907 kehrt das Ehepaar nach Worpswede zurück. Paula ist schwanger. Jetzt malt sie wieder in ihrem alten Atelier bei Brunjes, z.B. eines ihrer bekanntesten und zugleich das letzte ihrer Selbstbildnisse, das „ Selbstbildnis mit Kamelienzweig“. Das Lächeln auf diesem Bild drückt Vorfreude, Zufriedenheit, aber auch das Wissen um die geheimen Dingen im Leben aus, so dass man meinen möchte, sie ist zu diesem Zeitpunkt ganz mit sich im Reinen.


Im November 1907 stirbt Paula Modersohn-Becker. „ Wie schade,“ soll sie gesagt haben.

 

Rainer Maria Rilke schrieb in seinem Requiem für eine Freundin:

 

„...Denn Das verstandest du: die vollen Früchte

Die legtest du auf Schalen vor dich hin

und wogst mit Farben ihre Schwere auf.

Und so wie Früchte sahst du auch die Fraun

und sahst die Kinder so, von innen her

getrieben in die Formen ihres Daseins.

Und sahst dich selbst zuletzt wie eine Frucht,

nahmst dich heraus aus deinen Kleidern, trugst

dich vor den Spiegel, ließest dich hinein

bis auf dein Schauen; das blieb groß davor

und sagte nicht: das bin ich; nein: dies ist...“



 

 

Fotos:

mit freundlicher Genehmigung des Paula Modersohn-Becker-Museums, Bremen, und der Kunsthalle Bremen

Titel der Bilder in gezeigter Reihenfolge:

 

Selbstportrait vor grünem Hintergrund mit blauer Iris, um 1905,
Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen

 

Stillleben mit Goldfischglas
Mai/Juni 1906, Von der Heydt-Museum, Wuppertal

 

Halbakt einer Italienerin mit Teller in der erhobenen Hand, Herbst 1906,
Privatbesitz

 

Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag, 1906, Kunstsammlungen Böttcherstraße, Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen

 

 

Quellen:

Marina Bohlmann-Modersohn: Paula Modersohn-Becker - Eine Biographie mit Briefen

Paula Modersohn-Becker: Briefwechsel mit Rainer Maria Rilke

Marina Bohlmann-Modersohn: Paula und Otto Modersohn