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Rabenliebe

Den Deutschen Buchpreis 2010 hat nun Melinda Nadj Abonji gewonnen. Doch auch dieser Roman hier war ein heißer Favorit - zu Recht.

Was ist denn das für eine Mutter? Sie steht im Mittelpunkt des Denkens im autobiografischen Roman „Rabenliebe“ von Peter Wawerzinek, geboren 1954 als Peter Runkel in Rostock. Diese Frau ließ ihre beiden Kinder, Tochter und Sohn im Alter von ein bzw. zwei Jahren schutzlos, unversorgt und verwahrlost in ihrer Wohnung zurück und ging in den Westen.

 

Seelischer Ausnahmezustand


So gerät der Junge, ein „Schnee- und Winterkind “, ein „Kümmerling “, wie der Autor selbst schreibt, in einen seelischen Ausnahmezustand, als er erst in einem Säuglingsheim, dann in verschiedenen Kinderheimen sein Dasein fristen muss. Bis ins vierte Lebensjahr bleibt er stumm, ein „unansprechbares, abweisendes, unantastbares Schweigekind“ – und stellt fest: „Ich gruppiere mich nicht freudig in die Riege der Heimkinder... Man lässt mich am Fenster stehen und nimmt wahr, dass mein Gesicht sich erhellt, wenn die Vögel (...) flattern...Wir stummen und tauschen uns aus.“


Wie der Junge zur Sprache, zum Sprechen findet, das ist ein mühsamer Prozess, noch schwieriger aber für ihn: die Suche nach Identität, verbunden mit den Fragen: Wo gehöre ich hin? Wo sind meine Wurzeln? Wer mag mich ? Das bewegt ihn, nachdem er zwei Adoptionsversuche über sich ergehen lassen musste, sodass er für solch eine Prozedur nun ein gebranntes Kind ist.
Peter Wawerzinek beschäftigt diese Problematik in zweifacher Weise, die innere Auseinandersetzung des Jungen im Kinderheim verknüpft er mit über 30 aktuellen Zeitungsmeldungen vor allem aus Deutschland, aber auch aus Großbritannien und den USA über das Schicksal von verwahrlosten, verlassenen, verhungerten, misshandelten und getöteten Kindern – eine bittere, ja, zeitlose Anklage gleichzeitig.

 

Wie kommt man ohne Vater und ohne Mutter aus


Gerade die Phasen in verschiedenen Kinderheimen haben die Hauptfigur entscheidend geprägt, ein „wehes Herzkind“ , das Missbrauch, Enttäuschungen und Wurzellosigkeit durch Ohnmachten, Bettnässen zu kompensieren versucht und für sich feststellt: „Der Staat ist mein Kummerflügel. Das Heim ist meine Achselhöhle. Ich komme ohne Vater und Mutter aus.“ Aber auch das wird beschrieben: „ Das Heim ist rund wie eine Kugel. Wir leben in der Kugel wie die Laufmaus auf dem Gitterrad...Wir haben Extrarunden, Extraarbeiten, Extraküchendienste und sonstige Extras zu verrichten...Wer sich verschlimmbessert zum Schlechten, für den sieht es nicht gut aus.“


In einer sehr eindringlichen, einfachen und bildreichen Sprache schildert der Autor den Gemütszustand seines Haupthelden und seiner Freunde Heinz und Tegen, deren Schicksale ebenso berührend sind. Dabei werden auch Verse aus Volks-und Kinderliedern eingeflochten, die in ihrer Diktion immer wieder das Trauma widerspiegeln, dem das Heim-und später das Adoptivkind ausgesetzt ist. „Rock ist weg, Stock ist weg, liegst im Dreck, jeder Tag war ein Fest, jetzt haben wir die Pest...oh du lieber Augustin, alles ist hin...“so der Kommentar, als das „Schneekind“ nach der Adoption ohne Diskussion einen neuen Nachnamen annehmen muss.

 

Die Jahre bei den Adoptiveltern


Viele Umstände, z.T. direkt und schnörkellos, aber auch anschaulich und ausschweifend beschrieben, prägen die Jahre bei den Adoptionseltern,die ausgiebig charakterisiert werden und wo es ihm „...am intensivsten vorenthalten ''wurde, „ ...was ich am meisten gebraucht hätte: Zuneigung, Mutterliebe, Wärme, Entdeckung und Ausweitung meiner Talente.“ Daher erklärt sich auch die abgrundtiefe Abneigung des Autors gegen jede Form von Adoptionsverfahren, was er durch die Einarbeitung von seelenlosen Paragraphen in der ausgefeilten Beamtensprache zum Ausdruck bringt.


„Auf dem Laufsteg der Erinnerung“ erscheint nur die Großmutter im Hause der Adoptionseltern positiv – der Mensch, der „ heimlich, still und nebenher“ sein Vertrauen gewinnt, weil sie ihn ernst nimmt und auch zum ersten Mal über seine Mutter und Schwester spricht, woraus sich dann sein „Sehnsuchtsschweif“, der „Muttermangel“, sein „Mutterfühlen“, die „Mutterfährte“ und die “...Spur der Mutterfindung“ herausbildet.

 

Begegnung mit der Mutter


In wortgewaltigen, manchmal auch ausufernden, dann wieder pathetischen und wilden, gar peinlichen Schilderungen erleben wir den Werdegang des Ich- Erzählers als Student, Hilfsarbeiter, Grenzsoldat, Alkoholiker, Sozialarbeiter – aber nicht in chronologischer Abfolge – der sich im Jahr 2005 zögerlich und umständlich auf den Weg zur Mutter in Eberbach am Neckar macht. Man kann das im zweiten Teil des Romans erlebend lesen und wird als 
Leser durch unglaubliche Begebenheiten gefesselt, aber man wird auch 
durch die assoziative Erzählweise und die introvertierte Darstellung gefordert.

Dagegen hebt sich die lakonische Wiedergabe der Erstbegegnung nach 51 Jahren erschütternd ab: „Ich stehe verunsichert und will schon abrücken. Da kommt sie unvermittelt hinterm Haus zum Vorschein, wo sie den Sohn stehen sieht und ihn auf Anhieb erkennt und zu ihm: Da bist du ja, sagt...Wir haben uns nichts zu erzählen. Es kommt kein Gespräch auf. “


Das Fazit: ein Roman mit vielen Facetten, der auch den Zeitgeist der Nachkriegszeit bis hin zur Gegenwart widerspiegelt, unaufdringlich und ohne vordergründig zu sein.
Lesenswert!