Weibchenschema

Rote Taschen raus

Gleiches Gehalt für gleiche Leistung – egal, was man zwischen den Beinen hat. Das sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Doch davon sind wir noch weit entfernt. Weshalb am 15. April die Frauen auf die Straße gehen: Der „Equal Pay Day“ kommt nach Deutschland.

Von: Bärbel Kerber

vom 14.04.08

Wir sind im 21. Jahrhundert angekommen und mittlerweile so erprobt (und scheinbar erfolgreich) frauenbewegt, dass man meinen könnte, die Forderung nach Gleichberechtigung wäre inzwischen fast überflüssig. Weswegen sich die jüngste Generation der Feministinnen auch ohne verbissene Kampfparolen „relativ ideologiebefreit“ und mit hohem Spaßfaktor präsentiert. Also alles eitel Sonnenschein? Oder gilt eher Vorsicht: Harmoniefalle? Bei allem Respekt für die Errungenschaften der Alt-Feministinnen und Verständnis für den leichteren Ansatz der Jung-Feministinnen – ein wenig Arbeit liegt noch vor uns.

 

Denn: Immer noch gibt es eine überdeutliche Ungleichbehandlung in der Bezahlung von Frauen und Männern. Das WSI-Tarifarchiv der Hans-Böckler-Stiftung hat genauer nachgerechnet: Frauen in Deutschland erhalten durchschnittlich 22 Prozent weniger Gehalt für dieselbe Arbeit als Männer. Wie groß der Unterschied genau ist, hängt dabei von Branche, Berufen und Alter ab. Es reicht, fand der Verein „Business and Professional Women Germany“ (BPW Germany) und rief für den 15. April 2008 den ersten deutschen „Equal Pay Day“ aus.

 

Wer hat denn nun daran Schuld? Die Männer? Weil diese ihre weiblichen Kollegen ausboten? Oder die Frauen selbst? Weil sie ungern über Geld sprechen? Und sich dadurch häufig unter Wert verkaufen, Scheu haben, für „ihren“ Marktwert einzustehen und ihn einzufordern? Dass hier ein Teil des Hundes begraben liegt, ist sicher. Nicht umsonst haben Bücher ebenso wie Kurse zum Thema „Frauen und Geld“ allerorts Hochkonjunktur. Weniger glauben mag man, dass es mit der ungleichen Entlohnung am Ende gar nicht so schlimm und weit her ist, weil die Realität eine andere sei – wie von manchen Männern argumentiert wird. Die Seite Manndat.de verkündet, die Benachteiligung der Frauen gehöre „ins Reich der Mythen und Märchen“ und bemüht zum Beleg einige Statistiken, Expertenmeinungen und nicht wenige Klischees: Wie beispielsweise, dass das Jammern der Frauen nicht mehr sei als geschickt eingesetzte weibliche Opferhaltung. Und dass nicht etwa männliche Seilschaften Frauen an ihrem beruflichen Fortkommen behinderten, sondern diese sich selbst: Denn „Frauen agieren häufig extrem unprofessionell, weil zu emotional“.

 

Interessant ist die Gegenrede trotzdem. Denn der Autor hat zweifellos Recht, wenn er beklagt, es sei - im Gegensatz zur Lage der Frau - „das Bewusstsein über die Probleme, die Männer im Berufsleben haben, völlig unterentwickelt“. Manche Männer sind einfach wütend, weil sie „eine einseitig an Fraueninteressen orientierte Geschlechterpolitik“ sehen. Denn dies habe ihrer Ansicht nach „eine ganze Reihe von Ungerechtigkeiten zu Lasten von Männern hervorgebracht“. Deshalb allerdings eine Benachteiligung der Frauen in der Arbeitswelt rundweg abzubürsten, wirkt gewagt. Für diese sprechen einfach zu viele Studien von unterschiedlichsten Institutionen, die alle unisono bestätigen: Frauen bekommen für ein und dieselbe Arbeit weniger bezahlt als ihre männlichen Kollegen. (Der BPW Germany hält eine beeindruckende und umfassende Datensammlung hierzu bereit).

 

Nun, wer oder was für den Einkommensrückstand der Frauen verantwortlich ist, steht am 15.April erstmal weniger im Vordergrund. Dem „Equal Pay Day“ geht es nicht um Schuldzuweisungen und Ohren-lang-Ziehen. Er will vorrangig darauf aufmerksam machen, dass hier etwas im Argen liegt. Und will die Ungleichbehandlung wieder stärker ins Bewusstsein der Menschen bringen.

 

Die Idee für den „Equal Pay Day“kommt aus den USA, die Umsetzung setzt auf feminine Attribute – denn die Farbe „Rot“ steht im Zentrum. Wesentliche Aktion des Tages ist die Rote-Taschen-Aktion: Dabei werden Frauen dazu aufgerufen, mit roten Einkaufstaschen, Handtaschen oder Geldbörsen unterwegs zu sein. Die rote Tasche steht dabei symbolisch dafür, dass Frauen buchstäblich weniger in der Tasche haben – eben „rote“ Zahlen in der Geldbörse. Die Hoffnung dahinter ist, dass eines Tages die „Frauen das fordern und bekommen, was ihnen zusteht.“

 

„Schluss mit dem Unsinn“ der Gehaltsunterschiede fordert übrigens auch das „Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen“ in einem gelungenen Kinospot und stellt damit – für manchen überraschend – eine große Portion Humor und Fortschrittsdenken unter Beweis. 

 

Rote-Taschen-Aktionen, Podiumsdiskussionen, Aktionen in Fußgängerzonen und andere Veranstaltungen zum „Equal Pay Day“ gibt es in über 25 Städten – also, nichts wie raus mit den roten Taschen und hin...

 

:::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::

 

Fotonachweise:

Fotos 1, 2 und 4: BPW Germany

Foto 3: Conservative Party, UK