Wissenswertes

Schwarmintelligenz

Eine Ameise ist dumm. Tausend Ameisen sind genial? Was ist dran – an der vermeintlichen Intelligenz der Vielen?

Ein Buch, das von dem englischen Physiker Len Fisher geschrieben wurde, gibt hierüber auf spannende Weise Auskunft: Lange bevor sich das Massenunglück in Duisburg ereignete, haben sich nämlich Wissenschaftler über das Verhalten von größeren Menschenansammlungen schon den Kopf zerbrochen - oft ausgehend von Vogel- und Fischschwärmen, Bienen- und Ameisenstaaten, in denen, so weit bekannt, nie jemand von seinen Mitfliegern, - schwimmern oder -bewohnern niedergetrampelt wird. Warum nicht?

Die "Schwarmintelligenz" sorgt dafür, dass sich alle Teilnehmer sozusagen "vernünftig" verhalten, ohne darüber nachdenken zu müssen. Das heißt: dass sie einander nicht zu dicht aufs Fell rücken und gleichzeitig einen idealen Abstand halten, um alle Bewegungen der Nachbarn mitzubekommen und nachzuvollziehen. Wenn es der Masse nützt.

Schwarmintelligenz ist eine wirksame Methode, um das Überleben der Vielen zu sichern, wenn ein Feind angreift, und um möglichst schnell möglichst viele an ein Ziel zu bringen, an dem es Futter gibt. Sie hat sich so bewährt, dass sie inzwischen sozusagen fest verdrahtet in den Genen von Staren und Heringen, Heuschrecken und Menschen vererbt und aktiviert wird, wenn der Schwarm sie braucht. Die Schlussfolgerung der Wissenschaftler: Im Schwarm summiert sich die Intelligenz der Einzelnen zu einer Art Supergehirn, und das weiß, wohin es die Gefolgschaft steuern muss.

Nicht immer steuert die Schwarmintelligenz ihre Gefolgschaft in eine für alle bekömmliche Richtung. Der Autor Frank Schätzing hat mit seinem Roman "Der Schwarm" sogar einen glaubwürdigen Sci-Fi-Thriller darüber geschrieben, was passiert, wenn die Meeresbewohner dank Schwarmintelligenz die Menschen vernichten wollen. Aber schon vorher werden Heringe am Rand eines Fischschwarms von Orcas gefressen. Vogelschwärme landen in den Netzen der Vogelfänger, und Menschen drängen sich in Tunnel, obwohl sie die Gefahr, eigentlich, erkennen könnten. Aber das Wissen von der Schwarmintelligenz und wann man sich ihr nicht unterwerfen sollte (auf Großveranstaltungen wie beim gierigen Kauf von In-Artikeln) hilft tatsächlich, das tägliche Leben leichter zu meistern, Verführungen aus dem Weg zu gehen oder andere zu verführen.

Len Fisher schildert beides sehr anschaulich. Sein sehr britischer Sinn für abwegigen Humor hat ihn ja nicht nur zum Träger des Anti-Nobelpreises gemacht - ausgezeichnet wurde er hier für seine Experimente rund um die optimale Eintunkzeit von Keksen in Tee. Er sorgt auch dafür, dass sich seine wissenschaftlichen Erklärungen der Schwarmintelligenz und die Empfehlungen fürs Alltagsleben, die sich daraus ergeben, nicht langweilig lesen. Und für Laien verständlich bleiben. Denn selbst wenn wir uns nicht sehr für die mathematischen Hintergründe komplexer Muster-"Schwärmen" bei Korallen, Sonnenblumenkernen in der Blüte oder auf dem Fell eines Tigers interessieren - so doch sicher dafür, wie man mit Hilfe der Schwarmintelligenz in einer fremden Stadt ein gutes Restaurant findet, das Durcheinander unserer Gedanken analysiert oder erfolgreich auf die Zahl der Gummibärchen in einem Bonbonglas wettet. Zum Beispiel.