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„Revolutionary Road“ in den „Zeiten des Aufruhrs“

Ein Film über ein Beziehungsdrama in der Wirtschaftswunderzeit spiegelt das Begehren einer Frau, aus ihrem beschaulichen Familienalltag und ihrer festgefahrenen Rolle als genügsame Mutter und Rückhalt bietende Ehefrau auszubrechen. Und ist damit in seinen Facetten aktueller, als man ahnen möchte, wenn man im Kinosessel Platz nimmt.

Der Ausbruch sollte ein gemeinsamer sein. Die Ehefrau, Mutter und Hobbyschauspielerin April Wheeler kämpft dafür, dass sie gemeinsam mit ihrem Mann Frank einen Weg zu einem ambitionierteren, mehr erfüllten Leben findet. Doch Frank zieht nur halbherzig mit. Zu verlockend sind seine Aussichten auf eine lukrative Karriere in einem Job, in dem er es sich bequem gemacht hat - während seine Frau mit ihren eigenen Wunsch- Vorstellungen Stück für Stück auch die Hoffnung verliert, eine Wendung in ihr Leben bringen zu können.


„Sich zur Ruhe setzen,“ sei der Wunsch aller Paare, die Kinder bekommen haben und ein gesichertes Einkommen haben, klagt April, und sei doch nichts anderes ,als lebendig begraben zu sein. „Wer hat diese Regeln eigentlich erfunden?“ hadert sie wütend mit dem selbst gelebten Status quo. Spätestens an dieser Stelle zeigt sich der Dreh- und Angelpunkt des Films: Das Zweifeln einer Frau, die sich im goldenen Käfig fühlt – abgestellt mit den Kindern und der Aufgabe, ihrem Mann einen warmen Platz zu bieten, an den er nach der Arbeit gern zurückkehrt. Was in ihrem Innersten an Wünschen und Lust am Leben schlummert, erstickt sie in Drinks, Zigaretten und einem leeren Blick.


Wenn sich ein Paar zerfleischt und in die Abgründe seiner Beziehung schaut, geht das meist so schleichend wie stumm. Geschrien und gedemütigt wird auch in „Zeiten des Aufruhrs“ (oder „Revolutionary Road“, wie der Film viel passender im Original heißt) erst, wenn sich beide schon so weit voneinander entfernt haben, dass für die Rettung nur noch ein Kraftakt helfen könnte. Wie wortloses Leiden geht, zeigt Kate Winslet in kalten, abwesenden wie abweisenden Blicken, mit denen sie ihren Mann Frank (Leonardo DiCaprio) in scheinbar entrückter Überlegenheit straft.


Bis dahin hat Kate Winslet in der Rolle der April Wheeler immer wieder versucht, ihren Mann von der Idee zu begeistern, ihrer Suburb-Öde eine Wendung abzuringen. Sie ermutigt ihn, dann beschwört  und schließlich bekniet sie ihn, einen radikalen Schnitt ihres Familienlebens mitzutragen. Ein Umzug nach Paris soll den Glamour, die Leidenschaft und vor allem Lebendigkeit in ihr Dasein bringen, die sie beide - vor allem aber sie - so schmerzlich vermissen. April schlägt vor, im fernen Europa die Brotverdienerin zu sein, während er sich auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin dann endlich selbst verwirklichen könne. Ungewöhnlicher und radikaler könnte das Vorhaben einer vierköpfigen Familie im USA der 50er Jahren nicht sein, als es als erstrebenswert galt, sich in einem beschaulichen Wohlstand niederzulassen.


Die Bedeutungslosigkeit und Mittelmäßigkeit ihrer Nachbarn ist ihnen ein Gräuel. Und so ziehen sie anfangs noch an einem Strang und wollen ihrem Ruf als untypisches Paar - das so scheinbar erhaben über allem Spießertum schwebt - alle Ehre machen. Doch gegen Ende ist April mit dem Plan auszubrechen, alleine. Der Mann, der sie noch anfangs mit seiner Ungewöhnlichkeit beeindruckte („Was interessiert Sie in Wirklichkeit?“ fragte sie ihn bei ihrer ersten Begegnung, worauf er antwortete „Süße, wenn ich darauf eine Antwort hätte, würde ich uns beide in einer halben Stunde zu Tode langweilen.“) wirkt plötzlich farblos und selbstgerecht. Spätestens als Frank seine Frau für ihr Sehnen nach einem anderen Leben der Undankbarkeit bezichtigt („Biete ich dir etwa nichts?“), weicht ihre Bewunderung und Liebe für ihn („Du bist das Schönste auf der Welt“) allmählich einer unaufhaltsamen Verachtung.


Regisseur Sam Mendes ist ein eindrückliches Porträt einer Ehe gelungen, in der es um Emanzipation und ungenutzte Chancen geht. Wenn der Film von so manchem Kinogänger als langweilig empfunden wird, dann mag es daran liegen, dass der Film vor allem „für erfahrene Paare mit Kindern entsetzlich viele Wahrheiten bereithält.. Und trotzdem hält er damit nicht nur Paaren vor Augen, was passieren kann, wenn man nach vorgefügten Mustern lebt- statt nach der eigenen Wahrheit.