Reizthema

Projekt Kind

Es geht nicht mehr um Selbstverwirklichung und Karriere: Für die neue Elterngeneration steht jetzt der eigene Nachwuchs im Mittelpunkt. Der wird umsorgt und gefördert, bis es manchmal zu viel des Guten scheint.

2007 ist in die Geschichte dieses Landes als das Jahr eingegangen, in dem die Geburtenzahlen nach langer Zeit endlich wieder deutlich gestiegen sind. Damit ist auch statistisch und quantitativ untermauert, was man auf Spielplätzen, in Kitas, Grundschulen, in Zeitungen oder Zeitschriften schon seit geraumer Zeit beobachten kann: Eine neue Elterngeneration stürzt sich hierzulande mit ungeheurer Energie in das Abenteuer Familie, bekommt wieder Kinder und kümmert sich um diese mit wohl nie dagewesener Fürsorge. Zumindest in der Mittelschicht ist das „Projekt Kind“ zum Thema Nummer 1 geworden und hat das „Projekt Karriere“ oder das „Projekt Weltverbes- serung“ auf abgeschlagene Plätze verwiesen.

Kinder sind heute weder „Armutsfalle“ noch werden sie als Hindernis bei der Selbstverwirklichung gesehen, wie das noch vor Jahren Tenor bei Debatten unter potenziellen Eltern war. Ganz im Gegenteil: Das Kind ist nicht einfach nur Kind und natürlicher Nachkomme, sondern erfüllt mehr denn je eine sinnstiftende Funktion. Die neue Elterngeneration hat miterlebt oder zumindest nachvollzogen, dass der Kampf um gesellschaftliche Utopien zumeist im gesellschaftlichen Desaster und nicht selten auch noch im individuellen Unglück endete. Und so hat sie denn mehr oder weniger von den großen Weltverbesserungsmaßnahmen die Finger gelassen und sich stattdessen, ausgestattet mit der nun überschüssigen Restenergie, sich an die Arbeit konkreter Utopie gemacht – an das Kind.

Das Kind erfährt dabei eine Liebe und Aufmerksamkeit, wie sie Kinder wohl noch nie zuvor erfahren haben, und das ist auch gut so: Was gibt es Besseres, als dass sich Eltern um ihre Kinder kümmern, anstatt die Zeit in Kleingartenkolonien oder SPD-Ortsvereinen, in der Kneipe, vor der Glotze, bei Überstunden oder beim Betreiben seltsamer Hobbys wie Angeln, Laubsägearbeiten und Handstickerei zu verbringen. Gleichzeitig wird das Kind zur Projektionsfläche uneingelöster Träume und Versprechungen. Veränderungen sind nur im Kleinen möglich, wurde der heutigen Elterngeneration jahrelang eingetrichtert, und das nimmt sie nun wortwörtlich.

Alles für das Kind: Die Wahl der richtigen Grundschule debattieren Eltern schon in der Schwangerschaft.

Das Erziehungsgeld, das seit 2007 gezahlt wird und eindeutig auf jene Mittelschichteneltern zugeschnitten ist, hat sein Übriges getan und vielen potenziellen Müttern und Vätern einen letzten Impuls gegeben, es mit dieser konkreten Utopie nun auch wirklich zu versuchen. Dass ein Effekt dabei ist, dass die neue Müttergeneration, die eigentlich mit den Idealen der Geschlechter-Gleichberechtigung, der Selbstverständlichkeit von Studium, Beruf und eigenem Geldverdienen aufgewachsen ist, nun doch oft auch zu Hause bleibt, ist eine merkwürdige Pointe der Geschichte.

Vielleicht sollte sich Eva Herman viel weniger Sorgen um die gute deutsche Familie machen und lieber mal genau hinschauen, wie die Dinge tatsächlich laufen. Das Institut für Demoskopie in Allensbach jedenfalls hat gerade in einer Studie festgestellt, dass zwar für 89 Prozent der Männer die Familie „sehr wichtig“ sei (nur 58 Prozent finden auch den Beruf „sehr wichtig“), aber am Ende übernehmen doch 81 Prozent der Frauen den größten Anteil an der Erziehung und Betreuung der Kinder, sprich: Wenn’s auf den Spielplatz geht, wenn die lieben Kleinen zum Tanzunterricht oder zum Fußballverein chauffiert werden müssen, dann ist vor allem Mama da, und für die wiederum ist das dann auch nicht immer ein Kinderspiel.

Aber was heißt schon Tanzen und Fußball: Man gibt sich heute nicht mehr mit einfachen Beschäftigungen und kindlich profanem Spiel zufrieden. Mütter und Väter entschließen sich nicht mehr nur Kinder zu bekommen und zu haben, sie zu ernähren, zu lieben und großzuziehen, sondern wenn sie die Kinder schon gedeihen lassen, dann aber auch richtig. Kinder sollen am besten gleich ab zwei zum Spanischkurs, sie lernen beizeiten Klavier, hantieren mit neunmalklugem Spielzeug, und die Auswahl der richtigen Grundschule debattieren ihre Eltern bereits während der Schwangerschaft.

Auf Elternabenden geht es dann weiter mit stundenlangen Streitigkeiten über Benotungsregelungen oder die ambitionierte Nutzung der Hortzeit. Lehrer, Direktoren, die staatlichen Schulen insgesamt stehen ohnehin unter dem grundsätzlichen Verdacht, dem Kind nicht das Richtige richtig beizubringen. Seit dem sogenannten PISA-Schock ist die neue Elterngeneration zudem hochgradig sensibilisiert für alle nur möglichen und unmöglichen Probleme der Vorschule und Schule und sucht fieberhaft nach neuen Erziehungskonzepten, um die Kinder auf das „richtige Leben“ vorzubereiten. Bloß keinen Fehler machen, alle Angebote ausschöpfen, auf alles vorbereitet sein, kein Schulweg ist zu weit, keine Schule kann mehrsprachig genug sein, damit das Kind alles, aber auch alles zur späteren Verwendung aufsaugt.

Zur Not wird dabei das liberale, liebevolle Selbstverständnis, das man den eigenen Kindern entgegenbringt, schon mal auf den Kopf gestellt: Im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg zum Beispiel, inzwischen bekanntes Synonym für die neue, kinderreiche Mittelschicht, wird der Kampf um die Plätze in den vermeintlich besten Grundschulen ohne Rücksicht auf Verluste geführt. Da werden alle Tricks versucht, die eigenen, nicht im Einzugsgebiet der Schule wohnenden Kinder an selbiger unterzubringen. Und diese Tricks wiederum werden dann vom anderen Teil der Elternschaft mit einer Energie denunziert, dass man glaubt, man befinde sich mitten im amerikanischen Wahlkampf und nicht in einem landesweit bekannten Szene-Biotop. Und wer bei alldem das Nachsehen hat und am Ende tatsächlich keinen der begehrten Plätze bekommt, wählt dann sicherheitshalber die Option „Freie Schule“ beziehungsweise „Private Schule“.

Alles für das Kind: Im Grunde steht dahinter vor allem die große Angst des Mittelstandes vor dem sozialen Abstieg. Dass der Wohlstand, den wir heute erreicht haben, wahrscheinlich nicht ausbaubar ist, dass es in Zukunft (und die Zukunft gehört bekanntlich den Kindern) nur noch darum gehen wird, diesen Wohlstand, diese Freiheit, in der wir leben, irgendwie zu verteidigen, weiß der Mittelstand. Dass Bildung dazu der Schlüssel ist, wird ihm jeden Tag von Politik und Wirtschaft suggeriert. Also muss das Kind gebildet werden, viel, umfassend, und koste es, was es wolle.

Man protzt nicht mehr mit dem Neuwagen. Das Kind ist Statussymbol geworden.

Und noch etwas: Die Erziehung des eigenen Kindes ist auch tatsächlich ein Vorgang, der Individualität erfordert und Individualität hervorbringt. Und wie sehnen sich die neuen Eltern doch danach, dieses uneingelöste Versprechen ihrer eigenen Kindheit und Jugend, nämlich individuell und einzigartig zu sein, einzulösen! Dieses Versprechen, das an Massenuniversitäten und in H&M-Filialen verhallte! Und nun können sie wenigstens das eigene Kind formen, zumindest solange es nicht pubertiert.

Das Kind ist heute viel mehr als früher auch eine Art Statussymbol. Heute protzt man nicht mehr mit dem Neuwagen oder der Bulthaup-Küche, sondern mit dem Bildungsgrad und den Talenten des eigenen Kindes. (Oder gleich mit dem immer häufiger zu hörenden Hinweis, das Kind sei „hochbegabt“; mittlerweile scheint es ja so viele „hochbegabte“ Kinder zu geben, dass man sich um den Wissenschaftsstandort Deutschland wahrlich keine Sorgen mehr zu machen braucht.)

Bei diesem Anforderungsprofil hat das Kind jedenfalls wenig Zeit, Kind zu sein.
Die Tage sind durchgeplant, Zeit zum „Vor-sich-hin-Spielen“, zum „Abhängen“, zum Alleinsein oder um sich schlicht und einfach mal zu langweilen gibt es da kaum mehr. Seine Rolle hat sich in der modernen Familie verändert, das Kind ist nicht mehr das untergeordnete Wesen, sondern wird ziemlich schnell als vollwertiges, „stimmberechtigtes“ Mitglied der Familie integriert und gefordert. Das ist zum einen dem heute von der Mehrheit praktizierten weniger autoritären Erziehungsstil geschuldet.

Zum anderen ist für die jungen Familien dieser veränderte Umgang, der Respekt vor dem Kind nicht nur logische Folge ihrer Liebe zum Kind, sondern auch eine Art praktizierte Demokratie. Die heutige Elterngeneration ist mit liberalen, demokratischen, herrschaftsfreien Ideen groß geworden. Und während in der Politik der Parteienfilz dominiert und man im Job besser auch mal das Maul hält, wenn’s heikel wird, gibt die Familie die Möglichkeit zu nahezu basisdemokratischer Praxis. Und so darf das Kind – auch wenn es eigentlich überfordert ist – schon früh gleichberechtigt mitsprechen, mitentscheiden: wohin der nächste Familien-Urlaub geht oder welche Farbe der Neuwagen haben soll zum Beispiel, egal welche Konsequenzen das auch haben mag.

Wenn sich diese Art von Fürsorge und frühzeitig übergeholfener Verantwortung am Ende mal nicht rächt: Sind die Kinder nämlich pubertär und aus den Möglichkeiten (mit zwei Spanisch usw.) Notwendigkeiten (Latein, am besten in der Schnellläuferklasse etc.) geworden, fühlt sich das Nichtmehrkind dann vielleicht genau in der Mühle, die ihnen die Eltern eigentlich ersparen wollten. Das hat aber auch wiederum sein Gutes: Da gibt es wenigstens für den Pubertierenden einen ordentlichen Grund, gegen die eigenen lieben, liebenden Eltern zu rebellieren.

::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::

Andreas Lehmann arbeitet als Redakteur beim „Magazin“, wo der vorliegende Text zuerst erschien. Das aktuelle „Magazin“-Heft mit vielen weiteren Artikeln zum Thema „Projekt Kind“ finden Sie noch bis zum Ende des Monats am Kiosk oder auch hier.

::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::

Bildnachweise:

1. Jack Simanzik (via photocase.com)
2. Mathias The Dread (via photocase.com)
3. luxuz (via photocase.com)
4. subwaytree (via photocase.com)
5. momosu (via photocase.com)