Cool Tour

Rache und andere Liebesdienste

Den einen gilt er als die Rettung des politischen Kabaretts unserer Tage, den anderen als schwere Zumutung. Hagen Rether provoziert am Klavier und im Plauderton, und mit einem Witz, der gerne auch ausspricht, was andere kaum zu denken wagen.

„Frauen kommen öfter, Frauen sind so einfühlsam. Frauen backen wie blöde, Frauen gehen zum Elternabend“, bilanziert Hagen Rether in einer seiner vielleicht komischsten Nummern, mit denen er unter anderem auch das Publikum beim 3satfestival 2006 eroberte. Knödelnd und blödelnd, krähend und krampfend gab er dort eine Parodie auf Herbert Grönemeyers Song „Männer“ – umgetextet zu einer Hommage an die Frau von heute. Oder wie Hagen Rether die Dinge umschreibt: „Frauen werden mit Heißwachs enthaart, Frauen werden als Kind schon mit Männern gepaart, Frauen werden in Indien als Witwen verscharrt.“

Alles nur zynische Blödelei, was einem hier präsentiert wird? Vielleicht auch, aber nicht nur. Denn Hagen Rether versteht es, inmitten seiner harmlos-assoziativen Piano-Plaudereien überraschend mit einem bösen Witz um die Ecke zu kommen, der messerscharf schneidet. Jenen Abend beim 3satfestival 2006 etwa widmete er Eva Hermann mit dem Kommentar, die Ex-Moderatorin habe etwas Wichtiges unter Beweis gestellt: „Man braucht nicht in der Waffen-SS gewesen sein, um sein Buch an den Mann zu bringen. Mentale Totaloperation reicht völlig aus. Übrig bleibt ein Frauenmund, der dauernd sagt, dass Frauen mal den Mund halten sollen. Gute Nummer!“.

Um die Medien und ihre Art, unsere Aufmerksamkeit zu lenken, geht es bei Hagen Rether übrigens ziemlich viel. Der in Bukarest geborene Künstler, der in Freiburg und im Ruhrgebiet aufwuchs, zeigt in seinen Programmen, wie der mediale Mensch von heute tickt: im Rhythmus der Krisen und Katastrophen, die nah und fern toben und ganz nebenbei auch für Quote und Auflage sorgen. „Achtung Weltuntergang“, „Ansturm der Armen“, „Angriff aus Fern-Ost“ – Rether zitiert im Rückblick auf das Jahr 2006 einige „Spiegel“-Titel und bemerkt gereizt: „Geht es eigentlich auch eine Nummer kleiner?“

Geht natürlich. Und vor allem auch eine Nummer intelligenter, wie der Kabarettist beweist. Mit Texten, die bemerkenswert beiläufig vorgetragen werden, und einem Klavierspiel, das ebenso locker-zwanglos für musikalische Untermalungen sorgt und dabei zwischen Jazz und Klassik abwechslungsreich seine Akkorde sucht. Und dann ist da noch dieser Witz, der stets etwas Bestechendes hat – auch wenn er hin und wieder ins Grübeln bringt.

Etwa wenn Rether ohne Wimpernzucken Sachen sagt wie: „Israel, ein ganz normaler Apartheidstaat“. Oder kalauert: „Der Irak wurde in drei Sektoren aufgeteilt: Super, Normal und Diesel“. Und fragen muss man sich natürlich auch, was es mit dieser schwarzweißroten Armbinde – im Retrostil und mit Arbeitsamtlogo – auf sich hat, mit der Rether gelegentlich vor sein Publikum tritt.

Darf der das? Vermutlich schon. Denn Rether provoziert zwar politisch unkorrekt, aber moralisch zielsicher und künstlerisch elegant. Als die „personifizierte Rache des ewig auf Abstand gehaltenen Intellektuellen an den Machern dieser Welt“, so versuchte ein Kritiker in der „Süddeutschen Zeitung“ ihn einmal zu beschreiben. Das mag zutreffen, nur bleibt die Frage: Geht es um Rache, wenn Hagen Rether Gott und die Welt, Papst und Präsidenten mit ätzendem Humor attackiert? Oder ist es nicht vielmehr ein Liebesdienst an einer Welt, die klugen Beistand bitter nötig hat? In einem Interview sagte Rether, sein Programm werde immer „Liebe“ heißen: „Ich werde den Titel nie ändern“.

Wozu auch? Im Grunde geht es doch im Leben ohnehin immer nur um dasselbe: Um die Frage, wer oben ist. Oder liegt. Zu den besten Stücken von Hagen Rether, gehört so auch sein „Vater unser“, in dem das Allmächtige, irgendwo zwischen Gottheit und globaler Marktwirtschaft, angerufen wird:

(…) Vater unser, der du bist im Himmel,
unser Wille geschehe,
(…) deren täglich Brot gib uns heute
und vergib du ihnen doch ihre Schulden,
so wie auch wir vergeben unsere Kredite,

(…) denn wir sind reich
und haben die Kraft und die Herrlichkeit –
und die sind in alle Ewigkeit
die Armen.“

Was Kabarett kann, wenn es sich traut, mehr zu sein als Comedy-Spaß? Uns einen Wink geben, damit wir „denen da oben“ auf die Schliche kommen – im Zweifelsfall auch uns selbst.

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Termine:

Hagen Rether
ist am 29.12.07 in der ARD "Scheibenwischer-Gala" um 20.15 Uhr zu sehen und auf 3SAT am gleichen Abend um 22.30 Uhr (45 Min.).

Am 10.2.08 erhält der Kabarettist den DEUTSCHEN KLEINKUNSTPREIS 2008 im Unterhaus in Mainz/ 3SAT sendet die Preisverleihung am 16.02.08 um 20.15 Uhr.

Weitere Auftritte:

26.01.08 – Lübeck– Kolosseum
06.02.08 – München – Deutsches Theater
01.03.08 – Köln – Tanzbrunnen