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Hellwach in Japan

Eine Frau macht nachts kein Auge mehr zu: Haruki Murakami erzählt in „Schlaf“ von einem Erwachen aus dem Trott, den man Alltag nennt.

Sie kann nicht mehr schlafen. Schon siebzehn Tage geht das so. Und dennoch fühlt sich diese Frau nicht müde, im Gegenteil sogar: Sie wird immer vitaler, beginnt des Nachts ein Doppelleben und entdeckt dabei Dinge wieder, die ihr einst wichtig waren. 

Die Erzählung „Schlaf“ schildert eine Auflehnung, die höchst unerklärlich bleibt: Im Mittelpunkt steht eine junge Hausfrau und Mutter, die plötzlich verwundert auf das Hamsterrad blickt, in dem sich der eigene Alltag dreht. Putzen, kochen, einkaufen. Tag für Tag und in immergleichen Runden und Routinen. Selbst der Sex – längst nur noch planmäßig – mit dem Ehemann bleibt vor diesem Hintergrund ein Moment, das in Eintönigkeit verblasst.  

So weit, so gewöhnlich das alles. Vielleicht. Doch Haruki Murakami beschreibt das alles mit Worten, die zugleich entrücken und aufrütteln können: Kühl und lakonisch seziert der Autor hier das lauernde Ungenügen, das bald schon die Heldin in eine Art Bewusstseinsrebellion treibt, mit Folgen, von denen man nicht so genau weiß: Ist das jetzt Traum oder Wirklichkeit, Wahrheit oder Wunsch, was hier passiert?  

So oder so: Dem Superstar der japanischen Gegenwartsliteratur gelingt es, auch in „Schlaf“, einem nicht ganz neuen Text, mal wieder mit Grenzen zu spielen. Bereits 1995 erschien der Text in einem Kurzgeschichtenband hierzulande, nun wurde die Erzählung eigenständig auch als ein Buch herausgebracht, das eine unheilvolle Entwicklung skizziert. 

Dabei nimmt sich die junge Frau, die in dieser surrealen Nachtgeschichte nicht mehr schlafen kann, zunächst gar nichts heraus, was so ungeheuerlich wäre: Sie liest nur (seit ihrer Studienzeit erstmals wieder exzessiv und so dicke Romanschinken wie Tolstois „Anna Karenina“). Sie trinkt Cognac. Oder sie nascht sündige Schokolade, viel zu viel und allen Ängsten um die nicht mehr ganz so einwandfrei junge Figur zum Trotz. Eine Unvernunft, die harmlos bliebe, wäre da nicht überhaupt eine wundersame Kraft in den Werken Murakamis, die sich immerzu sträubt: gegen die Tatsachenlogik unserer Zeit nämlich und ihre Gesetze der Vernunft, Leistungsfähigkeit und Verwertbarkeit. 


Und so nimmt denn diese Geschichte auch einen ganz und gar nicht vernünftigen Verlauf: Eines Nachts entschließt sich die Frau zu einer einsamen Autofahrt in eine Stadt, die viel weniger verschlafen ist, als es gut wäre. Ein Aufbruch, der gefährlich ist, wie man bald schon ahnen kann. 

Die Illustratorin Kat Menschik hat mit Zeichnungen, die irgendwo zwischen Manga und japanischer Holzschnittkunst ihren Ausdruck suchen, eine reizvolle Interpretation dessen geschaffen, was uns hier erzählt wird. Auch diese Bilder – und ihre verlockenden Nachtblau- und Silbertöne – machen Lust, mal wieder zu einem Buch Murakamis zu greifen. Und das schon vor dem Herbst, in dem ein neuer Roman des Autors auf Deutsch erscheinen soll.