Starke Frauen

Rollenwechsel - Wie bunt können wir sein?

Einmal Unternehmerin – immer Unternehmerin? Ist der Schritt in die Selbstständigkeit eine Lebensentscheidung?

Unternehmerinnenbilder sind selten vielfältig. Gezeigt wird schwarz oder weiß, Erfolg oder Misserfolg. Der ganz normale Alltag dazwischen hat in der Öffentlichkeit nichts verloren. Dabei finden die eigentlich spannenden Lebens- und Unternehmens- entscheidungen dort statt. Denn dort steht die Rolle auf dem Prüfstand – die eben nur mit einem Rollenwechsel gelingt. Wo kleine Unternehmen große Kunden verlieren, von denen sie jahrelang gut gelebt haben. In der Krise entsteht Raum für neue Ideen, wenn eine nicht an ihrer Rolle klebt. Manchmal sind das neue Produkte oder neue Geschäftsfelder. Oder eine neue Identität.

 

Anne Koark zieht seit der Pleite ihres Unternehmens als „Pleitier“ durch die Lande und kämpft für eine „Kultur der zweiten Chance“. Ihr Verlag heißt Insolvenzverlag – wenn das kein Rollenwechsel ist. Manchmal führt der Weg von Unternehmerinnen auch weiter. Wieder raus aus der Selbstständigkeit in eine neue Rolle, die Festanstellung heißt. Und das muss kein „Aufgeben“ oder ein „Rückzug“ sein, sondern kann auch eine mutige und riskante Entscheidung sein. Über diesen Weg wird meistens geschwiegen. Warum eigentlich?


Vor Jahren wollten eine freiberufliche Kollegin und ich gemeinsam eine Büroetage mieten. Raus aus dem einsamen Dasein im so genannten Home-Office in ein „richtiges“ Büro. Irgendwie wurde nichts draus. Wir verloren uns aus den Augen. Monate später trafen wir uns zufällig wieder. Ich hatte das Büro allein bezogen. Die Kollegin hatte in der Zwischenzeit eine feste Stelle als Texterin in einer Agentur angenommen und erzählte davon, als müsse sie sich schämen. „Aber es ist doch so“, erwiderte sie auf meinen Einwand. „Selbstständigkeit, das klingt nach Freiheit und Selbstbestimmung. Jetzt bin ich abhängig beschäftigt, klingt das nicht ziemlich unselbstständig?“


Wer aus der Selbstständigkeit ins Angestelltenverhältnis wechselt, auf den rollen die Bilder nur so zu. „Die Selbstständigkeit aufgeben“ klingt nach Scheitern. Ein solches vermutet man schnell, wenn aus einem Unternehmer oder einer Freiberuflerin Angestellte werden. Umgekehrt funktioniert das nicht. Oder kennen Sie die Formulierung: Sie ist in ihrem Job gescheitert, jetzt hat sie sich selbstständig gemacht. Wohl nicht (mal ausgenommen die Bilder rund um Gründungen aus der Arbeitslosigkeit).


Gemeinhin ist die Rede vom mutigen Sprung ins kalte Wasser, vom Wagnis, von der Risikobereitschaft. Selbst bei denen, die scheinbar aus der Not gründen: Auch sie werden darin unterstützt, Unternehmergeist zu entwickeln. Und entdecken tatsächlich oft ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten.


Das Unbehagen bleibt. Selbstständigkeit vs. Angestelltendasein. „Dasein“ – klingt auch nicht gerade dynamisch. Freiheit vs. Abhängigkeit. Da mutet es ungewöhnlich an, wenn die Journalistin Burgel Langer, die nach über 20 Jahren Freiberuflichkeit Lehrerin wurde, sagt: „Viele Kollegen haben mir zu meinem Mut gratuliert.“ Andere ernten eher Bedauern oder Mutmaßungen hinter vorgehaltener Hand. „Sie hat’s wohl nicht geschafft“, hörte Anke Rohn-Maas. „Hatte vermutlich zu wenig Aufträge.“


Dabei ist längst „nicht jeder Abbruch eine Pleite“, so der Titel einer Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Auch wenn die Empiriker hier die Abbrüche von öffentlich geförderten Gründungen aus der Arbeitslosigkeit beschreiben, so ist das Ergebnis dennoch spannend. 40 Prozent derer, die die Selbstständigkeit vor dem Ende der 3-jährigen Ich-AG-Förderung aufgaben, fanden einen neuen Job. „Sie waren wieder attraktiv für Arbeitgeber“, sagt Frank Wießner, der die Studie durchgeführt hat. „Und sie haben sich aus der Selbstständigkeit offenbar sehr rational und aus persönlichen Gründen für eine Alternative entschieden.“


Die Kölner Unternehmensberaterin Evelyn Brock, Inhaberin von FAIRE CARRIÈRE, kennt diese Phase aus ihrer Beratungsarbeit. „Ich probiere das erst mal aus“, sei eine immer häufiger anzutreffende Einstellung von Gründerinnen. „In den ersten Jahren gibt es einen gedachten Weg zurück.“ Denn angesichts der großen persönlichen Veränderungen mit der Gründung könnten viele erst im Alltag einschätzen, ob ihnen diese Rolle passt.


Dass gestandene Unternehmerinnen allerdings noch die Alternative „feste Stelle“ im Hinterkopf haben, glaubt Pia Bohlen-Mayen, seit 10 Jahren mit der Community- Agentur Xbyte in Erkrath selbstständig, indes nicht. „Unternehmerin zu sein, ist eine Lebensentscheidung. Und die muss ohne Rückkehr gedacht werden. Ohne Alternative. Sonst werde ich in jeder schwierigen Situation – und die erlebt jede Unternehmerin – an die Alternative denken. Eine schlechte Voraussetzung für Erfolg.“


Frank Wießner und Evelyn Brock kennen auch andere Beispiele. Da verkauft der erfolgreiche Diskothekenbesitzer seinen Laden nach vielen Jahren, weil er feststellt: Ich fühle mich dafür zu alt, das ist mir alles zu laut. Und arbeitet als angestellter Kaufmann „nine to five“. Da entscheidet sich die viel reisende freiberufliche Trainerin für eine Festanstellung, weil sie den beruflichen Alltag besser mit ihrer Familie vereinbaren will. Es sind die Lebensumstände, die die Entscheidung für oder gegen die Selbstständigkeit prägen. Zuweilen sogar stärker als der viel beschworene Unternehmergeist. Vielleicht geht der ja gar nicht verloren, sondern trifft einen Chef oder eine Chefin, die ihn zu nutzen wissen…


Dabei muss der Weg hin zu einer festen Stelle sensibel geplant sein. Denn die Bilder, die Selbstständigen vorauseilen, sind stereotyp. „Dass die Aufgabe eines Unternehmens nach Scheitern klingt, hat damit zu tun, dass viele immer noch glauben, alle Unternehmer verdienten viel Geld“, glaubt Evelyn Brock. „Also kann der Fall nur tief sein.“ Ein anderes Drama taucht spätestens im Bewerbungsgespräch auf: „Wer lange selbstständig war, gilt nicht unbedingt als teamfähig. Man glaubt, er oder sie wird sich schwer einfügen oder unterordnen können.“ Und wer die Selbstständigkeit dann noch aufgrund wirtschaftlicher Probleme aufgibt, betritt einen schmalen Grat: Erfolglosigkeit und Eigenwilligkeit bilden dann eine komplizierte Mischung im Fremdbild. „Wichtig für eine Bewerberin ist, eine Haltung einzunehmen. Wer sich aus der Selbstständigkeit heraus um eine Stelle bewirbt, sollte ganz genau überlegen: Wie erzähle ich die Geschichte?“


Auch eine Pleite und der Umgang damit lassen sich als professionelle und emotionale Leistung darstellen. Eine Aufgabe, die nach Meinung der Beraterin gar nicht so anders ist als die Frage nach der Motivation bei der Gründung , z.B. aus der Arbeitslosigkeit. „Auch da reicht es nicht zu sagen ‚Ich habe eben keinen Job gefunden’, um Ziele zu entwickeln.“ Wie die Gründung ist also auch der Weg zurück ein großer Schritt und ein persönlicher Einschnitt. Für Pia Bohlen-Mayen ein Grund dafür, einen fließenden oder womöglich häufigeren Wechsel zwischen Erwerbsformen für reine Theorie zu halten. „Als Unternehmerin übernehme ich Verantwortung , und die hängt man nicht einfach in den Wind, gibt sie nicht leichthin ab oder auf.“ Stichwort: Lebensentscheidung.


„Wer wechselt, wechselt auch zwischen zwei Lebensformen“, sagt Pia Bohlen-Mayen. Sie beschreibt eine Erfahrung, die viele Unternehmerinnen machen: „Seit ich selbstständig bin, hat sich auch mein privates Umfeld verändert. Ich gehe mit meiner Zeit ganz anders um, meine Einstellung zu Arbeit hat sich verändert. Das Klagen derer, die angestellt sind, konnte ich sehr schnell nicht mehr ertragen. Heute klage ich über andere Dinge. Aber ich klage seltener!“


Und wie sieht es die Arbeitsmarktforschung? „Es gibt keinen Trend , und es gibt keinen Mainstream“, sagt Frank Wießner. „Die Welt ist bunt. Die selbstständigen Frauen sind noch ein bisschen bunter.“

Weiter geht's im Heft 3/07 der "existenzielle".

 

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Der Textbeitrag wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von "existenzielle" - dem Magazin für selbständige Frauen.

 

Zum Themenschwerpunkt der aktuellen existenzielle-Ausgabe:

"Kriminell lesenswert"
„Man muss das Grauen in Worte fassen“, sagt Gisela Friedrichsen über ihre Arbeit. Deutschlands bekannteste Gerichtsreporterin spricht im existenzielle-Interview über ihren Weg zum Spiegel und ihre Leidenschaft für Prozesse. Im Rahmen der „Kriminalgeschichten“ in der aktuellen existenzielle stellen sich außerdem Krimi-Autorinnen, Detektivinnen und ‚kriminelle’ Personaltrainerinnen vor.
In der Herbstausgabe des Magazins für selbstständige Frauen stehen daneben Rollenwechsel und Krisen im Unternehmerinnen-Alltag im Mittelpunkt. „Ich bin insolvent, aber nicht kriminell“, sagt Anne Koark im Interview. Und die Unternehmensberaterin Anne M.Schüller weiß: „Kunden kommen wieder, wenn man sie bittet.“

 

Mehr dazu in Ausgabe 3/07, erhältlich im Bahnhofsbuchhandel oder direkt beim Verlag: www.existenzielle.de. Dort finden Sie auch das ganze Heft im Überblick und aktuelle Leseproben.

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