Cool Tour

Schonungslos gegen sich selbst

Juliana Hatfield war mal richtig berühmt: Das ist einige Zeit her. Nun hat die Songwriterin ein Buch über ihre Erfahrungen als Indie-Rockstar geschrieben und zugleich ein neues Album herausgebracht. Grund genug für ein Porträt und ein Interview mit der Musikerin.

Von: Christina Mohr

vom 06.07.09

Im vergangenen Herbst veröffentlichte Hatfield ihre Autobiographie „When I Grow up: A Memoir“ (noch nicht auf Deutsch erschienen), in der sie auf unvergleichlich offene Weise ihren Weg und ihre Erfahrungen als „Indie-Rockstar“ schildert. Sie schont sich nicht, thematisiert ihre Depressionen, Magersucht, Bühnenangst, Menschenscheu und Unfähigkeit zur Kommunikation mit anderen, Beziehungsunfähigkeit sowieso. Was sie immer weitermachen lässt, ist die Hingabe zur Musik: Von dem Moment an, als sie an ihrer Schule zum „most individual“ gewählt wurde (trocken erklärt sie, dass diese Auszeichnung nichts weiter als „hopeless loner“ bedeutet), wusste sie, dass sie Musikerin werden will – wie hoch der Preis dafür auch sein möge. 


Anfang der neunziger Jahre schreibt Juliana Hatfield dann tatsächlich Hits wie „My Sister“, „Spin the Bottle“ oder Universal Heartbeat“. Und für ihr Album „Become What You Are“ schließt sie einen Majordeal über die für sie astronomische Summe von 400.000 US-Dollar ab. Zuvor war die aus Boston stammende Sängerin, Gitarristin und Songwriterin Mitglied der Blake Babies gewesen, einem Trio, das Hatfield mit Studienfreunden gründete. Drei Alben entstanden so, die weit über die College-Radios Bostons hinaus Aufmerksamkeit erregen konnten und der Band bis heute Kultstatus verleihen. 

Nach dem Ende der Band machte Juliana Hatfield dann als Solomusikerin weiter und trat live mit wechselnden Besetzungen auf. Ihr Debüt „Hey Babe“ wird 1992 zur erfolgreichsten Independent-Veröffentlichung in den USA, eine größere Karriere scheint vor ihr zu liegen. Doch Hatfield fühlt sich im Rampenlicht unwohl, kommt mit Journalisten und dem Musikgeschäft nicht klar, entwickelt Ängste und Phobien: So muss sie zum Beispiel wegen Depressionen eine groß angelegte Europatournee absagen. 

Ihr Album „God's Hand“ (1996), das sie selbst für ihr bestes hält, wird nie veröffentlicht, ihre Plattenfirma bezeichnet es als komplett unkommerziell. Sie kauft sich aus dem Vertrag frei, einige Masterbänder von Songs allerdings bleiben Eigentum des Labels. 1998 nimmt Hatfield das raue, schroffe Album „Bed“ auf, in dem sie schonungslos ihr Innerstes nach außen kehrt und ihrer Enttäuschung über das Popbiz freien Lauf lässt. Sie ist wieder da – und nimmt unermüdlich, beinah Jahr für Jahr neue Alben auf, geht auf kleine Tourneen innerhalb Amerikas, ist als Gastmusikerin auf Platten befreundeter Bands wie den Lemonheads und Giant Sand zu hören. 

Mit zwei Musikerinnen gründet sie die Some Girls, deren Album „Feel it“ 2003 erscheint. Ein großer Star wird Juliana Hatfield aber nie mehr: Zu scheu für die großen Bühnen, zu „kompliziert“ im Umgang mit Medien und Fans ist sie. Und auch musikalisch sitzt sie zwischen den Stühlen – als Singer-/Songwriterin zu rockig, als Riot Grrrl zu schüchtern, für Country & Western nicht patriotisch genug. Zu viele Widersprüche für eine strahlende Karriere. Und Juliana Hatfield versucht, mit ihrer Autobiographie sich auch diesen zu stellen.  

Ebenso persönlich und eindringlich wie das Buch ist aber auch Juliana Hatfields neues Album „How to Walk Away“: Ihr Markenzeichen, die helle, mädchenhafte Stimme, hat sich kaum verändert, die Songs hingegen klingen gereifter, abgeklärter als auf früheren Platten. Melancholische Balladen kontrastieren mit rockigeren Songs, in dem das ungestüme Collegegirl aus Berklee wieder zum Vorschein kommt. Im lasziven „Just Lust“ spielt sie augenzwinkernd die männermordende Femme Fatale – eine Rolle, die sie im „echten“ Leben wohl nur selten spielt. „Shining On“, „My Baby“ und „This Lonely Love“ sind traurige, aber irgendwie auch tröstliche Liebeslieder, Julianas Spezialität. Wahrscheinlich werden weder „When I Grow Up“ noch „How to Walk Away“ zu Kassenschlagern, aber das ist ganz egal: Schön, dass Juliana Hatfield mal wieder von sich hören lässt.


Wirst du mit „How to Walk Away“ auf Tour gehen?


Ich war mit „How to Walk Away“ in den USA unterwegs, aber im Moment gibt es keine Pläne, woanders auf Tour zu gehen. Das heißt aber nicht, dass ich in 2009 nicht außerhalb Amerikas auftreten werde – ich weiß es nur schlicht und einfach noch nicht.
 
In „When I grow up“ schreibst du, dass es so gut wie unmöglich ist, bei Livekonzerten immer gleich leidenschaftlich zu sein – und dass auch jemand wie Lenny Kravitz manchmal müde und gelangweilt sein MUSS. Ich fand das bemerkenswert, weil andere Musiker selten darüber reden, dass man durchaus abstumpfen kann, wenn man längere Zeit auf Tour ist. Haben dich andere Musiker für diese Äußerung kritisiert?


Nein, auf diese Textstelle bin ich noch nicht angesprochen worden. Vielleicht ist es auch einfacher, jeden Abend total leidenschaftlich und aufgeregt zu sein, wenn man vor Tausenden von Leuten spielt. Mein Publikum ist nicht so groß, und ich finde es an manchen Abenden schwierig, mich selbst zu motivieren und aufzumuntern. Die Performer und das Publikum beeinflussen sich gegenseitig, und eine begeisterte große Menge kann dich auf der Bühne wirklich hochziehen. Die Energie, die vom Publikum ausgeht, kann man buchstäblich greifen, so als ob du diese Energie mit einem Generator verbinden könntest, um damit eine ganze Stadt aufzuheizen oder abzukühlen.


Du warst in den frühen neunziger Jahren sehr erfolgreich und ein Role-Model für weibliche Musiker. Denkst du manchmal, du hättest mainstreamiger“ sein sollen, um noch erfolgreicher zu werden? Gefällt dir deine Rolle als Indie-Popstar? Ich frage, weil dein Buch mit einer sehr bemerkenswerten Episode in einem schäbigen Club beginnt, in der du dich (heutzutage) fragst, warum du das alles machst...


Manchmal wünsche ich mir schon, ich hätte etwas mehr Aufmerksamkeit bekommen (damals wie heute), aber dann bin ich wieder froh, nicht zu berühmt geworden zu sein. Ich schätze es sehr, dass ich mich anonym und unerkannt durch die Straßen und den Alltag bewegen kann. Ich glaube sogar, dass es für mich ein Alptraum wäre, superberühmt zu sein - überall Leute, die dich anstarren, fotografieren, dich beim Essen unterbrechen, weil sie ein Autogramm haben wollen...


Glaubst du, dass es heute für weibliche Musiker immer noch schwieriger ist als für Männer, akzeptiert zu werden – und zwar für ihre Musik, nicht für ihr Aussehen. Gibt es junge Musikerinnen, die du bewunderst oder die deiner Meinung nach alles richtig machen?

Ich finde, dass es heute sogar noch schwieriger ist, eine gewisse Mainstream-Akzeptanz zu erreichen, als damals, als ich angefangen habe, Musik zu machen. Heute ist es wahnsinnig wichtig, wie du aussiehst, viel wichtiger als die Musik. Wo sind denn die neuen Hole? Wo die neuen Veruca Salt? Und wo sind neue Chrissie Hyndes und PJ Harveys? Und ach ja, Chrissie Hynde hat alles richtig gemacht.

 

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Christina Mohr arbeitet beim Campus Verlag in Frankfurt. Nach Feierabend ist sie Musikredakteurin des Online-Kulturmagazins satt.org, rezensiert Platten und Bücher, gelegentlich auch für andere Websites wie melodiva.de, titel-magazin.de und Zeitschriften wie Missy Magazine. Der hier veröffentlichte Text erschien zuerst auf der Seite von satt.org, wir danken ganz herzlich für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung!

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Bildnachweise:

 

1. Ye Olde Records

2. Fotograf: Jonathan Stark

3. John Wiley & Sons, Buchcover