Wissenswertes

Richtig entschieden fühlt sich lebendig an

Nicht jede Entscheidung, die wir treffen, gehört auch zu uns. Und die Psychologin Bärbel Heise meint, dass es Mut braucht, um Wahlfreiheiten zu nutzen.

100 000 Entscheidungen trifft die Frau durchschnittlich pro Tag – Männer wahrscheinlich auch, aber um die geht es nicht, wenn die Kölner Psychologin und Supervisorin Bärbel Heise über Entscheidungsnot und Entscheidungschancen spricht. Und über die Frage, warum Frauen scheinbar zögerlicher wählen.

100 000 – eine Menge. Das fängt mit der Frage an, ob man gleich aufsteht oder noch mal die Augen schließt, welche Schuhe man anziehen soll und endet mit der Entscheidung, den Herzallerliebsten zu verlassen oder ihm noch eine Chance zu geben. Und in unsicheren Zeiten werden es ständig mehr Wahlmöglichkeiten, vor die wir gestellt werden. „Wir leben in einer Zeit, die uns alle Freiheit gibt – und damit auch die Freiheit zu wählen. Schon allein die Wahl für den richtigen Handyvertrag kann sehr schwierig sein“, so erklärt Bärbel Heise.

Das Problem? „In dem Wort Entscheidung steckt das negativ und emotional besetzte Wort Scheidung.“ Dabei habe eine Entscheidung nichts mit Verlust, sondern mit Stimmigkeit zu tun, meint Bärbel Heise. Wer eine Entscheidung treffe, der soll wählen – und für sich die Wahl so treffen, dass am Ende ein Gefühl von Zusammengehörigkeit mit dem Ergebnis entstehe. Das ist bei der Frage, welchen Pullover man anzieht, natürlich einfacher als bei der Frage, ob man eine Beziehung beenden oder einen Job wechseln sollte. Heise: „Vor allem Frauen der älteren Generationen neigen zu  Entscheidungsnot. Sie wägen sehr lange ab und machen ihre Entscheidungen von gesellschaftlichen Normen und Moralvorstellungen abhängig.“

Generell sei eine Entscheidungsnot aber kein Problem, vielmehr ginge es darum, Strategien für stimmige Entscheidungen zu treffen. „Eine gute Entscheidung ist die, mit der man sich lebendig fühlt. Das ist umso wichtiger, je schwieriger die Wahlmöglichkeit ist“, verrät die Supervisorin. Beispiele? Bärbel Heise ist um solche nicht verlegen und kommt auf eine Frau zu sprechen, die das Bedürfnis hatte, ihren Freundinnen freudig mitzuteilen, welches Schnäppchen sie beim Shopping erstanden hatte. „Die Frau hatte die Befürchtung, dass es total kindisch sei, dies so stolz herzuerzählen – aber eigentlich war es ihr ein Bedürfnis, ihre Freude zu teilen.“

Leider kreisen nicht alle Entscheidungen um so einfache Dinge. Bei einem Vortrag war der Psychologin auch schon einmal aus dem Publikum der Fall einer Frau erzählt worden, die sich aus Krankheitsgründen dazu entschließen musste, ihre Kinder  eine Zeit lang wegzugeben. „Sie wusste, dass das nicht gut ist für ihre Kinder –und ihre Entscheidung wird gesellschaftlich geächtet. Eine Mutter, die ihre Kinder weggibt, findet bei dieser Entscheidung keine Unterstützung. Dann trotzdem mutig zu einer solchen Entscheidung zu stehen, ist sehr schwer!“, so habe die wohl richtig angemerkt.

Aber genau das sei es, was es so schwierig mache, die richtigen Entscheidungen zu treffen und dazu zu stehen, meint Bärbel Heise: Prozesse der Entscheidungsfindung sind fast immer auch mit Stress verbunden – seelischem und körperlichem. Sigmund Freud riet seinen Patienten und sich selbst, alle unwichtigen Entscheidungen wohlüberlegt und mit Ratschlägen von Freunden, wichtige Entscheidungen dagegen aber aus dem Unterbewusstsein heraus zu treffen. „Ergebnisse aus der Neurobiologie stützen diese These. Entscheidungen sind Impulse im Gehirn“, so Bärbel Heise. Impulse, die im besten Fall das Tor zur Freiheit sein können.