Wissenswertes

Praktikant oder Arbeitnehmer?

Von der Misere junger Hochschulbsolventen, die wie Arbeitnehmer behandelt, aber wie Praktikanten bezahlt werden.

Es wird anscheinend nicht einfacher, nach Abschluss eines Hochschulstudiums den Einstieg in das Berufsleben zu finden. Mehr als ein Drittel aller Absolventen (37%) machen, nach Angaben der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, nach dem Studium zunächst ein Praktikum. Da Praktikanten laut Bundesarbeitsgericht jedoch nicht als Arbeitnehmer gelten, erhalten sie nur eine Aufwandsentschädigung. Dafür verspricht man ihnen, sie könnten bei dem betreffenden Unternehmen ihre Kenntnisse und Fähigkeiten vertiefen.

 

Ausnutzung billiger Arbeitskräfte

 

Mittlerweile steht „Generation Praktikum“ für ein Lebensgefühl, in dem angemessene Bezahlung und  Planbarkeit des eigenen Lebens immer unwahrscheinlicher werden. Besonders junge Akademiker werden so seit Jahren systematisch als kostengünstige Arbeitskräfte ausgenutzt.

 

Sommer 2010; da meine zwei Kinder während meines Studiums zur Welt kamen, bin ich in punkto Berufseinstieg „spät dran“. Um regelmäßig Angebote über Arbeitsplätze und/oder Praktika zu erhalten, trage ich mich auf dem Verteiler für Absolventen meiner Hochschule ein. Da mein Mann Vollzeit arbeitet, sollte ich entweder nachmittags die Kinder abholen können oder aber so gut verdienen, dass er in Teilzeit arbeiten kann.

 

Eine Stelle wirkte interessant und anspruchsvoll, sodass ich mich darauf bewarb. Es ging um Projektmanagement sowie das eigenständige Überwachen und Koordinieren von Übersetzungsprojekten. Belastbar, flexibel und verantwortungsbewusst sollte man sein, fundierte Fremdsprachenkenntnisse haben, Organisationstalent haben und weitere Eigenschaften und Fähigkeiten mitbringen. Vorsichtshalber frage ich vor dem Zusammenstellen ausführlicher Bewerbungsunterlagen nach der Bezahlung. Man bot mir 250 € monatlich und dazu ein Zimmer. Ernüchterung! Ein Stundenlohn von weniger als zwei Euro, dabei ist dies noch nicht das schlechteste Angebot, das die Uni weitergeleitet hat. Eine international agierende Übersetzungsagentur, die eine Praktikantenstelle in Madrid besetzen möchte, bietet dagegen nur 300 € monatliche Praktikumsvergütung, stellt aber kein Zimmer.


Keine Schaffung echter Arbeitsplätze

 

Sollte man sich als Absolvent also lieber beim Arbeitsamt melden? Oder vermittelt man auch dort hochqualifizierte Praktikanten an Unternehmen weiter, deren magere Kompensation dann auf „Hartzniveau“ aufgestockt wird? Durch sogenannte „Wiedereingliederungsmaßnahmen“ helfen die Arbeitsämter Unternehmen bei der Suche nach „Praktikanten“. Arbeitssuchende werden unter dem Vorwand, es würde geeignetes Personal für offene Stellen gesucht überall dort eingesetzt, wo schnell und kostengünstig personelle Engpässe abgedeckt werden sollen.

 

Unternehmen, die dies für sich zu nutzen wissen, genießen so einen staatlich subventionierten Wettbewerbsvorteil. Die Arbeitsämter hingegen profitieren von der Tatsache, dass diese „Praktikanten“ in den Statistiken nicht als arbeitssuchend geführt werden. Falls Arbeitssuchende eine Praktikumsstelle nicht annehmen wollen, droht ihnen dagegen eine Kürzung oder Streichung der Sozialleistungen. Für die Schaffung regulärer Arbeitsplätze werden auf diese Art sicherlich keine Anreize geschaffen – im Gegenteil.

 

Mich lediglich im Freundeskreis zu beklagen, erscheint mir nicht mehr ausreichend. Der Dame, deren Firma mir 250 € monatlich geboten hatte, schreibe ich eine ungehaltene E-Mail. Bei der Uni frage ich höflich an, warum die Angebote nicht geprüft werden und bekomme als Antwort, Angebot und Nachfrage würden die Bezahlung bestimmen.

 

Die Rechte von Praktikanten

 

Ich versuche, mir online Rat zu holen und stoße dabei auf den gemeinnützigen Verein „fairwork e.V.“, der sich als Interessenvertretung von Hochschulabsolventen auf dem freien Arbeitsmarkt beschreibt. Auf der Website finden Interessierte unter anderem Erfahrungsberichte, Literaturhinweise, Links zu Petitionen und Informationen zu den Rechten von Praktikanten. Als Empfehlung für die Bezahlung von Praktikanten mit Hochschulabschluss wird hier ein Mindestlohn von 7,50 €/h gefordert.

 

Übrigens: Wer während eines Praktikums bemerkt, dass er als Praktikant einen regulären Arbeitsplatz auszufüllen hat, kann auf „unrechtmäßige Ausnutzung einer wirtschaftlichen Zwangslage“ klagen. Im Idealfall wird der Arbeitgeber dann dazu verpflichtet, nachträglich einen Arbeitsvertrag auszustellen und einen angemessenen Lohn nachzuzahlen.

 

Das falsche Signal

 

Im Hinterkopf sollte man auch folgenden Gedanken haben: Wenn ein Bewerber bereits etliche Praktika absolviert hat, so ist dies schließlich auch ein sichtbarer Indikator dafür, dass mehrfach qualifizierte Arbeit für wenig Geld geleistet wurde. Es gibt Arbeitgeber, die dies quasi als Einladung verstehen, erst einmal eine befristete, unterbezahlte Stelle auszuloben – oder eben doch ein Praktikum.

 

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Anne Plagemann lebt mit ihrer Familie in einer Wohnung voller Bücher, die nur knapp ausreichen, um alle Kinderfragen zu beantworten. Wegen ihrer Arbeit, als freiberufliche Diplom-Übersetzerin, recherchiert sie gern online und hat dabei immer kulturelle Besonderheiten im Blick.

 

 

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