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"Persepolis"

Die beiden Comicbände waren an sich schon ein Ereignis. Nun hat Marjane Satrapi ihre Geschichte, die von einer Kindheit im Iran ausgeht, zusammen mit dem Regisseur Vincent Paronnaud verfilmt.

Der arabische Lebensraum ist für gewöhnlich kaum Thema in Comics. Daher war das Erscheinen von Marjane Satrapis autobiografischer Graphic-Novel „Persepolis“ im Jahr 2004 an sich schon ein Ereignis. Satrapi schildert im ersten Band in naiv anmutenden, kontrastreichen Zeichnungen ihre Kindheit im Iran – vom strengen Regime unter dem Schah über die ungleich dramatischere Unterdrückung während der islamischen Revolution Khomeinis bis zum Iran-Irak-Krieg.

Nicht nur voller Bitterkeit, sondern auch mit viel Humor und Sinn für das Absurde bringt uns Satrapi die verzweifelte Lage der iranischen Bevölkerung nahe, die neben Repression und Tod immer auch Wege zum kleinen Glück findet: Feiern, Alkohol trinken(!), Popmusik hören und sogar Poster von Iron Maiden auf dem Schwarzmarkt kaufen – das sind für uns alltägliche Dinge, für die man dort sein Leben riskiert. Ihr ambivalentes Bild des Iran zeigt gleichermaßen Alltag und Krieg, intelligente Regimekritiker und tumben Terror.

Der erste „Persepolis“-Band „Eine Kindheit im Iran“ wurde auf der Frankfurter Buchmesse als Comic des Jahres ausgezeichnet. Nicht minder beeindruckend sind Satrapis Erinnerungen an ihre Jugend im österreichischen Exil und ihre Rückkehr in den Iran im zweiten Band „Jugendjahre“. Auch hier lebt die Erzählung von dem Kontrast zwischen zeichnerischer Naivität und erzählerischer Genauigkeit,  und sie gewährt Einblicke in eine zerrissene, heimatlose Seele. Mit ihren Erinnerungen an ihre Zeit in Österreich zeigt Satrapi deutlich Skepsis gegenüber der scheinbar fortschrittlichen, toleranten westlichen Welt. Eine echte Heimat findet Marjane weder hier noch dort.

Mit „Persepolis“ hat Satrapi sogar in Deutschland, einem Entwicklungsland in Sachen Comic, einen Bestseller veröffentlicht. Weltweit hat sich ihre Geschichte millionenfach verkauft. Der Erfolg des Comics bot ihr die Chance zu einer Verfilmung und somit auch die Chance, nochmals einen weiteren Publikumskreis zu erreichen. Zusammen mit dem Co-Regisseur Vincent Paronnaud hat sie die animierte Version ihrer Geschichte gestaltet. Da sie die betont naiven, abstrakten Schwarzweißzeichnungen beibehalten wollten (die angebotene Realverfilmung mit Brad Pitt und Jennifer Lopez hat sie abgelehnt), war es nur nahe- liegend, auch bei der Animation klassische Techniken zu verwenden.

Also nicht der Realismusanspruch der Pixar-Studios, die mit Filmen wie zuletzt „Ratatouille“ immer mehr nach optisch glatter Perfektion streben, war hier leitend, sondern ein persönlicher, expressiver Ausdruck für Satrapis Balanceakt: Weder den Feindbilder aufbauenden Islamhasser noch den naiv-toleranten Gutmenschen will sie bedienen. „Persepolis“ ist ein Wechselbad der Gefühle, sehr emotional, zugleich aber auch sehr reflektiert. Da Satrapi tatsächlich selbst Regie führen konnte ist die temporeiche Verfilmung ein ebenso persönliches Werk wie die Comicvorlage geworden – ein wunderbarer Film voller Aufrichtigkeit, Trauer und Humor.

Persepolis (Frankreich 2007). Regie: Marjane Satrapi, Vincent Paronnaud. Drehbuch: Marjane Satrapi, Vincent Paronnaud. Produzent(en): Marc-Antoine Robert, Xavier Rigault.
Kinostart: 22.11.2007

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Christian Meyer lebt und arbeitet in Köln. Als freier Journalist äußert
er sich vorwiegend zu popkulturellen Themen - als Filmkritiker,
Musikbesessener und selbsternannter Comic-Experte. Veröffentlichungen in
intro, taz, Strapazin, Filmstart, De:Bug, Kölner Illustrierte, choices
und anderswo. Seit Anfang 2007 gibt es außerdem seinen Blog Tiefkultur.

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