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Rowlings' Neuer

"Ein plötzlicher Todesfall" ist J. K. Rowlings' aktueller Roman für Erwachsene. Ist er wirklich so schlecht, wie manche sagen?

"Viel zu viel Sex für zu wenig Erkenntnis". So fassen die Spiegel-Online-Rezensenten ihre Meinung über den ersten Erwachsenenroman der englischen Harry-Potter-Autorin zusammen. Außerdem werfen sie J. K. Rowling die Verwendung von viel zu vielen Klischees vor, aber das ist so bösartig wie dieser Roman.

 

Der Horror einer Kleinstadt

"Ein plötzlicher Todesfall" ist ein sehr lesenswertes Buch - wenn man wissen will, wie grausam es hinter den Kulissen einer nach außen besonders freundlich wirkenden Kleinstadt zu geht. In Rowlings neuem Universum hasst (fast) jeder jeden. Kinder ihre Eltern, die Etablierten diejenigen, die von Sozialhilfe leben, Alteingesessene alle, die von draußen zugezogen sind. Das schildert die weltberühmte Harry-Potter-Autorin perfekt, mit tiefem Einfühlungsvermögen. Dass sie für ihre gekonnten Portraits altgediente Klischees benutzt, kann man ihr nicht vorwerfen. In jedem Klischee steckt schließlich ein kräftiger Funken Wahrheit, sonst wäre es keines, und Rowling entlarvt diesen Kern mit großem schriftstellerischen Können.

Das ist der Unterschied zur Zauberschule von Harry Potter: Für ihn schuf J. K. Rowling eine neue Welt. In "Ein plötzlicher Todesfall" begnügt sie sich mit unserer bekannten: eine Kleinstadt irgendwo in England, hübsche Häuser im Inneren, die malerische Ruine einer Abbey auf dem Hügel drüber und eine Sozialbausiedlung am äußeren Rand. Ein Stadtrat stirbt plötzlich (Aneurysma im Gehirn), und ebenso zeigen seine Kollegen und Konkurrenten, wie dünn die Kulissen der Wohlanständigkeit sind.


Hinter der Fassade des Anstands

Klar, da geht es auch um Sex, zwischen Teenies wie bei den Erwachsenen, aber das ist hier nicht die Hauptsache. Viel wichtiger: Rowling versucht (erfolgreich!) zu schildern, wie weit jeder bei der Verfolgung seiner ganz privaten Vorurteile zu gehen bereit ist, nämlich sehr, sehr weit. Nicht gerade über Leichen - der tote Stadtrat bleibt über eine weite Lesestrecke die einzige -, aber über sehr viele Grenzen des Anstands und der Mitmenschlichkeit hinaus.

Das liest sich auf den ersten 50 Seiten meistens amüsant, aber eher unspannend, doch sobald der Frust, der versteckte Ärger und der Egoismus der Kleinstädter deutlicher wird, entwickelt der "plötzliche Todesfall" Thrill. Zum dramatischen Schluss wird mir die Geschichte zu kitschig, aber auch im Klischee von der Kitschvorliebe der Kleinstädter (besonders der englischen, besonders bei der Beerdigung von Kindern und Jugendlichen) steckt ja ein gutes Stück Wahrheit.

 

Bucherfolg auch ohne Berühmtheit?

Schlussfrage: Kann J. K. Rowling also auch für Erwachsene schreiben? Wurde ihr Buch nur wenige Tage nach seinem Erscheinen nur deshalb zum Bestseller, weil die Autorin so berühmt ist, oder steckt mehr dahinter? Ich finde, die Antwort auf Frage Nummer eins heißt - ja, sie kann schreiben. Auf Frage Nummer zwei: Zum rapiden Einstieg in die Bestsellerlisten verhalf dem Buch eine perfekt organisierte Marketingkampagne mit Rowling-Interviews in allen wichtigen Medien. Mit dem Harry-Potter-Zyklus wurde sie schließlich zur reichsten Frau Englands (vielleicht abgesehen von der Queen) und ist deshalb für jeden Journalisten interessant. Ohne diesen Ruhm wäre "Ein plötzlicher Todesfall" wahrscheinlich nur ein paar Feuilletonisten aufgefallen, aber das macht nichts. So oder so ist J. R. Rowlings erster Erwachsenenroman ein sehr lesenswertes Buch - zum Fürchten, wenn Sie selbst aus einer Kleinstadt kommen und sich daran erinnern können, wie gemein die Menschen dort hinter ihren Smiley-Masken sein können. Als gebürtiger Metropolit werden Sie den Humor und den Witz genießen, mit denen die Autorin ihre kleinen und großen "Helden" schildert.