Weibchenschema

Rote Rosen für Vati - Teil 3

Die Farbe Lila: Die 70er Jahre

Neue soziale Bewegungen, Emma, Lavalampe, Discowelle, Plateausohlen. Das war typisch für die 70er Jahre. Modisch näherten sich die Männer noch weiter an Frauen an: Schlaghosen und Rüschen, Buntes für die Herren, aber auch Saures.


Doch wie ging es mit der Emanzipation weiter? In den 70ern begann eine Frauengeneration zu lieben, zu arbeiten, zu studieren, die schon auf einigem aufbauen konnte: Die erste Frauenbewegung, die durch die Nazis erstickt und im muffigen Adenauer-Deutschland vergessen wurde, die sexuelle Revolution, die Pille und zögerliche Ansätze, den Grundgesetzparagraphen 3 Absatz 2 in die gesellschaftliche Wirklichkeit zu überführen – wenn auch nur sehr zögerlich. Die 70er waren eigentlich eine Abrechnung mit der Vätergeneration. Zu spüren bekamen das aber die Söhne.


Dr. Ingeborg S., Jahrgang 1952, hat Anfang der 70er Jahre angefangen Sozialwissenschaften zu studieren. Die konventionelle Ehe ihrer Eltern hat sie nicht als gutes Beispiel empfunden.

„Mein Vater hatte hohe Erwartungen. Er wollte, dass meine Mutter den Haushalt führt, nebenbei noch ein bisschen Geld verdient und die Kinderbetreuung übernimmt. Er hat sich um uns nicht so viel gekümmert. Im Haushalt hat er nicht viel gemacht. Das war für mich kein Vorbild. Ich hatte mir damals vorgenommen, ich heirate nicht vor meinem 25. Lebensjahr, und damals war ich gerade mal 12 Jahre alt, und 25 zu sein, das war in so weiter Ferne, so dass mich das erstmal entlastet hat. Also ich musste mich mit diesem Rollenmodell, mit dieser gesellschaftlichen Erwartung nicht weiter auseinandersetzen.“


Ingeborg S. ist berufstätig, geschieden, kinderlos. Im Wohnzimmer häufen sich Bücher und Zeitschriften. Auf dem Tisch prangt – einzige Dekoration – eine lila Tischdecke. An einer Kette um den Hals trägt sie ein auffallendes silbernes Schmuckstück: Es stellt weibliche Brüste dar. „Krass“ würde man selbst heute noch sagen. Damals kam das Tragen so eines Stücks einer Revolte gleich. Die ersten Einflüsse der Studentenrevolte hat sie noch im Elternhaus in der westdeutschen Provinz erlebt:

„Ich habe dann damals auch begonnen, Simone de Beauvoir „Das andere Geschlecht“ zu lesen und hatte Freundinnen, mit denen ich mich gut darüber austauschen konnte. Eine Freundin, die hat mir hier so einen Modeschmuck, 1970 oder 72, diesen Anhänger geschenkt ,und sie hatte sich den auch umgehängt, und das war für uns so ein Symbol, dass wir unseren eigenen Weg gehen möchten.“


Hatten in den 60er Jahren Frauen noch darum , Mutterschaft und gesellschaftliche Mitwirkung miteinander verbinden zu dürfen, so bricht jetzt ein Sturm los:

Die zweite Frauenbewegung: Dolle Minnas in den Niederlanden, BH-Verbrennungen in den USA, „Frauenaktion 70“ in der Bundesrepublik. Die Journalistin Alice Schwarzer importiert die Aktion „Ich habe abgetrieben“ aus Frankreich“. Alles, aber auch alles wird jetzt öffentlich ausgetragen. S. erinnert sich an eine wissenschaftliche Untersuchung, die damals an ihrem Institut durchgeführt wurde:

„Bis in die Gegenwart wird ja immer noch diskutiert, ob es unterschiedliche Moralen gibt: Haben Frauen eine andere Moral als Männer? Das wurde dann aber widerlegt, und zwar wurde eine Betroffenheitsbefragung durchgeführt: Das fünfte Gebot, du sollst nicht töten - bei Männern betraf es den Kriegsdienst und bei Frauen die Abtreibung. Und da stellte sich heraus, dass eben eine moralische Haltung sehr stark von der individuellen Betroffenheit abhängig ist. Und dass diese These, dass Männer eine höhere Moral entwickeln, nicht haltbar ist.“


Bei der ganzen Abtreibungskampagne ging es natürlich um Notlagen, aber mehr noch um eine Beendigung der Bevormundung durch Kirche, Staat und Gesellschaft. „Mein Bauch gehört mir!“ Nina Hagens durchaus hintersinniges „Unbeschreiblich weiblich“ wurde zur Hymne:“ Und vor dem ersten Kinderschrein muss ich mich erstmal selbst befrei’n!“ - Die jungen Frauen gingen auf die Straße, und viele ältere sahen das durchaus mit Wohlgefallen. Die 85jährige Sozialarbeiterin Agnes K. war von der Frage nie betroffen, sagt aber: „Ich fand das in Ordnung, was die Frauen da machten, das fand ich rundrum in Ordnung!“


Eine wesentliche Gesetzesänderung von 1972/73 war in dem ganzen Geschrei relativ wenig beachtet worden: Die Öffnung der Rentenversicherung für Hausfrauen, also eine sehr beachtliche Ungerechtigkeit für Familienfrauen war gemindert.


Thema der 70er jedoch war der Paragraph 218, der nach dem Willen der sozialdemokratischen Regierung 1974 fallen sollte. Erleichtert, aber fast entschuldigend erklärte Willy Brandt nach einer langen Bundestagsdebatte: „Wenn uns die Notlage vieler Frauen wirklich berührt, dann gibt es aus meiner Sicht und aus der Sicht, die so abgestimmt haben wie ich gestern Abend, keinen anderen Weg zu einer Regelung, als den Weg zu einer Beratung ohne Angst und ohne Instanzen frei zu machen.“


Bereits ein Jahr später wurde die Fristenlösung vom Bundesverfassungsgericht kassiert. In der DDR war man weiter und nutzte das auch gern zu Propagandazwecken:

In salbungsvoll-selbstgefälligem Ton verkündete ein Sprecher im DDR-Rundfunk:„Die außerordentlich verantwortungsvolle Entscheidung über die vorzeitige Beendigung einer Schwangerschaft wurde in der DDR der Frau selbst übertragen.“


Halten wir uns vor Augen: 1949 wird die Gleichberechtigung ins Grundgesetz geschrieben, aber der „Stichentscheid“ in allen Familienfragen bleibt dem Mann überlassen. Erst 1977 bringt die entscheidende Wende im Familienrecht: Partnerschaftlich soll von nun an alles entschieden werden. Doch privat ist jetzt nichts mehr: Sexualität und Rollenverhalten, Hite Report, Gewalt in der Ehe. Die ersten Frauenhäuser werden gegründet. Die erste Frauenquote gibt es '79 bei der Parteigründung der Grünen. Im Alltag ist vieles noch beim Alten, stellt die Sozialarbeiterin Agnes K. fest: „Mein Beruf, das war ja ursprünglich ein ausgesprochener Frauenberuf. Da kamen ja langsam die Männer rein. Und dann erlebte ich in den 70er, 80er Jahren, dass da Männer sehr schnell leitende Positionen übernahmen, obgleich sie ganz neu in den Beruf kamen und die Frauen... das hat viele verärgert!“

 

 

Im nächsten Teil der Serie: "Die 80er"

 

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