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Schweigen ist oberste Wirtstocherpflicht

Ingried Wohllaib entlarvt „Lebenszeitdiebe“ der 50er Jahre in ihrem Roman „Gasthauskind“.

Sie „hörte von allen Intimitäten des Dorfes in der denkbar derbsten Version“ und musste trotzdem Respekt vor den Erwachsenen aufbringen. Isabell, das „Gasthauskind“, wächst in der Wirtschaftswunderzeit in der süddeutschen Provinz auf und erlebt die Härten einer Tochter, auf deren Arbeitskraft die Mutter angewiesen ist. Der Vater verdient sein Geld als Viehhändler, ist schweigsam und ungewöhnlich. Packende Milieu-Schilderungen in eindringlicher Sprache erwarten den Leser des Romans von Ingried Wohllaib.


Dass sie ihr Buch als „Roman“ klassifiziert, irritiert ein wenig, denn die Szenen sind so eindringlich und glaubwürdig, dass es sich eher um autobiografische Kindheits- und Jugenderinnerungen handelt. Die Balance zwischen ästhetischer Erzählform und den zu berichtenden Widerlichkeiten ist gelungen; Knappheit und Stimmigkeit waren spürbare Anliegen an den provozierenden Stoff. Immer wieder wird auch versöhnende Distanz gegenwärtig: „Manchmal frage ich mich, wie sich unser Leben ohne Gasthaus entwickelt hätte. Seltsamerweise denke ich dann, es wäre ähnlich gekommen. Es gibt eben auch im negativen Sinn Dinge, die zusammengehören.“ Trotzdem bekennt die Autorin, die heute als Grafikerin in Rom lebt, dass das Buch ohne die stimulierende Zusammenarbeit mit der Regisseurin und Schriftstellerin Petra Morsbach nicht entstanden wäre.


Das barocke Jagd-Schlösschen befindet sich im katholischen Schwaben und steht als idyllischer Ort der Handlung im Gegensatz zu dem Mangel an Geborgenheit, Privat- und Intimsphäre, dem Isabell ihre Sehnsüchte und ihren Trotz entgegensetzt. Schon früh begreift sie sich als unbezahlter Hilfsgnom und erklärt sich für „seelisch wartungsfrei“. So schafft sie den Spagat zwischen Kind-Sein und Funktionieren-Müssen unter der Vorgabe, dass man keinem Gast widerspricht.


Der Stammtisch bestimmt die ersten 15 Jahre von Isabells Leben, Gänseblümchen bezeichnet sie als ihre Freunde. Sie putzt, bedient und wird oft wie eine Komplizin von jenen behandelt, deren verbale und sexuelle Entgleisungen sie zu fortgeschrittener Stunde zwangsläufig mitkriegt. Sie wird Zeugin der elendsten Stunden Betrunkener, die sonntags wie ausgewechselt sind, wenn sie mit Frau und Kind zur Kaffeestunde auf der Terrasse Platz nehmen. Manchmal versucht Isabell, „unsichtbar zu werden, der Peinlichkeit und des Ekels wegen“. Schweigen ist oberste Wirtstochterpflicht.


Während sie Schutz sucht hinter der Devise „Vertraue niemandem“, sehnt sich Isabell nach Respekt und Zugehörigkeit. Stammgäste, die den Ruhetag nicht akzeptieren, bezeichnet sie als „Lebenszeitdiebe“ und wundert sich später, dass „sie starben, ohne bestraft worden zu sein“. Es ist die Zeit, in der als „fauler Hund“ gilt, wer keine Rückenoperation nötig hat. Die Mutter belehrt sie: „Großzügigkeit ist die Schwester der Liederlichkeit.“


Spannend auch der Aufbruch der jugendlichen Isabell, die sich aufgrund der „Vergeudung an Geist“ als Magd gegenüber den Gleichaltrigen, denen Kultur offenbar „angeboren“ war, im Hintertreffen fühlt. Die Halbstarken verschwinden mit dem Sinken der Arbeitslosigkeit unter ein Prozent. Zweimal gibt Roy Black ein Gastspiel, als seine Gage für die Mutter noch erschwinglich war. Die Wurlitzer Musikbox bereichert die Szene, schließlich peitschten die Songs der Rolling Stones „eine Böe Endorphine in unser dramatisches Haus. Die Nachkriegssentimentalität war aus der Mode. Endlich passte etwas.“


Wieder ist er da – der Blick aufs Stimmige. Und immer wieder diese Bilder („Böe“), die Leuchtkraft besitzen sowie von Humor („dramatisches Haus“) zeugen. So entsteht der Eindruck von Genauigkeit und Unbeirrbarkeit. Dahinter steckt ein Eigensinn, dem dieses Buch verdankt, dass sich keine Passage in Hoffnungslosigkeit verirrt. Gleichwohl geht es rau zu, wird nichts beschönigt, sondern die „Dienstleistungsgesellschaft“ von unten und aus der Frauenperspektive gezeigt.


Offenbar war es schwer, dafür einen Verlag zu finden, was nach Einschätzung von Petra Morsbach (ausgezeichnet u. a. mit dem Marieluise-Fleißer-Preis, dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung) im Nachwort nicht am Urtext lag. Aber bei aller Verfremdung und möglicher Zugespitztheit handelt es sich bei (fast) allen Protagonisten mutmaßlich um rechtschaffene Leute, deren Kehrseite hier ihre „Würdigung“ fand. Und das ist eben„starker Tobak“. Der Verlag hat den Titel auf seine Filmstoffliste gesetzt – es könnte ein Kassenschlager von Joseph Vilsmaier werden.