Weibchenschema

Rote Rosen für Vati - Teil 5

Wann ist ein Mann ein Mann? Die 90er Jahre und mehr.

Eines Tages kam eine blonde TV-Ansagerin und fraß das Gras, das schon über die Gleichberechtigungsdebatte gewachsen war. Schwupps, da ist sie wieder. Aber meine Lieben: Wir wollen doch nicht undankbar sein - oder?

 

Rekapitulieren wir: 1950, da konnte ein Mann noch die Arbeitsstelle seiner Frau
kündigen, wenn er sie lieber am Herd haben wollte. Seitdem hat sich vieles zum Besseren geändert, auch wenn man dazu etwas Nachdruck üben musste
In den 80ern hatten wir sogar mal eine kurze Frauen-Sturm-und-Drang-Zeit. Darauf folgt erfahrungsgemäß immer ein Biedermeier- oder war es Brenningmeier?

 

 

Die 90er und ein sonniger Ausblick


„Wann ist ein Mann ein Mann?“ fragten nette Männer sich Ende der 80er besorgt. Da wurden sie aus Seminaren und gewissen Cafés ausgeschlossen und schon beim Frühstück als „Chauvi“ tituliert. Das war ungerecht. Aber es sollte in den 90ern noch viel schlimmer kommen. Gab es da nicht so ein Hip Hop - Stück, in dem sich Frauen über des Mannes edelstes Teil lustig machten? Und Männerwitze kamen auf, gestrickt nach folgendem Muster: „Mann wirft Frau aus dem 10.Stock. Wo steht’s zu lesen? In der BZ. – Frau wirft Mann aus dem 10.Stock. Wo steht’s? In Schöner wohnen.“

 

Die 90er Jahre in Deutschland waren ganz der Wiedervereinigung gewidmet und da standen sich dann plötzlich auch Frauen-Welten gegenüber: Die der heldenhaften Traktorfahrerin und die der verwöhnten West-Tussi.

 

Martina S., Jahrgang 49, hatte in der DDR eine leitende Stellung als Biologin und fand das ganz normal: „Aufgewachsen bin ich mit einem Männerbild bzw. Frauenbild, das von Gleichberechtigung ausgegangen ist. Also Schule, Studium, Beginn des Arbeitslebens. Innerhalb des Arbeitslebens, glaube ich, war die Frau gleichberechtigter, als ich das heute kennenlerne. Es war sicherlich eine durch Frauenbeauftragte, durch Parteibeschlüsse aufoktruierte Gleichberechtigung. Es war trotzdem eine Männerwelt, die von Frauen durchsetzt war.“

 

Für die Frauen „Ost“ brachte die Wiedervereinigung Rückschritte, nicht nur was die Fristenlösung und die Kindergärten betraf: „Jetzt haben die ehemaligen DDR-Männer ihr Denken in Bezug auf die Frau verändert: Für die DDR-Männer war es bequem das zu übernehmen... diese Nicht-Gleichstellung der Frau, wie sie – so denke ich - in den Köpfen der BRD-Männer war. Diese Teilung der Geschlechterrollen. Es ist ungewöhnlich, dass die Frau heute mehr verdient. Es ist ungewöhnlich, dass die Frau in einer Führungsposition ist und der Mann nicht.„

 

Grundsätzlich war eine partnerschaftliche Organisation der Familie auch im Arbeiter- und-Bauern-Paradies vom freiwilligen Wohlverhalten der Männer abhängig. Doch gab es für die berufstätigen DDR-Frauen eben eine Alternative zur Ehe, sagt die gelernte Schäferin Jacqueline K.: „Ich glaube aufgelehnt haben sich die Frauen im Osten nicht so sehr, die haben dann eher für sich entschieden, dass wenn zum Beispiel nicht auf ihre Ansprüche reagiert wurde, man sich eben scheiden ließ. Man war ja nicht abhängig – ganz viele Frauen haben schließlich gearbeitet. Da hat man gar nicht Ewigkeiten diskutiert oder versucht jemanden zu ändern, sondern entschieden: Dann ohne ihn.“

 

Jacqueline ist sehr klein, äußerlich zart, dabei durchsetzungsfähig, Mitte 30, geschieden. Ihren Sohn Kevin erzieht sie allein. Gewundert hat sie sich über manches, als der Blick auf den Westen plötzlich unverstellt war: Zum Beispiel war sie vorher „Schäfer“, nachher „SchäferIN“.... „Dass ich auch drauf hingewiesen wurde von Kolleginnen: Du bist jetzt so und so, irgendeine Berufsbezeichnung mit „In“ dran, weil „wir Frauen müssen ja kämpfen“, Dass man kämpfen muss, das hatte ich überhaupt nicht so in meiner Entwicklung erlebt.“

 

Mit Kämpfen ging es dann erst los. Jacqueline K. stellte fest, dass man als Frau im Westen ganz anders behandelt wurde, als sie es gewohnt war: „Ich habe kurz nach der Wende eine andere Wohnung und auch eine andere Beschäftigung gesucht. Doch es war schier unmöglich als alleinerziehende junge Frau eine Wohnung oder einen Job zu finden. Also das kannte ich vorher überhaupt nicht. Ohne Ansehen der persönlichen Verhältnisse wurde zu DDR-Zeiten eben auch eingestellt.„

 

Doch wir wollen nicht unbescheiden sein: In den 90er Jahren wurde das Nachtarbeitsverbot für Frauen aufgehoben, Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe gestellt, ausländischen Ehefrauen ein eigenes Bleiberecht zugestanden, die freizügige DDR-Regelung des Schwangerschaftsabbruchs durch eine Quasi-Fristenlösung mit Zwangsberatung abgelöst, „Gender mainstreaming“ eingeführt - und misstrauisch beäugt, weil jede Seite meint, dass es der anderen nützt. In der Mode: Schmale Schultern für den Herrn, groteske Säcke für die Dame, die abwechselnd verdecken, was an Frauen schön und eigen ist, oder alles zeigen –zuviel.

 

Das 21. Jahrhundert beginnt: Im Fernsehen immer noch Lindenstraße, wenn auch im Weltraum. Magere Models , Essen als Freizeitbeschäftigung, Kultur des Genusses. Sex- und Jugendtyrannei. Die Ansprüche sind erstickend. Eine Schauspielerin von gestern spricht die Worte für morgen: „Die Emanzipation ist erst dann vollendet, wenn auch einmal eine total unfähige Frau in eine verantwortliche Position aufgerückt ist.“ Wer das gesagt hat? Heidi Kabel.

 

Im neuen Jahrtausend ist die Gleichberechtigung wieder in einen gemütlichen Schlenderschritt gefallen. Man hat Chauvis beschimpft, Lila-Latzhosen-Weiber belächelt, das weibliche Talent zum Kuchenbacken abwechselnd gelobt und geschmäht, Männer und Frauen analysiert – das Pendel schwang hin und her. Eine neue Generation wagt ihr Glück miteinander.

 

Da ist zum Beispiel Benjamin D., Journalist, 1976 geboren. Seine Mutter war allein- erziehend. Rollenklischees hat er zu Hause nicht kennengelernt: „Mir ist aufgefallen, dass ich als Kind einer alleinerziehenden Mutter anders aufwachse als andere. Wenn ich bei Freunden war, bei denen die Mutter meistens vormittags zu Hause war in den Schulferien, dann hat die Brote geschmiert oder es roch nach frisch gewaschener Wäsche. Diesen Geruch gab’s bei uns immer nur am Wochenende. Die Waschmaschine hatte von montags bis freitags frei, weil wir Jungs nicht selber gewaschen haben, sondern das alles im Team gemacht haben. Die gleichberechtigte Arbeit mit einer Frau war für mich selbstverständlich, weil wir als Familie, drei Söhne und eine Mutter, ganz viele elementare Haushaltsaufgaben zusammen erledigt haben.“

 

Na bitte, da isser doch, der „neue Mann“! Benjamin D. ist weder „Softie“ noch „Macho“ – er ist einfach er selbst. Das Männerdasein macht ihm kein Kopfzerbrechen, eher die Frage, wie er mit seiner Partnerin das Leben gemeinsam meistern wird: „Ich glaube die Möglichkeiten sind nicht optimal – bis heute. Die Möglichkeit, Gleichberechtigung im Job, in der Beziehung und in der Rolle zu den Kindern zu haben, die ist immer noch gering. Ich weiß aber nicht, ob man da überhaupt eine politische Lösung findet. Es gibt ja jetzt das Elterngeld, und ich kann mir vorstellen, wenn wir mal Kinder haben, zu Hause zu sein, wenn meine Freundin, die Lehrerin ist, zur Arbeit geht. Das ist auch eine Frage von Gleichberechtigung ,von der ich profitiere. Weil ich es als Gewinn empfinde, Zeit mit den Kindern zu verbringen. Ich fände es sehr armselig, wenn ich - während meine Frau mitbekommt, wie die Kinder größer werden - den ganzen Tag bei der Arbeit bin.“ So ein Vati kriegt dann auch rote Rosen zum Frauentag.

 

Sophie K., Jahrgang 1986 ist Praktikantin und möchte in die Werbung. Von den tumultösen Ereignissen der 60er bis 80er Jahre weiß sie nicht viel, nur. „Es hat sicher eine ganze Menge gebracht; ohne diese ganzen Bewegungen wären wir Frauen heute nicht da, wo wir jetzt sind - und ich denke, dass die Frauen da auch recht zuversichtlich sein können: dass es in den nächsten Jahren und in den nächsten Jahrzehnten immer entspannter wird und dass Männer und Frauen auf der gleichen Ebene ankommen.“

 

Wir sind noch nicht da. Aber fast, nur die Mütter müssten eben mitziehen, meint Sophie: „Ich bin auch immer wieder entrüstet, wenn man manchmal in Familien kommt und dann mitkriegt, dass die Jungs so gut wie gar nichts zu Hause leisten müssen: Die Jungen können den ganzen Tag vor ihrem Computer sitzen und chatten, PC spielen, Sport machen. Aber dass dann auch mal so ein bisschen Haushalt mit gegeben wird, ein paar Haushaltsaufgaben mit verteilt werden, das ist nicht der Fall! Aber früher oder später werden ihre Frauen ihnen schon sagen, wat sie zu tun haben!“
Na dann...viel Glück!

 

 

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