Wissenswertes

Schlaffe Männer – überforderte Frauen

Die Geschlechterrollen bedingen, wie Männer und Frauen mit ihrem Körper umgehen.

Wenn es um Krankheiten geht, sind Männer die reinsten Jammerlappen, Frauen hingegen leiden still. Was ist dran an diesen Klischees? Zahlreiche wissenschaftliche Studien untermauern, dass beide Geschlechter einen falschen Umgang mit ihrer Gesundheit entlang tradierter Rollen kultivieren. Soll heißen: Männer achten generell weniger auf ihre Gesundheit, junge – gerade karriereorientierte – Frauen ignorieren die Warnhinweise ihres Körpers und überfordern sich oft permanent, ältere Frauen dagegen fügen sich in ihr Schicksal.

Diese Beobachtung hat auch die 49-jährige Gesundheitsberaterin Marion Woelk-Heder aus Bremen gemacht. Seit drei Jahren arbeitet die gelernte Medizinisch-Technische Assistentin (MTA) und Anti-Aging-Coachin mit ihren Kunden in intensiven Einzeltrainings. Macht aus schlaffen Waschlappen wieder ganze Kerle – und aus überarbeiteten und gestressten Nervenbündeln wieder Frauen, die mit beiden Beinen Boden unter den Füßen haben. Jetzt zieht die Gesundheitsexpertin erstmals Bilanz. Ihre empirischen Befunde werden von wissenschaftlichen Studien untermauert.

So kommt beispielsweise eine Kienbaumstudie zu dem Ergebnis, dass sich der Großteil der befragten Männer zu wenig bewegt, sich zu ungesund ernährt und nur selten genug Schlaf bekommt. Als Ursache für ihren Lebenswandel geben die Männer eine zu hohe Arbeitsbelastung an. Das mittlere Management ist, laut Kienbaum, besonders betroffen.

Die Selbsteinschätzung der Herren sieht dagegen anders aus: Populäre Umfragen haben ergeben, das sich zwei Drittel der Männer gut finden, 83,2 Prozent glauben sogar, die richtigen Körpermaße zu haben. Dabei ist ein großer Teil der Männerwelt von Übergewicht und den damit verbundenen Folgeerkrankungen betroffen. Die Selbstüberschätzung der Männer hängt auch mit der männlichen Geschlechterrolle zusammen. „Ein schlaffer, kranker Zustand passt einfach nicht zum Bild vom ganzen Kerl“, sagt die Bremer Gesundheitsberaterin Marion Woelk-Heder. Die meisten ihrer Kunden sind junge Manager, aber auch Managerinnen im Alter zwischen 28 und 38 Jahren.

„Es gibt nur schwarz oder weiß. Einige übertreiben es mit Kalorienzählen und bei den Nahrungsergänzungsmitteln, aber das Gros lebt ganz anders“, hat die Bremerin beobachtet. Das Bild vom „ganzen Kerl“ kollidiert spätestens dann, wenn man(n) im Job nicht mehr mithalten kann. Denn wer dauerhaft gestresst und krank ist, schafft auch sein Arbeitspensum nicht mehr.

„Der Körper baut sich etwa bis zum 30. Lebensjahr auf – danach beginnt der Alterungsprozess“, erklärt Woelk-Heder. Wer bis etwa 35 nicht schon mit Sport, einer ausgewogenen Ernährung und ausreichend Schlaf einen guten Gesundheitszustand gepflegt hat, wird vom Altern härter und schneller getroffen. Viele ihrer jungen Kunden hätten den Zustand eines 60-Jährigen. Dabei scheint es keinen Unterschied zu machen, ob die Männer in einer festen Partnerschaft leben oder nicht. „Es macht jeder sein Ding“, ist ein häufig gehörter Spruch. Die Männer nehmen sich offenbar keine Zeit für sich und ihre Körper.

An die Spätfolgen von jahrelanger Fehlernährung und mangelnder Bewegung denken sie dabei selten. „Das männliche Ernährungsverhalten wird von Bequemlichkeit dominiert. Die Herren tanken für ihr Auto „Super-Plus“, für sich selbst muss die Tiefkühlpizza von Aldi reichen. Hinzu kommt die Selbstüberschätzung. Viele sagen: Ich kann es mir leisten. Doch das ist ein Irrglaube“, erklärt die Gesundheitsberaterin.

Nicht mehr mithalten können, allen Anforderungen nicht mehr gewachsen zu sein – dass das Unvermögen in direktem Zusammenhang mit einem jahrelangen, ungesunden Lebensstil zusammenhängt, blenden vor allem Männer eher aus. So wissen nur wenige, dass dauerhafter Schlafmangel Übergewicht fördert oder Junk-Food die sexuelle Leistungfähigkeit mindert.

Aber auch bei den Frauen ist nicht alles im Lot. „Frauen haben häufig die größeren Belastungen. Mein Augenmerk liegt auch hier auf den bis Anfang 30-jährigen Frauen, meist junge Single-Frauen, die am Beginn ihrer Karriere stehen“, erklärt die 49-jährige Unternehmerin. Gerade bei den Karriereanwärterinnen findet die Expertin ein „männliches“ Verhalten im Umgang mit sich und ihrer Gesundheit wieder. Die Emanzipation hat den Frauen den Weg in die Männerdomänen geebnet – doch noch immer passen sich die Frauen eher an, als Dinge zu verändern. „Diese Frau nehmen sich ebenfalls häufig keine Zeit für sich. Es gibt nur hopp oder top. Die Frauen eifern den Männern nach. Dabei leiden sie oftmals unter dem Gefühl, doppelt so viel leisten zu müssen. Das tun sie auch – bis sie krank werden.“

Magenprobleme, Allergien und verscheidene Infekte findet die Beraterin bei ihren Kundinnen am häufigsten. Oft liegt es an der Ernährung. Die Frauen kochen selten, dafür bleibt ihnen kaum Zeit. Auch sie greifen eher zum Junk-Food, der Figur wegen oft zu Diätprodukten, denen es an gesunden Inhaltsstoffen mangelt. Wenn junge Karrierefrauen Sport treiben, ist es häufig Laufen. „Ich frage mich, ob diese Frauen vor etwas weglaufen? Im Vergleich zu älteren Frauen sind sie viel steifer“, hat Marion Woelk-Heder festgestellt. Viele ihrer Kundinnen fühlten sich einsam, aber sie wollten auch auf nichts verzichten. „Sie wollten ihr Ding machen – und sind darüber krank geworden“, lautet das Fazit der Coachin.

Marion Woelk-Heder plädiert für ein gesundes Verhalten für beide Geschlechter. Sich völlig den Anforderungen der Arbeit anzupassen, ist auf Dauer Gift für den Körper, sagt sie. Was schon für die Männer ungesund ist, kann für Frauen auch nicht gut sein. „Wir werden das nicht durchhalten“, lautet die Warnung. Dabei sei schon bei den ersten Anzeichen von Überlastung und Krankheit noch lange nichts zu spät. Wer sein Ernährungsverhalten, seine Schlafgewohnheiten und sein Sportverhalten umstellt, kann auch noch im Alter seinen Gesundheitszustand um ein Vielfaches verbessern. Grundlegend sei es nur, seine Bedürfnisse zu erkennen und sich nach ihnen zu richten – und einmal nicht der Arbeit Gewehr bei Fuß zu stehen. „Nur so kann es auf Dauer mit der Karriere klappen“, verspricht Marion Woelk-Heder.