Weibchenschema

Schönheit über alles?

Was für Mädchen heute wichtig ist. Und warum deshalb Jungs froh sind, Jungs sein zu dürfen. Eine Studie bringt ernüchternde Tatsachen zutage.

Warum bin ich gerne ein Mädchen? Bzw. warum bin ich gerne ein Junge? Die Grundschulpädagogin Renate Valtin von der Humboldt-Universität Berlin hat 10-Jährige einen Aufsatz zu diesem Thema schreiben lassen. Damit versuchte sie, eine Antwort auf die Frage zu finden: In welchem Ausmaß denken Kinder heutzutage noch in traditionellen Rollenklischees? Das Ergebnis ist überraschend und gleichermaßen ernüchternd. Mädchen betrachten Schönsein und Shoppen als ihre Kernkompetenzen, Jungs hingegen ihre Stärke und Geschicklichkeit. Die Aussagen von 2010 sind damit genauso stereotyp wie im Jahre 1980, als diese Aufgabe schon einmal gestellt wurde.

 

Jungs haben "Abenteuer in ihrem Leben", Mädchen müssen "sich schminken"

 

Kaum ein Junge wollte ein Mädchen sein. Viele Mädchen allerdings beneideten umgekehrt die Jungs, zum Beispiel darum, dass sie mehr Bewegungs- und Handlungsfreiheiten haben. "Jungen haben mehr Abenteuer in ihrem Leben", war von Mädchen zu hören. Die Jungs selbst sind ebenso der Meinung, dass sie es besser haben als Mädchen, die "sich schminken und Röcke oder Kleider tragen" müssen.

 

Was zudem auffällig ist, wenn man die Aufsätze von 2010 und 1980 vergleicht: Attraktiv zu sein, ist für die Mädchen sogar noch wichtiger geworden. „In den letzten 30 Jahren ist das Äußere, also Schminken, Kleidung, Attraktivität, für das Selbstbild der Mädchen besorgniserregend stark geworden“, so Valtin. Und darunter leiden sie spätestens, wenn sie Jugendliche sind. Wie stark weibliche Teenager dem Schönheitswahn der Gesellschaft ausgesetzt sind, zeigt sich darin, dass sie unzufriedener mit ihrem Äußeren sind als männliche Jugendliche. Das bleibt nicht ohne Folgen: Die männlichen Teenager verfügen über ein positiveres Selbstbild und eine ausgebildetere Ich-Stärke.


So kommen Mädchen ins Hintertreffen

 

Valtins Fazit: „Wie stark Rollenstereotype Mädchen beim Lernen behindern, ist unlängst ... beschrieben worden. Trotzdem ist es in konservativen Kreisen heute üblich, die Jungen als Opfer des Schulsystems zu betrachten und zu beklagen. Wenn man aber ... auf die Persönlichkeitsentwicklung allgemein schaut, ist festzustellen, dass weibliche und männliche Jugendliche am Ende der Schulzeit nicht gleichermaßen gut auf das Leben vorbereitet sind.“

 

Eine geschlechterneutrale Erziehung ist illusorisch. Weil wir Eltern häufig unbewusst noch sehr stark unsere eigenen Geschlechterbilder transportieren. Zudem wirken die „heimlichen Erzieher“, wie Castingshows, Vorabend-Serien und Produktmarketing mit ihren problematischen Geschlechterklischees hier oft viel stärker auf die Kinder und Jugendliche.

 

"Pink Stinks"

 

Vielleicht bräuchte es mehr Kampagnen und Aufklärung im Stile von „Pink Stinks“, wo es um wahre weibliche Werte und um nachahmenswerte Rollenvorbilder geht. Und mehr Auftritte von Katie Makkai wie dieser hier mit "Pretty".

 

 

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