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Rückkehr zur Menschlichkeit

Hier kommt etwas wirklich Neues. Der Dalai Lama entwirft ein Wertesystem, das über alle Religionen hinweg funktioniert.

Wer immer den deutschen Titel des neuen Dalai-Lama-Buches aussuchte und beschloss - er hat das Buch nicht gelesen. Dem religiösen Oberhaupt der Tibeter geht es nicht um die "Rückkehr" zu irgendetwas. Dazu hat er die uralten Forderungen der Weltreligionen viel zu gründlich studiert, weiß  außerdem über moderne Gehirnforschung und Psychologie zu gut Bescheid. Er will auch keine "neuen Werte in einer globalisierten Welt", wie es der deutsche Untertitel behauptet. Der Dalai Lama zeigt mit diesem schmalen Band etwas sensationell Neues:

 

Eine Ethik für die globalisierte Welt

Die ethischen Lehren von Buddhismus, Hinduismus, Christentum, Islam oder Judentum lassen sich auch ohne den Glauben an Gott oder Götter, an eine "höhere Macht" verwirklichen. Und das weit einfacher, als es auf den ersten Blick aussieht, denn:

Empathie, Mitgefühl für andere, das Bedürfnis, nicht nur das eigene Glück zu steigern, sondern auch das Leid anderer zu mindern, steckt in unseren Genen. Die moderne Gehirnforschung, Vergleiche mit dem Verhalten unserer Affenvorfahren, psychologische Forschungen von China bis in den hintersten Winkel des Amazonas-Urwaldes beweisen es täglich aufs Neue: Evolutionär gesehen ist der Mensch nicht des Menschen Wolf, wie oft behauptet wird. Oder nur in Ausnahmefällen. Im Normalleben fühlen wir uns nur wirklich wohl, wenn auch andere sich wohlfühlen. Und daraus leitet der Dalai Lama seine Ethik für die ganze, globalisierte Welt ab.

 

Kooperation statt Konfrontation

Mag sein, dass sie für Menschen wie mich, die nur an den Zufall der Evolution glauben, besonders einleuchtend klingt. Ein Blick in die Morallehren der Religionen und Philosophen (ganz abgesehen von der aktuellen Neuro- und Genforschung) beweist aber, dass Menschen auf der ganzen Welt immer wieder die gleichen Grundsätze als grundlegend verkündet haben. Der Wichtigste dabei ist die Rücksichtnahme auf andere. Wenn wir die in unser Leben integrieren - das ist der Kern der neuen Ethik, die der Dalai Lama hier verkündet -, wenn wir unser Mitgefühl für andere aktivieren, verhalten wir uns ethisch. Kooperation statt Konfrontation, Gewaltlosigkeit a la Mahatma Gandhi, Nelson Mandela und Martin Luther King statt Kampf und Krieg, Verzeihen statt Sünden der Vergangenheit immer wieder aufzuwühlen - das bringt uns weiter, ist wahrscheinlich sogar die einzige Chance, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern.

Auch auf sie geht der Dalai Lama in diesem wunderbar allgemeinverständlich und ganz ohne lehrerhaft erhobenen Zeigefinger geschriebenen Morallehre ein, auf Umweltstörung und ethnische Kriege, auf die Weltfinanzkrise, die Gier nach immer mehr Wachstum und die Erziehung künftiger Generationen, die nicht mehr durch die religiösen Überzeugungen ihrer Eltern geprägt werden.  Dazu kommt ein zweiter Teil, in dem der Dalai Lama über die "Schulung des Herzens durch geistiges Training" spricht. Auch hier wendet er sich nicht (oder nicht nur) an alle, die auf der spirituellen Suche nach einer Erleuchtung sind. Er liefert stattdessen Vorschläge, die auch der Ungläubigste täglich umsetzen kann.

 

Nicht leicht, aber machbar

"Glauben" muss er dazu nur an eines: Dass der Mensch sich selbst, seine Einstellung zu anderen ändern kann. Das ist, logisch, nicht gerade leicht, aber machbar. Ein Blick auf die Jahre nach dem letzten Weltkrieg zeigt aber: Nicht nur der Einzelne kann sich vom Gleichgültigen (oder Bösen) zu einem besseren Menschen erziehen. Es gelingt auch in der Masse. Der wachsende Einfluss der UN, die Gründung von Institutionen wie dem Internationalen Gerichtshof, die Höhe der Spenden, die von den sogenannten "kleinen Leuten" wie von Milliardären wie Bill Gates für andere ausgegeben werden, zeigen alle:

Trotz aller Konflikte wächst die Menschheit zusammen, wird Hass durch Mitgefühl ersetzt. Damit macht jeder Spender aber nicht nur Bedürftigere glücklich, sondern auch sich selbst. Schließlich versuchen wir alle ein Leben lang Glück zu finden und Leid zu vermeiden. Ethische Voraussetzung für einen solchen Lebensweg des Suchens und Vermeidens ist das Mitgefühl. Oder um es mit den nüchtern, pragmatischen Worten des Dalai Lama in diesem Buch zu sagen:

"Da wir soziale Tiere sind und nur als Teil einer Gruppe oder Gemeinschaft überleben und gedeihen können, kommt unserer Fähigkeit, uns in andere einzufühlen, bei unserem Streben nach Glück und Wohlergehen eine große Bedeutung zu."

Wie sagt man in Bayern so treffend? Pack'n wir's an!