Cool Tour

Pop am seidenen Faden

Über 20 Jahre lang fühlte sich Sting von den traurig schönen Lautenliedern John Dowlands angezogen. Nun hat der Popsänger ein Album veröffentlicht, auf dem er die Musik dieses Renaissance-Komponisten interpretiert.

Von: Gabriela Häfner, Fotos: Sting-Homepage

vom 08.11.06

Die Sphäre der klassischen Musik – sie gehört nicht gerade zu den ureigensten Gemächern des Pop. Doch Sting ist eben Sting – und am liebsten sich selbst treu. Auch wenn er dafür hin und wieder zu einem musikalischen Grenzgang ansetzen muss. Wie etwa mit seinem neuen Album „Songs From The Labyrinth“, das soeben erschienen ist und eine künstlerische Begegnung der besonderen Art zelebriert. Eine überfällige noch dazu.

 

„Die Lieder John Dowlands geistern seit mehr als 20 Jahren durch mein Leben“, so erklärt Sting im Booklet zur CD. Um diesem Spuk ein Ende zu bereiten, hat Sting nunmehr den großen Sprung gewagt – rund 400 Jahre zurück in der Zeit, aber auch von der großen Bühne des Pop in das wesentlich exklusivere Kämmerlein einer so genannten „Alten Musik“. Sting, der seine Karriere einst als Frontmann der Band „The Police“ begann, wird hier vielleicht nicht jedem willkommen sein. Aber wen muss das kümmern?

 

Sicherlich nicht die vielen, die mit dem neuen Album erstmalig auf einen Musiker treffen, den es zu entdecken lohnt: John Dowland (1563 – 1626) war einer der bekanntesten Komponisten seiner Zeit, ein Meister auf seinem Instrument und mit dem, was er auf der Laute schuf, in ganz Europa unterwegs. Dabei wäre der Engländer eigentlich viel lieber daheim geblieben! Doch Dowland war Katholik – und kam deshalb nicht in Frage, als die Stelle des königlichen Lautenisten am englischen Hofe vergeben wurde. Eine Enttäuschung, die mit hineinspielen dürfte in das Bild des Melancholikers, das unserer Zeit von Dowland geblieben ist. Zusammen mit einer Musik, die zwar voller Schwermut ist – mitunter aber auch so hoffnungslos leichtsinnig stimmen kann!

 

Sting interpretiert diese Musik in gewohnt souveräner Weise. Also ohne falsche Bescheidenheit und mit der rauen Gesangsstimme, die zum unverkennbaren Markenzeichen des ehemaligen „Police“-Sängers geworden ist. Und vor allem ganz so, als zählten nicht die Jahrhunderte, die trennen, sondern nur eine Tradition, die verbindet: die des Singer-Songwriters, in die Sting den frühen Musikerkollegen mit leichter Hand stellt. John Dowland – der erste Popstar der britischen Musikgeschichte?

 

Nun ja! Sting ist eben nicht nur ein Künstler, der im Musikgeschäft scheinbar nur an der ganz langen Leine zu halten ist. Sting ist auch jemand, der sich gerne mal aus einer langen Leine kurzerhand einen roten Faden zurechtspinnt. Oder auch die eine oder andere Legende, die dann etwa so gehen kann:

 

Alles habe im Jahr 1982 begonnen, bei einem Konzert für Amnesty International. Damals habe Sting seinen Auftritt solo und nur mit der Gitarre im Anschlag über die Bühne gebracht und das offenbar so, dass der Schauspieler John Bird sich backstage begab, um nachzufragen: Ob Sting eigentlich schon mal etwas von John Dowland gehört habe? Das war natürlich als Kompliment gemeint und der Popstar wusste auch so ungefähr, von wem die Rede war. Und war – ob aus Neugierde oder Narzissmus – hellhörig geworden! Auf den Kollegen aus elisabethanischer Zeit sollte der Musiker fortan dann in seinem Leben noch häufiger und immer wieder stoßen. Oder gestoßen werden. Dominic Miller, langjähriger Gitarrist von Sting, wartete irgendwann mit dem Geschenk einer Laute auf. Wohl nicht ganz absichtslos. Und Dominic Miller war es auch, der die Bekanntschaft mit Edin Karamazov anstiftete, einem aus Sarajevo stammenden Lautenvirtuosen unserer Tage. In ihm sollte Sting schließlich den Partner finden, mit dem auch instrumental so überzeugend alles das in unsere Zeit zu holen war, was an Dowland  faszinieren kann: alle die unerlösten Himmel und höllischen Plagen, Liebesteufel und Engelsfreuden, die in so großartigen Liedern wie „Come again“, „In darkness let me dwell“ oder „Flow my tears“ besungen werden.

 

Wobei Stings Empfänglichkeit für diese Welt Dowlands gar nicht so überraschen mag. Man nehme ein Vorgänger-Album wie „Ten Summoner’s Tales“ und findet auf dem Cover Sting bereits in der Rolle des Renaissance-Barden, die der Musiker auch jetzt gerade so lustvoll adaptiert. Und wenigstens das wehmütige  „Fields of Gold“ präsentiert sich dort wie ein Stück, ganz im Geiste eines John Dowland stehend.

 

Wie auch immer. Wer in „Songs From The Labyrinth“ hineinhört, läuft jedenfalls Gefahr, dort anzukommen, wo jeder Musiker einen hin haben möchte: in der Endlosschleife. Während dessen setzt sich das Album bestens ab und erstürmt zurzeit Platz eins der Klassik-Charts. Und Sting? Rührt kräftig die Werbetrommel und lanciert …  ja was denn? Scheinbar nicht nur den roten Faden, der zu Dowland führt, sondern auch den seidenen, an dem vermeintlich bald nichts mehr hängt. „Der Rock ist tot, und der Pop liegt im Sterben!“ so gab Sting kürzlich in den deutschen Medien zu Protokoll. Das könnte man ihm übel nehmen. Man kann es aber auch lassen.

 

Zumindest wer mit „The Police“ und so grandiosen Hits wie „Roxanne“ aufgewachsen ist – und allererste Zweifel an der eigenen Jugendzimmertapete bekam – kennt diesen Zustand. Und verzeiht dem Popsänger alles. Ja doch, Sting! Manchmal ist die Welt ganz klein und rund … und platt wie eine Scheibe!