Weibchenschema

Rote Rosen für Vati - Teil 1

Das bisschen Haushalt...

Von: Sabine Korsukéwitz, Fotos: Andrea Simonato, photocase.com

vom 08.05.07

Emanzipation, Frauenbewegung? Das ist doch eigentlich alter Käse, hat man gedacht. Weil, bei Lichte betrachtet, haben wir bereits ganz schön viel geschafft. Und doch genügt da eine kleine geschäftstüchtige Provokation a là Hermann, und schon liegen sich wieder alte und junge Frauen in den Haaren: Die, die was „erreicht“ haben und die, die „nichts daraus machen“, Karriere- gegen Familienfrauen, überhaupt eben: Frauen gegen Frauen.


Vonseiten der Männer hört man von Identitätskonflikten. Neulich sagte ein Bekannter erbost zu mir: „Warum sollen eigentlich immer die Männer auf was verzichten?“ Tja – warum?


Zeit für eine Bilanz, einmal nicht durch die üblichen Verdächtigen. Wie sich das Verhältnis von Männern und Frauen seit den 50er Jahren verändert hat und was eigentlich von all den emanzipatorischen Errungenschaften „unten“ angekommen ist, das erzählen in den nächsten Wochen Männer und Frauen zwischen 80 und 18 hier bei MissTilly.

 

 

Der zweite Anlauf: Die 50er Jahre


Ruinen, Rosinenbomber, Reparationen – Kalter Krieg und Rock’n Roll. Die Mode, als es wieder welche gab, betonte den sexuellen Unterschied: Breite Schultern bei den Herren, die X-Form bei den Damen. Sehr kleidsam! Rein äußerlich war damit die Welt wieder in Ordnung.


Denn ja, in den Fifties war die erste Frauenbewegung schon fast vergessen und Mutterkreuze noch nicht lange her. Der 85-jährige Kaufmann Johannes S. fasst es so zusammen: „Es war eine Zeit, die 50er Jahre, da ging unser ganzes Streben nicht in politische Richtungen, sondern es galt: Wie kommen wir wirtschaftlich wieder auf die Beine?“


Angebot und Nachfrage auf dem Heiratsmarkt hielten sich durchaus nicht die Waage. Ein vergilbtes Foto aus den Fifties: Ein Straßencafé zwischen Ruinen, an den Tischen sitzen fast ausschließlich Frauen – in dünnen, x-mal geänderten Flatterkleidchen, Heim-Dauerwellen unter topfartigen Hütchen, unter ihnen Agnes K., die in einer Frauenschule gerade ihre Ausbildung zur Sozialarbeiterin oder „Fürsorgerin“, wie das damals hieß, hinter sich hatte. Sanft und schüchtern lächelt ihr jüngeres Ich aus einem silbernen Bilderrahmen auf dem Kaffeetisch. Die Agnes K. von heute ist eine weißhaarige, energische Dame, mit der man ohne Not keinen Streit anfangen möchte.


„Ich war 17, als der Krieg losging und mit 16 habe ich mich das erste Mal verliebt, und mein Freund, den ich dann hatte, der ist im Krieg gefallen. Ich hätte gerne geheiratet, aber es gab ja keine Männer.“

Johannes S. gehörte zu denen, die Glück hatten. Er kam unversehrt aus dem Krieg zurück und heiratete seine Jugendliebe, die auf ihn gewartet hatte. Über den weiteren Verlauf des Zusammenlebens waren sich beide durchaus einig. Es wurde gemacht, wie es immer gemacht wurde. „ Wir hatten eine relativ genaue Einteilung: Meine Frau stieg aus dem Geschäftsleben völlig aus. Ich konnte aber bei ihr großes Interesse an meinen beruflichen Dingen feststellen. Allein schon ihr verständnisvolles Zuhören war mir sehr viel wert. Entscheidungen im Haushalt hat meine Frau getroffen. Sie besprach dieses und jenes mit mir, aber das letzte Wort hatte sie - so wie ich in allen beruflichen, finanziellen Dingen der Entscheidende blieb. Auch die Erziehung der Kinder war ihre Aufgabe: Ich bekam nur die Zeugnisse zu sehen und zu unterschreiben. Das Innenleben in der Familie oblag ihrer Entscheidung. Alles, was nach draußen ging, das war dann meine Sache.“


Frau S. kam aus einer wohlhabenden Familie, sie führte ein großes Haus mit Dienstboten. Noch heute strahlt das einen Abglanz vom 19. Jahrhundert aus. Erinnerungen an irgendwelche emanzipatorischen Auseinandersetzungen hat der alte Herr nicht. „Das Verhältnis von Männern und Frauen war zunächst von großem Respekt geprägt, weil ja doch während des Krieges die Frauen weit gehend die Jobs der Männer übernahmen, bis zu den stinkigsten hinunter.“ Was niemanden daran hinderte, die Frauen aus diesen Jobs zu entlassen, wenn die Männer wiederkamen, denn sie galten ja nur als Platzhalter. Im Beamtenrecht war das sogar ausdrücklich so vorgesehen.


„Na ja...“, sagt Johannes S. langsam und nachdenklich, „vielleicht hat dieses Muss, die Arbeitsstellen von Männern zu übernehmen, dazu beigetragen, dass die Frauenwelt erkannte: ‚Mein Gott, was die können, das können wir ja auch!’ Und dass das dann das Selbstbewusstsein stärkt, das hat sicherlich zu der Frage der Gleichberechtigung ganz Erhebliches beigetragen.“ Ganz sicher hatte es das. Mancher Heimkehrer musste feststellen, dass seine Sprösslinge plötzlich zur Mutti liefen, um sich zu erkundigten, ob seinen Anweisungen Folge zu leisten sei.


Die Leistung der daheim gebliebenen Frauen war denn auch ein wesentliches Argument im Ringen um den Paragraphen 3 Absatz 2 des Grundgesetzes. „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“. Diesen Satz konnten die wenigen „Mütter“ des Grundgesetzes erst nach erheblichem Widerstand ihrer männlichen Kollegen und nach Mobilisierung der mehrheitlich weiblichen Öffentlichkeit einbringen. Die Umsetzung dieses schönen Vorsatzes im Alltag, nämlich durch die entsprechenden Änderungen im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) wurde verschoben. Es folgten langwierige, teils absurde Diskussionen, in denen sogar Evas Ursünde wieder hervorgeholt wurde.


Agnes K. stammt, anders als der Kaufmann S., aus einfachen Verhältnissen. Ihre Mutter bestand auf einer soliden Berufsausbildung auch für die Töchter:

„Die Mutter war bei uns die starke Persönlichkeit und hat uns erzogen - also wir waren zwei Schwestern und zwei Brüder - indem sie uns vermittelte: Jungs, wenn ihr gescheit seid, heiratet früh, und zu uns Töchtern: Also Mädchen, wenn ihr gescheit seid, dann heiratet gar nicht. Das war ein Scherz sozusagen: Die Frau ist immer die Dumme in einer Ehe, wollte sie vielleicht darstellen. Bleibt alleine, dann geht’s euch besser.“ Daran hat sie sich gehalten, erst zwangsweise, dann aus Überzeugung. „Der Beruf war für mich das Wichtigste. Ich habe viele Freunde gehabt, aber niemals einen Mann, den ich hätte heiraten mögen.“ Für viele sah so die Wirklichkeit aus.


Die Medienwelt produzierte fröhlich daran vorbei. Es gibt da diese berühmte Pudding-Werbung aus den 50er. „Sie wissen ja, eine Frau hat zwei Lebensfragen“, sagt da eine heitere Männerstimme aus dem Hintergrund, während eine hübsche Frau durch ihre Einbauküche wirbelt. “ Was soll ich kochen und was soll ich anziehen?“


Die meisten Frauen ließen sich derartige Witzchen gefallen und lächelten charmant darüber, denn „charmant“ hatten Frauen zu sein; die das nicht fertigbrachten, wurden in missfallendem Ton bezeichnet als .. „...jene alten Frauenrechtlerinnen, die glaubten, es genüge schon, wenn man sich so gebärde wie ein Mann, um ernst genommen zu werden“ wie die SPD-Politikerin Herta Gotthelf einmal feststellte.


In Ostdeutschland, wo die politische Kultur an sozialistisches Gedankengut der Weimarer Zeit anknüpfte, waren die Forderungen der ersten Frauenbewegung nicht vergessen:1950 trat in der DDR das „Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau“ in Kraft. Über 500 Paragraphen des BGB wurden auf einen Schlag aufgehoben.


In der BRD dagegen galten immer noch Bestimmungen von 1900: Der Mann hatte das Entscheidungsrecht sowohl in allen Ehe- als auch Erziehungsfragen und konnte ein Arbeitsverhältnis seiner Frau fristlos kündigen. Frauen hatten keinerlei Verfügungsgewalt über ihr in die Ehe gebrachtes Vermögen. In guten Ehen spielte das sicher keine große Rolle...


„Ich weiß noch, meine Brüder: In beiden Fällen haben die Frauen eine sehr gute Ausbildung gehabt, aber nie gearbeitet. Meine Brüder sagten: Meine Frau braucht nicht zu arbeiten, nicht? Ich verdiene doch genug Geld.“, erinnert sich Agnes K. „Die eine ist auch Sozialarbeiterin gewesen, aber hat praktisch nie gearbeitet, weil mein lieber Bruder das gar nicht geduldet hat. Ich meine, heute ist meine Schwägerin sehr alt und es tut ihr Leid, wenn sie sieht, wie ich lebe, wie selbstständig ich bin, wie ich selbst für mich entscheiden kann – sie muss immer ihren Mann fragen. Schrecklich!“ Sie lacht und es schaudert sie auch ein bisschen.


Berufstätigkeit wurde von der Frauenbewegung jahrzehntelang als Allheilmittel betrachtet. Das mag in dieser absoluten Form falsch gewesen sein, aber es wurde bedingt durch die konservative Familienpolitik der 50er Jahre. Eine seltsame Parallele: Damals wie heute hatte die Politik Sorge vor dem Aussterben der Deutschen. Unter dem rauschenden Beifall der Abgeordneten forderte Konrad Adenauer in seiner Regierungserklärung am 23.Oktober 1953 die „Stärkung der Familie und dadurch Stärkung des Willens zum Kind! Der Rahmen für die Entfaltung eines gesunden Familienlebens ist das Heim.“


Genau dort sollte die Frau gefälligst bleiben. Die Stellung der Frauen im Nachkriegsdeutschland wurde über zwei Achsen definiert: Die der individuellen Rechte und die der Funktion von Frauen als Ehefrau und Mutter. Und diese Funktion sollte unter allen Umständen erhalten bleiben. Adenauers Familienminister Franz-Josef Wuermeling machte deutlich, worum es wirklich ging: "Millionen innerlich gesunder Familien mit rechtschaffen erzogenen Kindern sind als Sicherung gegen die drohende Gefahr der kinderreichen Völker des Ostens mindestens ebenso wichtig wie alle militärische Sicherung."

 
Als „Familie“ galt allerdings nur das Modell „Vater, Mutter, Kind“ - und das ungeachtet der Tatsachen, die ja der Krieg geschaffen hatte. Das Ansinnen, die Mutterfamilie in den Genuss von Familienfördermitteln kommen zu lassen, wurde von der konservativen Politik hartnäckig zurückgewiesen. Die „Normalfamilie“ sollte mit allen Mitteln zementiert und geschützt werden. Die gesetzlichen Anpassungen ans Grundgesetz wurden letzten Endes den Gerichten überlassen.


Demnächst hier: „Schluss mit Mutti“: Die Sixties, wie die revoltierenden Studenten ganz unabsichtlich die Frauenbewegung wieder belebten.

 

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Zitate müssen bei der Autorin angefragt werden.

 

 

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