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Quo vadis, Wirtschaft?

Das ist das beste Wirtschaftsbuch seit langem. In "Abschied vom Homo Oeconomicus" erklärt Gunter Dueck, "warum wir eine neue ökonomische Vernunft brauchen" und Geld und Nutzen nicht das einzige sind, was uns antreibt.

„Quo vadis, Ökonomie?“ fragt Professor Gunter Dueck, Chef-Technologe bei IBM, in seinem Buch. Und die Antwort lautet: Wenn wir mit dem derzeitigen Tempo weitermachen würden, kostete uns das zu viel. Aber im Gegensatz zu vielen Kollegen begnügt der Autor sich nicht mit Klagen über die globalisierte und immer schneller wachsende  Weltwirtschaft. Gunter Dueck versucht, sie zu durchschauen, dem Laien zu erklären. Das schafft er ebenso verständlich wie amüsant und einleuchtend. Aber in diesem Buch liefert er noch mehr:


Gunter Dueck stellt das wichtigste Paradigma der westlichen Wirtschaftstheorie an den Pranger, entlarvt es als Unsinn und entwirft eine tatsächlich einleuchtende, neue Theorie, die endlich einmal der von uns Laien erlebten Praxis entspricht. Statt ihr – wie bisher – Hohn zu sprechen. Darum geht's:

Bisher galt in den Wirtschaftswissenschaften die Maxime, dass der wirtschaftlich handelnde Mensch - wir alle also, aber besonders natürlich jeder Unternehmer - logisch denkt und nichts anderes im Sinn hat, als seinen eigenen Nutzen zu maximieren. Er legt seine Ziele fest (vom Einkauf eines überteuerten Süßweins für die Frau, die er ins Bett bekommen will, bis zur Millioneninvestition im chinesischen Reich, das gerade die Tibeter auszurotten versucht), berechnet seine Kosten, vergleicht sie mit dem angestrebten Gewinn und entscheidet dann. Nüchtern, kalt, unbeeinflusst von Rücksichten und Gesetzen. Er versteckt seinen Gewinn in Lichtenstein, entlässt auch die Angestellten, denen er vorher ihre Arbeitsplätze garantiert hatte, lässt sich vom Aufsichtsrat seine Prostituierten bezahlen oder fälscht Spesenbelege.

Was zählt, ist nur sein Vorteil. Für Frauen gilt natürlich dasselbe. Theoretisch, denn vor ihnen haben die meisten Wirtschaftswissenschaftler Angst. Sie halten sich leider weniger an die Pflichten des homo oeconomicus zur Gewinnmaximierung als die Männer und kauften, zum Beispiel, als erste Bio-Obst – obwohl es teurer war als das aus den mit Pestiziden besprühten Plantagen und längst nicht so hübsch aussah. Dueck erklärt warum.

Seine „erstklassig begründete” These: Mit der Logik ist es auch in der Wirtschaft nicht weit her. Entscheidungen werden meistens „aus dem Bauch heraus” getroffen. Ohne viel Rücksicht auf längst bekannte Fakten. So entstehen immer wieder die bekannten Schweinezyklen, Butterberge, Weinseen, und es brechen, was in seinem Buch noch nicht vorkommt, Hypotheken en masse zusammen und lassen nicht nur die Hausbesitzer Pleite gehen, sondern reißen die Banken, die sie finanziert haben, mit in den Bankrott, die Börsenkurse in den Abgrund.

Wie man es besser machen kann? Wenn ich Duecks Thesen sehr laienhaft zusammenfassen darf: Das wichtigste Instrument der Wirtschaft ist nicht kalter Kalkül des eigenen Nutzens, sondern Vertrauen in den Menschen, den Businesspartner, den Banker, den Mitarbeiter - vom Fließband bis zum Aufsichtsratsvorsitzenden. Denn:

Menschen, wir alle, verlassen uns bei unseren Entscheidungen mindestens so sehr auf das Gefühl wie auf den Verstand, auf ein instinktives Vertrauen, dass „die Anderen” uns nicht betrügen werden. Und es gibt jede Menge Beweise, dass diejenigen, die auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit setzen, auf Dauer mehr Erfolg haben. Der für mich einleuchtendste Beweis, den Dueck meiner Lese-Erinnerung nach allerdings nicht anführt: Die Wirtschaft würde nicht, alles in allem, so gut funktionieren, wie sie es tut. Die Menschen hätten sich nicht, alles in allem, seit dem ersten Tausch vom Faustkeilen gegen Hirschlederschuhe über die ganze Erde ausgebreitet, sondern wären ausgestorben. Wir alle würden nicht, alles in allem, so gut leben, wie wir es tun. Und die Armut in der Welt würde nicht, gaaanz langsam, aber beweisbar, zurückgehen. Dueck hat intellektuell anspruchsvollere Beweise, aber er präsentiert sie so klar, logisch und einleuchtend, dass sie eigentlich niemand bezweifeln kann.

Er schreibt für Laien wie mich, aber ich wünsche ihm, dass auch BWL-Studenten und unbedingt ihre Professoren das Buch lesen. Dann lernen sie vielleicht endlich, dass etwas so„Unlogisches ”wie Vertrauen in die Wirtschaftspartner, verbunden mit einer klaren Einsicht in die eigenen Träume und verbunden mit intelligenten Analysen der Wirtschaftsgeschichte sowie der Wirtschaftsfakten mehr zum Erfolg beiträgt - als der allein durch Logik optimierte Einsatz von Rohstoffen oder Finanzen.

Vielleicht sollte ich mich hier gleich bei Professor Dueck dafür entschuldigen, dass ich meine private Quintessenz seines Buches so laienhaft vorstelle. Mache ich hiermit, aber ich verspreche allen Leserinnen und Lesern: Sie werden mit dem „Abschied vom Homo oeconomicus” von Seite zu Seite neue Adrenalinstöße bekommen. Entweder, weil sie an das alte Paradigma glauben und erbost widersprechen wollen, oder weil Sie ständig rundum glücklich sagen: So ist es! Endlich zeigt mir mal jemand, worauf es wirklich ankommt. Und zumindest müssen Sie sich selbst dabei eingestehen: Eigentlich habe ich es immer schon gewusst. Ich war nur zu feige, es zuzugeben.

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Anne von Blomberg schreibt am liebsten über neue Trends: Psycho-, Sozio-, Mode-, Ess- oder Parfumtrends. Aber ihre größte Freude sind die Bücher, die sie auf "readme.de" vorstellt - vom nüchternen Sachbuch bis Fantasy, vom Krimi bis zum guten Roman. Vorbildung? Stellvertretende Chefredakteurin bei "Petra" und "Brigitte", Chefredakteurin bei Gourmet- Magazinen, heute u.a. Trendschreiberin für die Zeitschriften des Mode-Centrums Hamburg.

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