Weibchenschema

Schönheit

. . . . ist meine Leidenschaft. (Teil III)

Wer ist zuständig für die Schönheit in Produkten? Ist Schönheit Frauensache? Wie sieht es hinter den Kulissen aus?

Von: Sybs Bauer

vom 28.01.08

Zuständig für die Schönheit in Produkten sind wir, die Industrie-DesignerInnen. Wobei der Begriff des Designs in den letzten Jahrzehnten auch stark missbraucht und überstrapaziert wurde. Vom Haar-Design bis hin zum Kerzen-Design – der ungeschützte Begriff taucht neuerdings überall auf. Mutiert Design – homöopathisch bis in die Haarwurzel verwässert – so nicht einfach nur zum Marketinginstrument?

Wer sich hier abgrenzen möchte, sollte keine Scheu haben und einfach die älteren (und relativ nüchternen) Begriffe der „Formgebung” und „Formgestaltung” wieder aus der Mottenkiste holen. Natürlich sind diese auf dem internationalen Parkett der Industrie nicht salonfähig – weil sie nicht englisch sind. Und natürlich gibt es auch schönere Wortschöpfungen als diese: „Créateur“ und „Créatrice” etwa gefiele mir als Berufsbezeichung wesentlich besser.

„Formgebung“ und „Formgestaltung“ aber machen alle weiteren Erklärungen so gut wie überflüssig. Zwar gibt es innerhalb des Designs die verschiedensten Bereiche, hier soll aber nur vom Industrie-Design die Rede sein: also von der Gestaltung und Entwicklung industriell hergestellter Produkte, wie Möbel, Konsumgüter aller Art, Investitionsgüter oder Fahrzeuge.

Trotz der Bedeutung, die das Industrie-Design für unser Umfeld hat, ist der Begriff selbst vielen kaum vertraut, und die Medien konzentrieren sich fast ausschließlich auf Werbung, Mode und Lifestyle. Und das, obwohl alle 3-dimensionalen Produkte um uns herum irgendwie und von irgendjemandem in Form gebracht wurden. Aber das „Design“ ist eben doch ein noch recht junger Berufszweig – erstmalig gelehrt am berühmten Bauhaus in den zwanziger Jahren.

Nicht zuletzt diesen Bauhaus-Anfängen ist es zu verdanken, dass das deutsche Industrie-Design heute weltweites Ansehen und Bewunderung geniesst. Ein Vorteil, von dem vor allem meine männlichen Kollegen profitieren: Asien schreit förmlich nach deutschem Design – sprich: nach deutschen Designern (für die Praxis) und Designprofessoren (in der Lehre).

Denn erstaunlicherweise verhält es sich so, dass zwar Frauen im Allgemeinen der bessere Geschmack zugeschrieben wird – die Schönheit in der Produktwelt aber ist (zu) häufig Männersache.

Bei asiatischen Firmen etwa – und auch bei den hierzulande ansässigen – sind Frauen im Design ein „no go“. In deutschen Firmen sieht es ein wenig besser aus. Dennoch: Das Industrie-Design ist, wie man sich denken kann, stark technikverbunden: Um Konstruktionen von Innenräumen und Innenleben geht es hier eben auch, für die man Materialverständnis und Wissen braucht – und ganz nebenbei auch die Zusammenarbeit mit Ingenieuren. Mit anderen Worten: Es geht hier um Bereiche, die wir – bis heute – nicht gerade als typische Frauendomänen sehen.

Was auch dazu führt, dass innerhalb des Industrie-Designs nach wie vor die Arbeit am Auto etwa bei den männlichen Kollegen ganz vorne in der Beliebtheit rangiert, während die wenigen (Quoten-)Frauen sich um Farben und Stoffe kümmern. Exterior-Design ist frauenfreie Zone. Und auch manch bekannte Markenküche – zumindest in der Benutzung das klassische Reich der Frau – wird ausschließlich von männlicher Hand gestaltet. Ein Ungleichgewicht zu Lasten der weiblichen Kreativität, die aber (leider) noch in vielen technisch orientierten Firmen anzutreffen ist.

Waren zu meiner Ausbildungszeit gerade mal 5 Prozent Frauen unter den Studierenden, stieg der Anteil in den letzen 5 Jahren zunehmend in Richtung „gender-balanced“ – ganz im Gegensatz zu der Anzahl der Professorinnen im Industrie-Design, die noch weit unter dem Bundesdurchschnitt von derzeitig 12,8 Prozent liegt.

Für kommende weibliche Industrie-Designerinnen gibt es also gar nicht so schlechte Aufstiegschancen, noch dazu vor dem Hintergrund, dass in der Industrie grundsätzlich der Nachwuchs fehlt. Doch Vorsicht: Mit der zunehmenden Globalisierung werden natürlich auch immer mehr Länder zu einem Faktor auf dem Weltmarkt, die mit unserer Entwicklung und unserem Denken in Bezug auf die Gleichstellung der Geschlechter nicht so viel anfangen können. Wird es also doch nicht so leicht für den weiblichen Nachwuchs, sich zukünftig besser durchzusetzen? Zumindest nicht für jene „Frauen“, die technikvernarrt sind – und sich in ihrer Arbeit nicht auf dekorative Accessoires oder ähnlich hübsches Beiwerk reduziert sehen möchten?

Fehlende funktionierende weibliche Netzwerke, fehlendes Verständnis der (männlichen) Machtstruktur und fehlende Selbstreflexion der Geschlechterrollen sind nur einige wenige Punkte, mit denen Frauen sich auf dem Weg zum Erfolg aber auch selbst ganz gerne und immer wieder in die Quere kommen. Das allerdings ist ein Problem, das man überall beobachten kann – und nicht nur im Design.

Übrigens: … dem Design ist das Geschlecht egal.


** ...und weil Schönheit ein so weites Feld ist, wollen wir diesem Thema etwas mehr Platz einräumen, weswegen Sie hier auf MissTilly in Zukunft häufiger von Sybs Bauer dazu lesen können sollen.

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Sybs Bauer MA(RCA) ist Produkt- und Grafik-Designerin und schöpft aus einem vielfältigen Erfahrungsschatz aus London, Venezuela und Ghana und aus dem  Automobil-, dem klassischen Produkt-Design und dem grafischen Brandmanagement für ein Wechselspiel mit unterschiedlichsten Thematiken, verknüpfend und wieder auflösend, neu verwoben, in Frage gestellt, mit neuen
Resultaten und alten Werten. Vorbildung? Diplomiert in Deutschland, anschliessend am renommierten Royal College of Art in London den Master of Arts erhalten, war sie viele Jahre in bekannten Designbüros angestellt, lebte und arbeitete mehrere Jahre in Venezuela und ist seit 2000 in ihrem eigenen Studio "designkunst" in Hamburg aktiv in der "FormBildung" mit ihrer Liebe zur Ästhetik.

www.designkunst.com


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Fotonachweise:

1. Zustimmschalter, Sybs Bauer, Auftraggeber Euchner GmbH&CoKG
2. "Poggenpohl", Küche
3. Navigiergerät, Porsche Design, Auftraggeber "Navigon"