Women only

Pittsburgh Girl

Dies also sollte der Tag sein, an dem wir zu Frauen wurden!

Von: Ute Hamelmann

vom 22.01.09

Warum nur macht alle Welt so ein Bohei um das Buch von Charlotte Roche? Bei Dussmann in Berlin läuft jeder, der den Laden betritt, direkt in einen riesengroßen Stapel „Feuchtgebiete“ hinein. Klappt man das Buch notgedrungen auf, um wenigstens ein bisschen mitreden zu können, liest man Sätze wie: „Immer, wenn ich pinkele oder kacke, esse ich meine Nase leer von Popeln.“ Toll! Und es geht ja noch weiter! Es wird richtig versaut! Uijuijui, aber hallo, hallöchen, pfeift das verklemmte Akademikersöhnchen da, Peep-Show zum Selberlesen! Man fragt sich, ob Dussmann im Eingangsbereich wohl bald auch Pornofilme zeigen wird. Vermutlich nur, wenn sie mit Charlotte Roche sind.

Was soll der Quatsch? Hätte Lieschen Müller das Buch geschrieben, es hätte niemanden interessiert, hätte Hugo Klattenbrink es geschrieben, alle sagten: „Igitt, was für eine perverse Sau!“ Nun hat die putzige Charlotte es aber geschrieben, und man sagt: „Der Roman bleibt gerade durch seine Widersprüchlichkeit eine Irritation, die in ihren moralischen Implikationen weit über den Schock der systematischen Tabuverletzung hinausgeht.“ Ach, wenn das Feuilleton der F.A.Z. doch mal so über Pornos reflektierte, tut sie natürlich nicht, denn Porno ist bäh!

Bis auf ein, zwei dieser seltsamen Soft-Porno-Filmchen, die früher immer spät abends bei den Privatsendern liefen, habe ich noch keinen echten Porno gesehen, und ich verspüre auch kein Bedürfnis, das nachzuholen. Die erste bisschen versaute Szene, die ich in meinem Leben gesehen habe, war in dem Film „Flashdance“ mit Jennifer Beals. Ich war neun dreiviertel, und es war in den Sommerferien 1984. Gemeinsam mit meinen Freundinnen Anke und Bettina ging ich zum Sendener Video-Point. Wir wollten uns ein „Video-ab-zwölf“ ausleihen, so zumindest unser kecker Plan. Unschlüssig stromerten wir durch die Regalreihen, bis wir schließlich wieder vor der Theke landeten. Der dickleibige Video-Point-Ausleihbeauftragte blickte auf uns herab: „Na, Mädels, was gefunden?“ Wir schüttelten synchron unsere Köpfchen und schauten ihn so betrübt, wie wir nur konnten, an. „Hm“, der Video-Point-Ausleihbeauftragte war sichtlich ratlos, was er mit uns anstellen sollte. Rausschmeißen und Ferien versauen oder uns einen Tag bescheren, an den wir uns noch in hundert Jahren erinnern würden.

„Wie alt seid ihr denn?“ Wir hatten vorher besprochen zu flunkern, sodass wir alle drei wie aus der Pistole geschossen brüllten: „Zwölf!“ „Huch! Ja, dachte ich mir schon, einen Schülerausweis habt ihr nicht zuf...“ Wir krähten wieder unisono: „Nein!“ Der Video-Point-Ausleihbeauftragte überlegte, was für uns passend sein könnte. „Interessiert euch was mit Tanzen?“ Wir guckten uns an und nickten eifrig. „Was haltet ihr von einer Stahlarbeiterin?“ Wir guckten uns wieder an, zuckten unschlüssig mit den Schultern, Stahlarbeiterin? Nie gehört! Wir nickten aber fleißig weiter, denn unser Ziel war zum Greifen nahe, das spürten wir. „Spielt in Pittsburgh!“ Wir nickten wieder. Das klang zwar alles etwas seltsam und weit entfernt von „Rappelkiste“ und den „Wicherts von nebenan“, aber sei es drum. Wir strahlten! „Gut“, sagte der Video-Point-Ausleihbeauftragte erleichtert, „Hier! Aber heute wieder bringen! Und Zurückspulen nicht vergessen!“ Na klar!

Aufgeregt rannten wir nach Hause, in die Rorups Wiese, zu Anke. Ankes Eltern waren nicht da, und wir wollten einen aufregenden Mädchen-Nachmittag machen. Eigentlich hatten wir geplant, Wahrheit-oder-Pflicht zu spielen, aber „Video ab 12“ war ja noch Mondzahl aufregender. Doch bevor wir die Kostbarkeit abspielten, bereiteten wir alles sorgsam vor: Es gab Emsland-Sonne-Brause und Fanta, grüne Schnüre, saure Gurken, Chipsletten, Afrika-Plätzchen, Hubba-Bubba, Hasenwaffeln und Esspapier. Bettina und ich lümmelten uns auf den Flokati und den Lederdiwan, während Anke  zum Fernsehschrank ging, vorsichtig die schweren, rusitkalen Eichentüren öffnete, sich noch einmal feierlich umdrehte, uns den Film präsentierte wie der Pastor sonntags die Hostie, bevor sie ihn mit äußerster Präzision in den Rekorder legte. Die Spannung war auf dem Siedepunkt! Es surrte, und wir starrten wie gebannt auf die Mattscheibe, dies also sollte der Tag sein, an dem wir zu Frauen wurden!

Der Rest ist schnell erzählt, Jennifer Beals tanzt wie wild, meist mit nassen Haaren und wenig Kleidung, auf irgendwelchen Bühnen und Hallen an Stangen, Stühlen und Stahlgerüsten herum. Dann lernt sie einen reichen Typen kennen, der sie aus der Gosse holt und aus ihr einen echten Tanzstar macht. Pretty Woman für Arme, so gesehen. Der Film ist ziemlich sexistisch und völlig plemplem. Aber das war uns egal, wir konzentrierten uns hauptsächlich auf die versauten Szenen. Als ich etwas später beim Klassenausflug bei Gosselmanns Hof meinen Fuß unter dem Tisch zwischen Helges Beine schob, starrte der mich allerdings nur mit großen Augen an, spuckte seine Erbsensuppe zurück in den Teller und rannte zum Klo. „Na, toll“, dachte ich, „die Jungs vom Land haben ja wohl mal überhaupt keine Ahnung von Erotik!“ Ich dagegen war jetzt drin, in der Welt der Pittsburger Stahlarbeiterinnen, ich war eine von ihnen, ein echtes Pittsburgh Girl. 

 

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Bildnachweise:

1. miss.sophie (via photocase.com)

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