Männerecke

Schorsch, aus Thessaloniki.

Sie machten sich ein bißchen lustig über Schorsch, der aus Griechenland gekommen war und den kleinen Eck-Imbiss führte.

Wenn ich freitags und samstags durchgesoffen hatte, schnappte ich mir sonntags die Gräfin und wir gingen zum Schorsch und aßen Kotletts mit Bratkartoffeln. Wir waren niemals wieder so satt wie nach dem Essen beim Schorsch. Das war schon knapp am Magenbruch, so satt standen wir 1988 an der Ecke Neumarkt/Kölner Strasse und kamen nicht mehr vom Fleck. Wir konnten nur noch pusten. Nicht mal eine Zigarette ging noch rein, nach dem Essen. Nichts zu machen.

 

Wir hatten Spaß gefunden an seiner Kocherei und kamen nun auch mitten in der Woche, nicht nur sonntags. Und wir nahmen nicht nur Koteletts mit Bratkartoffeln, wir futterten uns durch die Speisekarte. Und weil es uns so schmeckte, kam Schorsch an den Tisch und brachte persönlich Nachschlag, ohne dass wir etwas gesagt hätten. Er fühlte sich gebauchpinselt und legte sich immer mehr ins Zeug. Er nahm das Essen sehr ernst. Zuletzt landeten wir bei seinen Eintöpfen.

 

„So, was kann ich euch heute bringen?“ Fast schüchtern trat er an den Tisch. „Ich hab schönen Eintopf da.“

 

Wir nahmen nur noch Eintopf, den er für eine Handvoll Nachbarn zauberte, die seine Kochkünste schätzte. Es war so lecker, wir sind fast geplatzt. Wie einmal, bei diesem legendären Ostergulasch mit geschmorten Fenchelgemüse. Den Laden am laufen hielten aber die Stammgäste, die zum Trinken kamen und gelegentlich eine Frikadelle vom Tresen nahmen. Sie machten sich ein bißchen lustig über Schorsch, der aus  Griechenland gekommen war und den kleinen Eck-Imbiss führte.

 

Er machte einen zerbrochenen Eindruck, und wir erfuhren, dass ihm die Frau weggelaufen war. Er trug ständig graue Sachen, alles an ihm wirkte wie ein Kittel. Ein schüchterner Mann, dessen Augen heftig zuckten, wenn er nervös wurde, und wenn es ganz schlimm kam, setzte sich das Zucken in den Schultern fort. Dann stand ein kleiner grauer Hausmeister vor einem, der in die Steckdose gegriffen hatte, und es tat ihm leid, dass seine Gäste das mitansehen mussten.

 

Aber wenn er den Nachschlag zum Tisch brachte, den er mit der Suppenkelle direkt aus dem Riesenbottich ausschenkte, dann war er ganz Schorsch. Schorsch, aus Thessaloniki. Berühmt für seine Frikadellen und Koteletts. Und die Eintöpfe. Ein kleiner stolzer Mann, und aus dem Zucken wurde ein Zwinkern.

 

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Andreas Glumm schreibt regelmäßig in seinem Weblog "Studio Glumm" über sich und seine Lebensgefährtin, genannt die „Gräfin“, und den Hund „Frau Moll“ 

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