Weibchenschema

Schönheit

... ist meine Leidenschaft. Teil II

Warum können wir Schönheit so selten um ihrer selbst willen genießen? Meist spielt Neid eine große Rolle. Über die Kunst, sich an Schönem zu erfreuen, ganz ohne Besitzdenken. Und über den Blick hinter die äußere Hülle.

Von: Sybs Bauer

vom 17.12.07


Die Schwierigkeit mit der Schönheit zeigt sich ganz deutlich im Lande von Schneewittchens Stiefmutter oder in vielen Kindermärchen und in den griechischen Mythologien: Beim Kampf um die Schönheit, die Schönere, geht es letztendlich um die bloße Äußerlichkeit - selten spielen die wahren, tieferen Werte der Schönheit eine Rolle. Und natürlich geht es bei diesem Kampf um eine der 7 Todsünden: den Neid. Obwohl dieser heute gesellschaftlich tabuisiert ist, spielt die Werbung mit seinem Motiv immer klarer und deutlicher: mehr, größer, kräftiger, schneller – und suggeriert den Leuten, dass konkurrierender Besitz und Neid Glück erzeuge. Dabei deutet die heutige Psychologie auf ganz anderes: das Gegeneinander, das der Neid hervortreibt. Ein hochgefährliches Spiel.

Obwohl Schönheit meist ausschließlich mit Frauen assoziiert wird, ist doch die berühmteste überlieferte Verkörperung der Schönheit männlich: Adonis. Der griechische Mythos spricht von einer abstrakten Schönheit, ohne derenWesenszüge zu nennen, und lässt dabei jegliches Abbild vermissen - ebenso wie denkbare männliche Eigenschaften, das damals so wichtige Heldentum zum Beispiel. Adonis selbst scheint keine eigenen Worte gesprochen zu haben, und selbst sein Name ist inhaltslos: “Adonis” bedeutet nur die unpersönliche Anredeform “Herr”. Der Jüngling ist Objekt der Begierde und Besitz, um den die Götter heftig streiten. Und lange bevor er individuelle Fähigkeiten oder Vorzüge hätte erwerben können, unterlag er im Kampf mit dem Eber, dem Sinnbild der Sexualität, der ihn angeblich nur zu liebkosen suchte, und starb. Sein Tod ist der Tod der Schönheit selbst.Wird Schönheit liebenswürdiger durch fehlende Individualität und Wortlosigkeit? Führt sie (immer) auch zum eigenen Schaden des Trägers/der Trägerin?

Die in diesem Sinne verstandene Schönheit als Besitz und Äußerlichkeit ist damals wie heute ein gewaltiger Auslöser und gleichzeitig der Feind der Liebe. Schönheit ist ein Versprechen und zugleich eine Macht.

Könnte es sein, dass die Schönheit, die nur besessen werden will und mit innerer Leerheit verbunden wird, eher dem Wolf im Schafspelz gleicht?

Denn um wie viel näher kommt der deutsche Philosoph und Lyriker Otto Julius Bierbaum (auch Martin Möbius) der Wahrheit, als er sagte: ”Schönheit ist der Sinn der Welt. Schönheit genießen heißt: die Welt verstehen.”

Nun, die Welt verstehen zu wollen ist keine leichte Aufgabe und würde meine Gedanken zur Schönheit schlicht überfordern - obwohl laut Bierbaum es recht einfach wäre. Für die Schönheit sich zu öffnen und sie wahrzunehmen ist, so bin ich überzeugt, für uns alle möglich und erlebbar. Wohl jede/r kennt den Augenblick, der tief in der Erinnerung verankert liegt, mit einem Lächeln verbunden auftaucht und unsere Gefühle über Jahrzehnte in sich trägt. Oder, wer kennt sie nicht - Weihnachten steht vor der Tür -,, die großen und kleinen Geschenke, die von Erinnerungen und Begebenheiten erzählen, so spannend wie Omas Geschichten am Kachelofen.

So ist gerade zur Advents- und Weihnachtszeit Schönheit ein ideales Thema. Tage voller Erinnerung an die eigene Kindheit, an Bastelstunden mit Strohsternen und Goldengeln, das Ausstechen von Weihnachtsplätzchen, die Adventssonntage mit romantischen Sissi-Filmen oder 1001er Nacht, Gedichte lernen, Lieder einüben und die schlaflose Nacht vor Heilig Abend. Erlaubten wir uns heute die Rückbesinnung auf diese kindliche Unschuld und aktivierten wir all unsere Sinnesorgane, ließen sich erneut viele flüchtige Momente für die kleine Ewigkeit einfangen.

Und die Gedanken um die Schönheit erinnern uns, dass Geschenke kein Ausdruck von mehr, größer, schneller sein sollten, wie die Werbung es zu suggerieren versucht, sondern von Freude, Liebe und Zuneigung.

Und wenn Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, dieses wissende Lächeln über die Lippen huscht, verharren Sie einfach einen Moment länger als sonst und genießen Sie im Jetzt. Und wenn Sie Ihre schönen Momente, Gedanken und Ihre Freude über schöne Produkte und Geschenke mit anderen noch teilen, bewahren Sie kleine Anekdoten als Souvenirs für spätere Jahre....In diesem Sinne wünsche ich ein Weihnachtsfest voll üppig tiefer Schönheit!


** ...und weil Schönheit ein so weites Feld ist, wollen wir diesem Thema etwas mehr Platz einräumen, weswegen Sie hier auf MissTilly in Zukunft häufiger von Sybs Bauer dazu lesen können sollen.

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Sybs Bauer MA(RCA) ist Produkt- und Grafik-Designerin und schöpft aus einem vielfältigen Erfahrungsschatz aus London, Venezuela und Ghana und aus dem  Automobil-, dem klassischen Produkt-Design und dem grafischen Brandmanagement für ein Wechselspiel mit unterschiedlichsten Thematiken, verknüpfend und wieder auflösend, neu verwoben, in Frage gestellt, mit neuen
Resultaten und alten Werten. Vorbildung? Diplomiert in Deutschland, anschliessend am renommierten Royal College of Art in London den Master of Arts erhalten, war sie viele Jahre in bekannten Designbüros angestellt, lebte und arbeitete mehrere Jahre in Venezuela und ist seit 2000 in ihrem eigenen Studio "designkunst" in Hamburg aktiv in der "FormBildung" mit ihrer Liebe zur Ästhetik.

www.designkunst.com

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Fotonachweise:

1. Adonis-Statue, unbekannter Künstler (via wikipedia).
2. "Der Neid", Szene aus einem Darstellungszyklus (1475-1480) von Hiernonymus Bosch, der die sieben Todsünden beschreibt (via wikipedia). 
3. Shopping Mall, Foto: amr safey (via stock.xng).