Weibchenschema

Rote Rosen für Vati – Teil 2

Schluss mit Mutti: Die 60er Jahre

Von: Sabine Korsukéwitz, Fotos: photocase.com

vom 16.05.07

 

Die 60er Jahre: Berliner Mauer, Fernseher werden langsam erschwinglich (wenn auch mancher noch zum Fernsehen zu Nachbarn geht), Flowerpower, sexuelle Revolution, Kommune, LSD und Minirock. Und wie die Geschichte immer wieder bewies: Wer Reformen versäumt, riskiert, an der Laterne zu enden.


Der Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetzes - „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ wurde von den 4 weiblichen Angehörigen des Parlamentarischen Rats gegen den Widerstand ihrer 61 männlichen Kollegen und unter Mobilisierung der (mehrheitlich) weiblichen Öffentlichkeit erstritten. Doch mit der Umsetzung im Alltag und im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) haperte es noch gehörig.

Fernsehserien zeigten nach wie vor Frauen, die in Krisensituationen kreischten und umfielen. Die Vorstellungen der „moral majority“ waren auf Vorkriegsniveau. 1966 heißt es in einem Bericht der Bundesregierung über die Situation der Frau in Beruf, Familie und Gesellschaft:

„Pflegerin und Trösterin soll die Frau sein; Sinnbild bescheidener Harmonie, Ordnungsfaktor in der einzig verlässlichen Welt des Privaten; Erwerbstätigkeit und gesellschaftliches Engagement sollte die Frau nur eingehen, wenn es die familiären Anforderungen zulassen.“


Doch 1968 endlich schien die „einzig verlässliche Welt des Privaten“ zu implodieren. Frauen verlangten nun nachdrücklich, an der Gestaltung der Gesellschaft beteiligt zu werden. Beispielsweise gründete die Filmemacherin Helke Sander, Jahrgang 1937, Anfang 1968 den „Aktionsrat zur Befreiung der Frauen“:

Diese Frau, der personifizierte Alptraum jedes konservativen Mannes, hat gerade ihren 70. Geburtstag gefeiert, wirkt wie höchstens 60 Jahre, hat ein energisches, waches Gesicht von fransig-kurzen, schwarzen Haaren umrahmt und erscheint ziemlich dominant und einschüchternd. Militant wurde Sander damals aus einem simplen und ursprünglich persönlichen Grund:


„Weil ich damals ein Kind hatte und immer freiberuflich war und geschieden war und kein Geld bekam von nirgendwoher - und ja, mich auch betätigen wollte, ich gleichzeitig aber sah, wie katastrophal die Zustände waren, als Mutter und Intellektuelle und Verantwortliche gleichzeitig das alles irgendwie zu schaffen. Und Kindergärten gab es eigentlich für Frauen wie mich nicht. Die waren hauptsächlich für Leute im festen Beruf, Angestellte, Arbeiterinnen und so weiter – und ganz schrecklich waren die überfüllt, überlastet.


Das ging ja Hand in Hand, die Gründung der Kinderläden, damit die Frauen aus der linken Szene, die schon Kinder hatten, sich auch an diesen ganzen politischen Sachen beteiligen konnten. Weil: Dass Männer das gemacht haben, davon war damals noch keine Rede. Kein Mann wäre mit einem Kinderwagen auf die Straße gegangen. Das war vollkommen unmöglich. Und – haben die Frauen gesagt - müssen wir sehen, wie wir das alles unter einen Hut kriegen.

Also der Anfang war die Kinderfrage.“


So einfach wäre es also mal gewesen. Aber wie sagte die kluge Frau, deren Buch in jenen Jahren zur Pflichtlektüre wurde? „Niemand ist den Frauen gegenüber aggressiver oder herablassender als ein Mann, der seiner Männlichkeit nicht ganz sicher ist.“ (Simone de Beauvoir.)


Nun entdeckte die Studentenbewegung das Unrecht, das auf der ganzen Welt geschah, Krieg und Unterdrückung allüberall, und sie hatten sehr Recht damit.

In der Konsequenz führte das aber in eine Richtung, an die sie noch gar nicht gedacht hatten, wie Helke Sander – amüsiert ihren Milchkaffee schlürfend – auseinandersetzt:

„Die Frauen, die haben gesagt: Man muss einfach an unseren Interessen ansetzen weltweit, weil die Arbeiterinnen sind die Unterdrücktesten und die Ausgebeutetsten, und man muss ansetzen an diesen Interessen der Frauen überhaupt. Das war so abwegig, dass Frauen sagten:’ Hier, Männer, nun müsst ihr euch nach unserer Politik richten.’ Das haben ja auch die Frauen nicht alle verstanden, obwohl das eigentlich eine gute Idee war.“


Im September 1968 hielt Helke Sander ihre berühmte Rede vor dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) – und wurde von den zumeist männlichen Delegierten belacht und ausgepfiffen. Am liebsten hätte man sie überhaupt nicht aufs Podium gelassen...

„Es waren ja wochenlang ohne mein Wissen Konferenzen dazwischen SDS Frankfurt – SDS Berlin, man wollte das verhindern, aber ich hab einfach aus Daffke reagiert , weil ich wusste: Die Frauen haben gar kein Geld, dahin zu fahren, die hatten die Kinder, die konnten gar nicht hinfahren. Und ich hab gesagt: Na ja, wenn ich da nicht reden darf, dann komm ich eben mit 500 Frauen. Und als sie mir das geglaubt haben, da habe ich gedacht: Na, Jungs, so viel versteht ihr denn auch nicht vom Leben! Am Abend haben sich praktisch in jeder Universitätsstadt welche getroffen, weil da waren ja Delegierte da von allen, es gab dann Frauengruppen in jeder Stadt, danach, schon am Abend!

Das hat sich dann ganz schnell herumgesprochen.“


Aus heutiger Sicht war die herablassende Reaktion der SDS-Männer unverschämt, damals war sie normal:

„Man darf nicht vergessen, dass die auch alle noch sehr jung waren. Die meisten sind ja noch nicht so richtig als Väter, höchstens als Schwängerer in Erscheinung getreten zur damaligen Zeit. Da fehlte denen viel Verständnis. Ja, das wäre heute sicher anders, viele kriegen ja erst mit fuffzig ihr erstes Kind oder bekennen sich dazu, ich meine von den Männern. Das waren vollkommen andere Welten.“


Die Gleichberechtigung kam – wie Willy Brandt später einmal sagen sollte – wie eine Schnecke auf Glatteis voran: Statt „Frauenlohngruppen“ gab es nun „Leichtlohngruppen“ mit demselben Effekt; geschiedene Männer mussten statt nur bis zum 16. Lebensjahr nunmehr bis zum 18.Lebensjahr ihrer Kinder Unterhalt zahlen. Das Familiengesetzbuch der DDR empfahl Eheleuten immerhin, „ihre Beziehung so zu gestalten, dass die Frau ihre berufliche und gesellschaftliche Tätigkeit mit der Mutterschaft vereinbaren kann.“ Zumindest im sozialistischen Staat wird die Berufstätigkeit der Frau von Staats wegen ermöglicht und unterstützt.


Seien wir ehrlich: Die meisten jungen Frauen und Mädchen interessierte mehr das, was sie immer interessiert hat: Mode, Make up und Männer. Warum auch nicht? findet Frau Sander.

„Wir hatten ja auch alle Freunde, das war nicht das Problem, wir wollten ja auch was mit Männern zu tun haben, zumindestens sexuell.“

Sex wurde in den Sixties erstmals öffentlich diskutiert, Aufklärung war „in“. Die Sensation war das filmische Aufklärungswerk von Oswald Kolle für Erwachsene. Man erfuhr, was man bislang offenbar noch nicht wusste: „Das Vorspiel ist außerordentlich wichtig für die Steigerung des geschlechtlichen Verlangens auch wiederum besonders für die Frau, deren Erregungskurve sanfter ansteigt als die des Mannes.“


Eine ganz andere Revolution hatte inzwischen im Stillen stattgefunden: Zum Ende der 60er Jahre hin begann sich der Gebrauch der Antibabypille zu verbreiten: Sex ohne Angst, Mutterschaft auf Wunsch –die Kinderfrage geriet in den Hintergrund.

 

 

Im nächsten Teil der Serie: "Die Farbe lila – die 70er"

 

 

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