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Seegrund

Regionalkrimis scheinen der neue Trend in der Welt der Mord- und Totschlagliteratur. Sie sollen einen hohen Identifikationswert haben. Doch lohnen sie sich auch für den Leser, der sich nicht mit Hintertupfingen verbunden fühlt?

Von: Tanit Hahn, Fotos: Photocase, Piper-Verlag, Peter von Felbert

vom 26.02.07

Exemplarisch für das Phänomen des Regionalromans hält sich „Seegrund“ von Klüpfel und Kobr seit Wochen in der Spiegel-Bestsellerliste und bringt uns das gute Allgäu nicht wirklich näher. Der klassische Kommissar, der einen Mordfall aufklärt, wird zwar mitgeliefert, doch erfüllt dieser alle erdenklichen Klischees eines trotteligen, in seiner eigenen Welt lebenden Dorfeis, den dann schon die japanische Freundin des erwachsenen Sohns überfordert. Als sie gemeinsam Japanisch Essen gehen, hält er Sushi tätsachlich für Essensreste, die nicht abgeräumt sondern unverschämter Weise im Kreise herumfahren (also bitte?!).


Seine Frau hingegen bedient das typische Bild vom „Weibchen“ daheim, das dann und wann doch gezwungen emanzipatorisch den Ton angibt und ihren Mann lächelnd in die richtige Bahn lenkt. Und Kluftingers Kollegin darf schließlich das Stereotyp des weiblichen Polizisten ausfüllen: Sie verkörpert das Zigarrillo rauchenende Mannsweib ohne jegliche körperliche Reize.


Auch das im Zentrum stehende Verbrechen klärt sich nur schleppend auf. Der historische Hintergrund um den Alatsee, in dem ein verwundeter Taucher gefunden wird und der einen Schatz beherbergen soll, geht leider verloren.


"Milchgeld" war der erste Fall des Kommissar Kluftingers und erstes gemeinsames Machwerk des Autorenduos Volker Klüpfel (geboren 1971 in, genau: Kempten) und Michael Kobr (geboren 1973 in - man ahnt es schon - Kempten). Der Nachfolge-Roman der beiden inzwischen Bestseller-Duo genannten Schreibkollegen war "Erntedank". Dass jetzt nun mit "Seegrund" zum dritten Mal der Allgäuer Held ermittelt, macht es nicht unbedingt besser.


Angela Gatterburg vom „SPIEGEL“ sieht das anders: „Treffsicher porträtieren Klüpfel und Kobr in ihren kriminalistischen Heimatromanen die Provinz und sind dabei mit viel frischem Schwung, Herzenswärme und Humor bei der Sache. Sie erzählen mit Detailreichtum, komödiantischem Überschwang, Intelligenz und Vitalität.“

 

Nun, Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Und das vernichtende Fazit von dieser Stelle bleibt davon unbeirrt: Finger weg von diesem Regionalkrimi. Das Nennen von Ortsnamen wie Füssen und Kempten oder die Erwähnung Schloss Neuschwansteins machen noch kein gutes Buch aus. Kaufen sie sich doch lieber den DuMont Reiseführer „Allgäu“ von Elke Homburg. Er liest sich mit Sicherheit spannender.