Starke Frauen

Schwindelfrei auf der Höhe – und im Tempo – der Zeit

Sie spielte mit Moden und gab sich exaltiert. Ruth Landshoff-Yorck war aber nicht nur ein „glamourous girl“ der Zwanziger Jahre, sondern auch eine Schriftstellerin, die lange in Vergessenheit geraten war – und nun aber endlich und leicht für viele wiederzuentdecken ist.

Der eigenen Zeit hier und da voraus sein – das war ihr eine unbändige Lust. Und Lebensmaxime und künstlerisches Credo auch gleich mit. Die Schriftstellerin Ruth Landshoff-Yorck gehörte zu der Berliner Boheme, die sich in den zwanziger Jahren um das Romanische Café am Kurfürstendamm herausbildet hatte. Mit ihrem exzentrischen Auftreten zog sie Blicke auf sich, insbesondere auch die der Männerwelt:

„Ruth kam, knapp sechzehnjährig, in die ‚Kaffeehäuser und Salons, die die Welt bedeuten‘. Sie schien in Idealform alles zu verkörpern, was die Liebessehnsucht sich damals erträumte. Ruth Landshoff wurde gemalt, umworben, geliebt und verhätschelt. Tauchte sie auf, wurden die klügsten Männer dumm, die Redseligen schweigsam, und die Schwerzüngigen wurden beredt“, so die Erinnerung eines Zeitgenossen an die junge Frau.

Ruth Landshoff-Yorck war aber nicht nur Muse, Mythos und Modell – und das Hätschelkind – im Kreise der ihr Gleichgesinnten. Sie spielte auch gerne das Enfant terribles, das provozierte, ob mit fröhlichem Snobismus oder erotischer Extravaganz. In Knabenkleidung zog sie mit Freunden durch die nächtliche Stadt, tanzte im Smoking mit Josephine Baker, ließ sich nackt fotografieren und sorgte für Aufregung mit Motorradfahrten den Kurfürstendamm hinunter.

Sie hatte ein Talent, sich Rollen anzuverwandeln. Ein Talent vor allem auch, mit Klischees und den medialen Leitbildern ihrer Zeit zu spielen – mit dem Bild einer neuen Weiblichkeit vor allem. Sie sei die erste Frau mit Bubikopf in Berlin gewesen, so nahm Ruth Landshoff-Yorck für sich in Anspruch. Wahrheit oder Lüge? Oder einfach Attitüde? Eines Lebensstils nämlich, der vorgab, schnell zu sein – noch schneller als der ohnehin schon beschleunigte Puls der Jahre.

Als Charlie Chaplin 1931 nach Berlin kommt, um die Premiere seines Films „City Lights“ vorzubereiten, ist es die junge Ruth Landshoff-Yorck, die den Weltstar durch die Stadt und ihre Vergnügungslokale führt. „Ich sage Ihnen, lieber Herr Chaplin, das ist der einzige Mensch, von dem sie sich in Berlin herumführen lassen dürfen, die kennt jeden, die zeigt Ihnen alles,“ so kommentierte ein Reporter im „Berliner Tageblatt“ sogleich. Ruth Landshoff-Yock war aber nicht nur überall bekannt, sondern auch allerorts zu Gast: In den Salons und auf den Partys der Berliner Prominenz ebenso wie an den Orten der homosexuellen Subkultur. Und mit ihrer androgynen Schönheit soll sie nicht zuletzt auch hier für allerhand Verunsicherungen gesorgt haben.

Doch die Rolle des skandalumwobenen „glamorous girl“ verstellt auch leicht den Blick – auf eine deutsch-jüdische Schriftstellerin, die durch NS-Diktatur und Emigration in Deutschland nach dem Krieg so vollauf in Vergessenheit geriet. Ganze siebzig Jahre musste das zweite literarische Werk dieser Frau darauf warten, hierzulande endlich veröffentlicht zu werden. Im Jahr 2004 machte sich der Berliner Aviva-Verlag an die Arbeit und brachte damit auch die Wiederentdeckung der Autorin entscheidend in Gang.

Ruth Landshoff-Yorck wurde am 7. Januar 1904 in Berlin geboren. Als Nichte des einflussreichen Verlegers Samuel Fischer lernte sie bereits auf Kindesbeinen die kulturellen Größen ihrer Zeit kennen – mit Kinderaugen allerdings auch. „Thomas Mann war ausgesprochen pompös und unangenehm beim Krokett, (...) Gerhart Hauptmann war sehr lustig und brachte uns (Kinder, d. Red.) leicht zum Lachen. Dass Liebermann berlinern durfte, machte uns neidisch. Hoffmannsthal war elegant. Und spielte nicht mit“, erinnerte sich die Autorin im Rückblick.

Künstlerisch trat Ruth Landshoff-Yorck zunächst mit Schauspielversuchen in Erscheinung. Noch während ihrer Schulzeit wird sie von dem Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau für eine kleine Rolle in dem legendären Vampirfilm „Nosferatu“ (1922) entdeckt. Schauspielunterricht bei Max Reinhardt am Deutschen Theater und Auftritte in Berliner Kabaretts folgen, irgendwann steht die junge Frau dann auch mit Marlene Dietrich, damals noch unbekannt, auf einer Wiener Bühne. Als der Regisseur des Films „Der blaue Engel“ nach jemandem sucht, der die Rolle der Lola spielen könnte, weiß Ruth Landshoff-Yorck prompt Rat. Josef von Sternberg folgte dem Vorschlag - und entdeckte Marlene Dietrich als aufsteigenden Star am Filmhimmel.

Im Jahr 1927 begann aber auch Ruth Landshoff-Yorcks eigene literarische Karriere: Sie wird vom Ullstein-Verlag als Reporterin und Kolumnistin angeworben. Fortan erscheinen Feuilletons, Mode- und Reiseberichte von ihr in Blättern wie dem „Tempo“ oder dem Zeitgeistmagazin „Die Dame“.

Gerade einmal 26 Jahre jung ist Ruth Landshoff-Yorck, als 1930 dann ihr erster Roman „Die Vielen und der Eine“ veröffentlicht wird. Der Roman erzählt die abenteuerliche Geschichte einer jungen Reporterin auf ihrer Reise durch große Städte, die Herzen von Männer und Frauen und quer durch Subkultur und High-Society. Ein viel versprechendes Debüt – und mindestens so temporeich wie ein guter Comicstrip.

Und dennoch: Der glänzende Erfolg sollte nicht lange währen. Schon ein zweiter Roman, der „Roman einer Tänzerin“, durfte unmittelbar nach der Machtergreifung der Nazis nicht mehr erscheinen: Nicht nur waren Autorin und Hauptfigur des Buches jüdischer Herkunft. Auch das Frauenbild, das der Roman entwarf, schien einfach unvereinbar mit der braunen Ideologie, die nun um sich griff. Dabei waren die Druckfahnen im März des Jahres 1933 bereits gesetzt gewesen. Die Autorin aber befand sich schon auf der Flucht.
 
Ruth Landshoff-Yorck emigrierte über Frankreich, England und die Schweiz in die USA, wo ihr eine zweite literarische Karriere – nunmehr in englischer Sprache – gelang. In den Kriegsjahren engagierte sie sich gegen den Nationalsozialismus, journalistisch und auch literarisch und unter anderem als Mitverfasserin eines grotesken Anti-Hitler-Romans: „The Man Who Killed Hitler“. Das Buch, das Max Ophüls zu verfilmen plante, erregte in den USA großes Aufsehen.

Im Unterschied zu vielen anderen Emigranten gelang es Ruth Landshoff-Yorck jedoch auffallend schnell, sich auch einen Zugang zum literarischen und kulturellen Leben ihres Gastlandes selbst zu erarbeiten. Hier machte sie sich nicht nur als Mittlerin zwischen den Kulturen einen Namen, sondern auch als Autorin von Hör- und Fernsehspielen – und vor allem von experimentellen Bühnenstücken, mit denen sie sich in den innersten Kreis der New Yorker Theaterszene des Off-off-Broadways dauerhaft einschrieb. Ruth Landshoff-Yorck starb, während einer Aufführung von Peter Weiss Stück Marat/ Sade, am 19. Januar 1966 in New York.

Während das deutsche Feuilleton von diesem Tod nur kurze Notiz nahm, gedachte der New Yorker Aufbau der Schriftstellerin in einem längeren Nachruf als „Poet Lady“ und schrieb im Rückblick auf die frühen Jahre Ruth Landshoff-Yorcks: „Im Berlin ihrer Jugendjahre ein Liebling der damaligen Edel-Boheme – schön, klug, unternehmend, vorurteilslos. Sie hatte sich ihr eigenes Milieu geschaffen, das aus den Kreisen der Kunst, der Bühne, der jeunesse dorée, der Avantgarde aller Gebiete bestand, ohne jemals die Anhänglichkeit an ihre gutbürgerliche Abstammung zu verlieren. So wurde sie ein Mittelpunkt der Welt, die sich nicht langweilte.“

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Bildmaterial:

1. Ruth Landshoff-Yorck am Steuer ihres Adler-Wagens (1927).
2. Ruth Landshoff-Yorck am Seebad Lido in Venedig („Die Dame“, 1928).
3. Ruth Landshoff-Yorck und die Tänzerin Lena Amsel, deren Biographie in dem
 „Roman einer Tänzerin“ literarisch verarbeitet wird („Das Welt-Magazin“, 1927).
4. Buchcover zu Ruth Landshoff-YorcK: „Klatsch, Ruhm und kleine Feuer.
Biographische Impressionen“. Fischer-Verlag (1997).

Herzlichen Dank an den Aviva-Verlag, der uns freundlicherweise die Bilder 1, 2 und 3 für eine Veröffentlichung in unserem Magazin zur Verfügung stellte.