Weibchenschema

Sei kein Frosch

Der Mann von heute sieht sich hohem und wechselndem Anspruchsdenken von Frauen ausgesetzt, dem er nicht mehr gewachsen ist. Deshalb fühlt er sich manchmal wie eine Kaulquappe. Aber darüber spricht er nicht. Soviel Stolz ist ihm geblieben.

Ein englischer Werbespot für eine Biersorte fängt an wie ein Märchen: Ein Mädchen geht an einem Fluss entlang, entdeckt einen Frosch, nimmt ihn zärtlich auf den Schoß, küsst ihn, und er verwandelt sich prompt in einen schnuckligen Jüngling. Dann aber nimmt das Unheil seinen Lauf: Der junge Mann wirft einen lüsternen Blick auf das Mädchen, zieht sie an sich, küsst sie, und sie – verwandelt sich in eine Bierflasche, die der Mann triumphierend in der Hand hält!


Für den slowenischen Philosophen Slavoj Zizek, eine ziemliche Ulknudel unter zeitgenössischen Vordenkern, war diese kleine Geschichte einmal Ausgangspunkt für folgenden grundsätzlichen Diskurs über das Verhältnis von Männern und Frauen heute: Für die Frau sei signifikant, dass ihre Liebe und Zuwendung (signalisiert durch den Kuss) den Frosch in einen gutaussehenden Mann verwandelt, in eine „vollständige phallische Präsenz“, wie der Philosoph das nennt. Für den Mann hingegen ist wesentlich, dass er die Frau auf ein „Partialobjekt reduziere“ (was auch immer das genau sein mag – jedenfalls nicht das, was die Frau gern wäre).

 

Die Frau geht demnach von der irrigen Annahme aus, allein ihre Erscheinung werde den Frosch verzaubern und ein quasi vollkommenes Geschöpf hervorbringen, während der Mann die Frau eher unter dem Blickwinkel der Nützlichkeit betrachtet. So würde es am Ende jedenfalls entweder auf eine Frau mit einem Frosch oder einen Mann mit einer Bierflasche hinauslaufen – was wir nie bekommen können, so der Philosoph, sei das „natürliche“ Paar, bestehend aus einer Frau und einem Mann.

 

Als ich nun einmal mit einer Frau einen Vormittag in einem belebten New Yorker Café verbrachte und ihr neben vielen anderen Kleinigkeiten erzählte, dass ich gerade einen amüsanten Artikel von Slavoj Zizek gelesen hätte, da bog keine zehn Minuten später kein Geringerer als Slavoj Zizek aus Ljubljana um die Ecke und verschwand sogleich wieder im Trubel der Housten Street. Ich schaute selbstverständlich ob dieses Zufalls verdattert drein und sagte: „Das gibt’s doch nicht! Das war Slavoj Zizek!“ Woraufhin die Frau gereizt die Stirn runzelte. Nicht wissend, wie Slavoj Zizek tatsächlich aussieht (Ich schwöre, er war es!), dachte sie: Was für eine unmögliche Konstruktion, dem lauen Gespräch auf diese Weise noch etwas Dramatik zu verleihen. Trotz ihrer Zugewandtheit war aus mir Frosch eben nicht der Prinz geworden, den sie sich an diesem Vormittag zu materialisieren gedachte, sondern nur jemand, der sie mit seinem Geschwätz anödete. Dabei wollte sie schnellen, geraden Sex. Oder auch nicht. Wer weiß das schon. Sie ging jedenfalls alsbald, und mir blieb lediglich Slavoj Zizek, die Bierflasche.

 

Sie, liebe Leserin, werden jetzt mit Sicherheit denken: Was ist denn das für ein komplizierter Beginn einer Geschichte – all diese Frösche und Diskurse –, mit der dieser männliche Autor versucht, mich rumzukriegen. Typisch Mann. Angeber! (New York, Sex, Philosophie.) Außerdem werden wir Frauen so was ohnehin auf keinen Fall weiterlesen, weil wir Frauen nicht abstrakt denken können. Warum kommt der nicht zur Sache, denken Sie?

 

Der Mann von heute steckt in einem desaströsen Dilemma: Wie man’s macht, macht man’s verkehrt.

 

Soll ich? Etwas Raunend-Erotisches? Männlich-Herbes? Vielleicht einen schmutzigen Witz? Soll ich nicht? Treffen sich zwei Freunde, sagt der eine: Du, ich glaube, meine Frau ist tot. Sagt der andere: Wieso? Erwidert der eine: Im Bett ist alles wie immer, nur die Küche ist so dreckig. Nein, man ahnt nichts Gutes. Männer, die solche Witze erzählen, sind mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenso wenig ein Treffer wie solche, die bei illustren osteuropäischen Philosophen Heiterkeit und Anregung finden oder sich an kleinen Gedankenspielchen ergötzen.


Womit wir schon bei der nämlichen Crux wären. Der Mann von heute steckt in einem desaströsen Dilemma: Wie man’s macht, macht man’s verkehrt.


Wie auch immer man Frauen gegenübertritt – es gibt nur eine Gewissheit: Es geht nicht gut. Weil der Mann von heute nicht mehr weiß, was Frauen denken und wollen. Mit einer Ausnahme: Dass Frauen eben glauben, dass sich allein schon durch ihre Zuwendung die Männer verwandeln würden. Vom Frosch in einen Prinzen, oder sagen wir: in eine Art Johnny Depp oder meinetwegen auch Justin Timberlake, besser gesagt: in eine von deren glamourösen Rollen.

 

In welcher Realität soll das gehen, dass ein Mann zugleich geistreich und muskulös ist?


Frauen sehen permanent Frösche vor sich, und sie glauben, wenn sie sie – nur sinnbildlich – küssen, dann erscheint ihnen ein Wesen aus ihren offenbar zahllosen Träumen: sensibel und eigenwillig, stark und zugleich Schwächen zeigend, wohlhabend, aber nicht protzend, ein Wesen, das zuhören kann und redegewandt ist, verständnisvoll und zupackend, romantisch, aber kein Weichei, selbstbewusst und bescheiden, witzig, aber nicht billig. Ich aber frage nur: Wie bitte, in welcher Realität soll das gehen, dass zum Beispiel ein Mann zugleich geistreich und muskulös ist?


Da das selbst Frauen über kurz oder lang halbwegs einsehen, müssen sie sich entscheiden. Dabei tritt ihre nächste Laune hervor und mithin die eigentliche Katastrophe für den Mann – sie können sich ja nicht entscheiden! (Deswegen haben auch immer mehr Frauen einen Doppelnamen, ihre Kinder mindestens drei Vornamen, und deshalb ziehen sich Frauen auch dreimal um, bevor sie das Haus verlassen.) Infolgedessen weiß der Mann von heute nicht mehr, wie der Frau beizukommen ist: ein Gespräch über Philosophie – wie öde kann das ankommen, ein Witz – voll daneben, Flasche Rotwein – wie unoriginell, eine lässige Bemerkung über rasierte Achselhaare – wie vulgär, von allem ein bisschen – wie charakterlos.
Der Mann von heute sieht sich hohem und wechselndem Anspruchsdenken ausgesetzt, dem er nicht mehr gewachsen ist.


Er weiß nicht mehr, wann er mit welcher Masche landen kann; probiert er gar verschiedene Varianten, wird ihm das wahlweise als Schwäche oder Aufdringlichkeit ausgelegt. Er versteht es nicht, das nebulös daherwabernde Traumbild der ihm gegenüber sitzenden/stehenden/liegenden Frau zu deuten. Will sie Sex, und wie will sie ihn, will sie einen neuen guten Freund gewinnen, an dessen starker Schulter sie sich in schwachen Stunden ausheulen darf, oder will sie einfach nur die Zeit totschlagen und labern. Weil der Mann ergo ein Frosch bleibt, vermasselt er Dates, missversteht er Worte und Gesten und kann sie nicht deuten, bleibt allein, nennt sich am Ende „beziehungsunfähig“ oder gar altmodisch.


Die eigentliche Katastrophe für den Mann lautet: Frauen können sich nicht entscheiden!

Obwohl er es natürlich niemals zugeben würde – schon gar nicht anderen Männern gegenüber, fühlt er sich am ehesten wie eine Kaulquappe und greift deshalb lieber zur Bierflasche. Das trifft nicht nur auf die Balzphase zu.


Früher waren nämlich auch die bestehenden Beziehungen zwischen Männern und Frauen klarer geregelt. Frauen kochten, erzogen die Kinder, wuschen und wuschen ab, und die Männer kümmerten sich um das Einkommen, die Fahrbereitschaft der Familienkutsche und die Ausrichtung der Fernsehantenne. Aber auch das ist vorbei, auch dieses Koordinatensystem ist völlig verrutscht – der arme, moderne, aufgeklärte Mann wird stattdessen mit Ansprüchen konfrontiert, denen er wegen seiner emanzipatorischen Demut nichts Rechtes entgegenzusetzen hat.

 

Heute zum Beispiel ist es ein Trennungsgrund, wenn der Mann nicht zwei-, dreimal die Woche ausgefallene asiatische Menüs zaubert, wenn er nicht begeistert Babys windelt und ungeheuer lustige und abenteuerliche Kindergeburtstage organisiert. Die Frau indes bekam inzwischen eine Wasch- und Spülmaschine hingestellt, hat allerdings immer noch keinen Schimmer vom nächsten TÜV, der gemeinsamen Steuererklärung und der manuellen Sendereinstellung des Satellitentuners. Der Mann ist eindeutig überfordert: Hobbykeller und Garage sowieso, dazu nun auch noch das Kinderzimmer, die halbe Küche – alles sein Revier.


Fassen wir zusammen: Für Frauen sind Männer zunächst Frösche. Männer kommen sich aber noch kleiner vor und möchten sich ohnehin nur ungern verwandeln lassen, weil sie nicht wissen, was am Ende dabei herauskommt. Außerdem stehen sie unter Druck, den sie nur ablassen, wenn sie eine Bierflasche küssen.


Wer ist schuld? Eine Auswahl: Zuallererst die Märchen (an die zuvorderst Mädchen glauben), dann Genderseminare, wo man die „Konstrukteure des Geschlechts auf frischer Tat ertappen“ lernen konnte, und schließlich die rasende Verbreitung von Frauenliteratur.

 

Bücher, die auf Sylt, in Hamburg oder Berlin spielen, in denen Männer Prominentenanwalt sind und Philip heißen und einen „tollen Hintern“ haben und von toughen Frauen wegen einer „womöglichen Affäre“ bestraft werden müssen. In denen die Protagonistinnen Hauptsätze sagen wie: „Ich kann nicht verhindern, dass ich älter werde, aber ich kann verhindern, dass ich mich langweile.“


Hinzu kommen all die Beziehungsratgeber, die davon erzählen, wie frau ihr Glück machen kann, wie Männer funktionieren, wie sie den inneren Schweinehund zähmt oder „jetzt lebt“. Die bezeichnende Titel haben wie „Der perfekte Liebhaber“ oder „Mit der FISH!-Philosophie zu einem glücklichen Privatleben“. In denen letztlich der Weg zur „vollständigen phallischen Präsenz“ (wie der Philosoph sagen würde) so oder so beschrieben und kurzerhand für praktikabel erklärt wird. Die sich Frauen (Frauen in erster Linie lesen so was) dann als Handbuch leisten, vergessend, dass das Kriterium der Wahrheit die Praxis ist. Das ist allerdings eine Weisheit aus einer anderen Zeit, betraf ein anderes Metier und steht daher nicht mehr auf der Tagesordnung.


Männern, geschundenen Kreaturen dieser Tage, kann man am Ende nur raten: Zurück zu den männlichen Tugenden!

1. Nicht drüber nachdenken.
2. Alles halb so schlimm.
3. Sei kein Frosch.
4. Bier her, Bier her, oder wir falln um.

 

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Andreas Lehmann arbeitet als Redakteur beim „Magazin“, wo der vorliegende Text in der Ausgabe 9/2004 zuerst erschien. Das aktuelle Heft zum Thema „Welt oder Geld“ finden Sie noch bis zum Ende des Monats am Kiosk oder auch hier.

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