Wissenswertes

Schmerzgrenze

Der Arzt und Neurobiologe Joachim Bauer begibt sich auf die Suche nach dem Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt. Und weiß Erstaunliches zu berichten.

"Das sogenannte Böse" hat ausgedient. Definiert wurde es vor rund 50 Jahren in einem Bestseller des deutschen Verhaltensbiologen Konrad Lorenz. Er glaubte an Hand von Tierbeobachtungen nachweisen zu können: Der Menschen ist "von Natur aus" böse. Da das Buch kurz nach dem 2. Weltkrieg erschien, glaubte ihm alle Welt, aber inzwischen beweisen Hunderte von Untersuchungen:

Lorenz irrte. Fundamental. Die Evolution, auf die er sich berief, zwang den Menschen nicht auf den Pfad des Bösen. Im Gegenteil. Sie verstärkte die von unseren Affen-Vorfahren ererbte Tendenz zur Zusammenarbeit, zur Rücksichtnahme auf andere, zum Frieden statt zum Krieg.

 

Beleidigungen sind wie ein Fausthieb

Joachim Bauer, Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut, Professor an der Uni Freiburg, beweist es in seinem neuesten Buch über die menschliche "Schmerzgrenze". Hier liefert er die aktuelle Zusammenfassung all seiner ausgedehnten Forschungen (plus, natürlich, Kollegenerkenntnisse) und seiner früheren (nach wie vor sehr empfehlenswerten!) Psycho-Bestseller. Zum Beispiel über "Das Gedächtnis des Körpers. Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern", über Spiegelneuronen ("Warum ich fühle, was du fühlst") und "Das kooperative Gen. Evolution als kreativer Prozess".

Die verblüffende Quintessenz: Die so oft für die Unvermeidbarkeit menschlicher Grausamkeit verantwortlich gemachte Evolution ist tatsächlich unschuldig an Krieg und Folter. Oder zumindest weitgehend. Sie liefert keine Entschuldigung für prügelnde Männer oder aggressive Frauen, aber sie hat unser Gehirn so programmiert, dass wir den Ausschluss aus einer Gemeinschaft genauso als Schmerz empfinden wie einen Fausthieb. Oder Beleidigungen. Und darauf mit Aggression antworten.

Der Grund für diese Aggression ist - Angst. Weil wir uns einst, als unsere Vorfahren noch in kleinen Horden über die Savanne wanderten, nur in ihrer Gesellschaft sicher fühlten. Nur der Clan lieferte in der Dunkelheit Schutz vor Raubtieren und Nachtdämonen und sammelte tagsüber genügend Nahrung. Auch für die Schwachen. Die Jagd ist eine viel spätere Erfindung, und die Lust auf Fleisch blieb über Hunderttausende von Jahren hinweg eine seltene Abwechslung vom alltäglichen Früchte-Gemüse-Wurzeln-Nuss-Menü. Wie bei den Schimpansen heute noch.

 

Wenn sich Überfälle lohnen


Und der Krieg? Er eroberte sich noch viel später seinen Platz in der menschlichen Geschichte - erst als unsere Ahnen Ackerbau und Viehzucht entwickelten, Vorräte sammelten und männliche Hierarchien aufbauten - in den Jahrmillionen der Sammler war weibliche Intelligenz mindestens so wichtig wie männliche Stärke und deshalb Eva ihrem Adam gegenüber gleichberechtigt. Erst als es im Dorf des sesshaft gewordenen Nachbar-Clans etwas zu holen gab, lohnten sich Überfälle. So sehr, dass sich daraus eine Lust am Kampf entwickelte, die wir immer weiter pflegen.

Joachim Bauer geht es allerdings weniger um die kriegerischen Exzesse der Grausamkeit, die wir Menschen seit der Erfindung der Städte entwickelten. Stattdessen sammelte er einen Riesenhaufen Beweise für die Existenz der Schmerzgrenze. In Untersuchungen von Psycho-Neuro-Anthropo-Sozio-Theo- und, zum Beispiel, Zoologen. Und damit aus dem Alltagsleben. Da geht es um die "Gewaltbereitschaft innerhalb eines Landes" wie um die Frage von Neuroethikern (eine neue Berufsgruppe unter den Menschenforschern mit dem Schwerpunkt Religionen, Gesetze, Moral) nach dem "Zweck der Moral", um "Gerechtigkeit als menschliche Grundmotivation", die Macht (oder besser: die Ohnmacht) der Gene und - verblüffenderweise - sogar um "die Bedeutung der Ernährung" für ein friedliches Zusammenleben der Menschen (Kinder, die von klein auf ständig mit Süßigkeiten ruhig gestellt werden, haben als Erwachsene ein höheres Aggressionspotential als der Durchschnitt. Weil sie nicht gelernt haben, auf Lustbefriedigung zu warten.)

 

Angriff auf die Schmerzgrenze


Nein, ich werde Ihnen keine weiteren Antworten Joachim Bauers auf Fragen nach dem "Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt" (Untertitel der "Schmerzgrenze") beantworten. Das würde die Zahl Ihrer Aha-Momente mindern und damit Ihre Serotoninproduktion senken, die von dem klugen Professor mit der hier vorgestellten neuen Sicht der Gehirn-Psycho-Evolutionsforscher so angeregt wird (auch für Laien absolut verständlich!),  dass sogar Aggressionsbefürworter nachdenklich werden müssten - und sich voller Faszination durch das ganze Buch fressen. Seien es Karriereberater, Fußballtrainer oder die Ausbilder in den Militärorganisationen der Welt. 

Was aber lässt sich gegen den ständigen Angriff der modernen Gesellschaften auf unsere Schmerzgrenzen tun? Auch Joachim Bauer liefert keine allumfassende, global anwendbare Weisheit. Stattdessen hält er sich an einen Satz des US-Präsidenten aus dessen Rede zur Verleihung des Friedensnobelpreises. Bauers Schlusssätze für dieses Muss-Buch für alle, die mitdenken, mitreden und vielleicht sogar vernünftiger, fairer, freundlicher handeln wollen als bisher:

"Die Vorstellung von einer absoluten Gleichheit aller Menschen ist auch aus neurobiologischer Sicht keine sinnvolle Forderung. Doch die Schere der materiellen Ungleichheit darf sich nicht zu weit öffnen. Das menschliche Gehirn verfügt über einen neurobiologisch verankerten Sinn für Gerechtigkeit. Verstöße gegen die Fairness tangieren die Schmerzgrenze und werden Aggressionen nach sich ziehen. Daher sollten wir - in Anlehnung an das Zitat Barack Obamas - "nicht nachlassen, nach der Welt zu streben, die sein sollte."

Nachahmenswert, oder?