Reizthema

Produziert für den Giftschrank

Eigentlich sollte der Contergan-Film „Eine einzige Tablette“ von Regisseur und Grimme-Preisträger Adolf Winkelmann (60, „Der Leibwächter“) das TV-Highlight des Jahres sein. Ein packender Zweiteiler mit Starbesetzung über den größten deutschen Arzneimittelskandal. Der Rechtsstreit um das Verbot des Films könnte in Zukunft historische Stoffe komplett vom Bildschirm verbannen.

Von: Beatrix Altman, Fotos: stock.xchng

vom 03.01.07

In seinem Film erzählt Winkelmann aus der Perspektive einer Opfer-Familie von der verheerenden Wirkung des Schlafmittels Contergan auf Schwangere. Es geht um Rechtsanwalt Paul Wegener (Benjamin Sadler), dessen Frau Vera (Katharina Wackernagel) nach der Einnahme einer einzigen Tablette ein missgebildetes Kind zur Welt bringt. Der Jurist strengt einen langwierigen und zermürbenden Gerichtsprozess gegen die Pharmafirma an und tritt als Nebenkläger auf.

 

Der Film spielt vor dem Hintergrund des realen Rechtsstreits, bei dem 1967 Oberstaatsanwalt Josef Havertz die Anklage führte. Ob der längst fertig gestellte und fünf Millionen Euro teure Film jedoch jemals gezeigt werden darf, ist derzeit noch völlig ungewiss. Die Aachener Arzneimittelfirma Grünenthal mit den Geschäftsführern Michael und Sebastian Wirtz und der Anwalt Karl-Hermann Schulte-Hillen (Bruder des ehemaligen Gruner + Jahr-Chefs Gerd Schulte-Hillen) erwirkten vor dem Landgericht Hamburg eine einstweilige Verfügung gegen den WDR und die Kölner Produktionsfirma Zeitsprung.

 

Der einstige Contergan-Hersteller sieht seine Unternehmens­persönlich­keitsrechte“ verletzt, die geschichtlichen Ereignisse würden schwerwiegend verzerrt, und das Fernsehpublikum könne den Unterschied zwischen Wahrheit und Fiktion nicht erkennen. So jedenfalls sieht es Grünenthal-Sprecherin Annette Fusenig (39). Der frühere Opfer-Anwalt Schulte-Hillen, Vorbild für die Filmfigur Paul Wegener und selbst Vater eines Contergan-geschädigten Sohnes, beanstandet eine Verzerrung seiner persönlichen Familiengeschichte in dem TV-Zweiteiler.

 

Dabei verwundert es, dass der 77-Jährige, der sich durch seinen Sohn vertreten lässt, offenbar mit dem Arzneimittelriesen (weltweit 4 800 Mitarbeiter) heute an einem Strang zieht. 1970 hatte er die Firma zu einer außergerichtlichen Zahlung von 100 Millionen Mark in eine Stiftung verpflichten können, heute geht er offenbar gemeinsam mit seinem ehemaligen Gegner gegen die Produzenten vor.

 

Die Schriftsätze seien zum Teil im Wortlaut identisch, bestätigt auch Zeitsprung-Justitiar Mirek Nitsch (33). Nur Schulte-Hillen habe auf Anfrage vorab das Drehbuch erhalten, das Gegenstand des Rechtsstreits geworden ist.

 

Es liegt allerdings nun allerdings offenbar beiden Parteien vor. „Es werden 15 Szenen im Buch beanstandet, die zum Teil allerdings im fertigen Film überhaupt nicht mehr vorkommen“, erläutert Nitsch. Unzutreffend ist laut Grünenthal beispiels­weise die Darstellung, das erste Entschädigungsangebot der Firma habe 10 Millionen D-Mark betragen. Tatsächlich hätte das Unternehmen einen bedingungslosen Entschädigungsbetrag von 100 Millionen D-Mark angeboten und später auch ausgezahlt.

 

Zwar hat Andreas Buske, Vorsitzender Richter der 24. Zivil­kammer des Landgerichts Hamburg, die vollständig geschnittene Version des 180-minütigen Films vorgelegen, doch er brach die Vorführung nach einer Stunde ohne Begründung ab und bestätigte die Zensur durch die einstweiligen Verfügungen.

 

Produzent und WDR betonen, dass der Zweiteiler „fiktional“, also erfunden sei. Denn ihr Filmheld Paul Wegener sei zwar von Schulte-Hillen inspiriert, dennoch handelt es sich bei dem Anwalt um eine erfundene Figur. Denn Wegener habe beispiels­weise eine Tochter, Schulte-Hillen dagegen ist Vater zweier Söhne, heißt es in der Begründung vom WDR. Buske sah dagegen deutlich das dokumentarische Element überwiegen – obwohl der Film überhaupt keine Interview- oder Archivszenen enthält, wie sie in „Doku-Dramen“ üblich sind.

 

Die Produktionsfirma hat gegen das Gerichtsurteil Berufung eingelegt. Die Verhandlung ist für Anfang des kommenden Jahrs angesetzt. Die Macher von „Das Wunder von Lengede“ werden alle rechtlichen Schritte ausschöpfen, kündigt der Zeitsprung-Justitiar an. „Wenn es nötig sein sollte, gehen wir bis vor das Bundesverfassungs­gericht in Karlsruhe und wenn wir damit einen Präzedenzfall schaffen. Denn sollten die Verfügungen Bestand haben, wird es zukünftig nicht mehr möglich, historische Stoffe fiktional aufzuarbeiten.“

 

Wird das vorläufige Urteil Bestand haben und der Contergan-Film im Giftschrank verschwinden, dürfte dieser Fall richtungweisend sein. Und dann wären in Zukunft historisch inspirierte  TV-Highlights wie das zweiteilige ZDF-Filmereignis „Dresden“ oder der ARD-Film „Der Untergang der Pamir“ akut gefährdet. Denn welcher Produzent wagt sich noch an einen authentischen Fall, wenn der Film anschließend vor Gericht landet und nicht ausgestrahlt werden darf? Bei Sendern und Produzenten liegen daher die Nerven bloß.

 

„Die Entscheidung des Gerichts ist kein gutes Signal für die Aufarbeitung von wichtigen zeitgeschichtlichen Ereignissen unseres Landes“, bilanziert WDR-Fernsehdirektor Ulrich Deppendorf (56). „Wir können daher nur hoffen, dass wir das Ergebnis in einer höheren Instanz korrigieren können.“