Reizthema

Sexier, stärker, gesünder (Teil 2)

Die Vorstellung vom Doping als einer illegalen, lichtscheuen Tätigkeit ist naiv. So meint zumindest Ines Geipel, die das Buch "No Limit" geschrieben hat. Die einstige DDR-Athletin kritisiert darin ein Gebot zur ständigen Leistungssteigerung, das uns immer öfter zum chemischen Hilfsmittel greifen lasse – und nicht nur im Leistungssport. Wieviel Doping aber verträgt eine Gesellschaft, fragt die Autorin, und mit welchen Risiken und Nebenwirkungen?

Nachdem Sie hier bereits letzte Woche den ersten Teil dieses Artikels lesen konnten, folgt an dieser Stelle nun die Fortsetzung: 

Im Radsport folgt ein Skandal nach dem anderen. Die Tour de France hat sich zur Farce entwickelt, in der ein Sieger von heute schnell zum Betrüger von morgen mutiert. Das Bemerkenswerteste an der Affäre um den deutschen T-Mobile-Rennstall war, dass die Spuren zu einem prominenten Ärzteteam an der Freiburger Uniklinik führten. Die Vorstellung vom Doping als einer illegalen, lichtscheuen Tätigkeit schien plötzlich so veraltet wie naiv.

Vor diesem Hintergründ geht es Ines Geipel vor allem um die Frage nach gesellschaftlicher Verantwortung. Warum haben die bisherigen Bemühungen im Kampf gegen Doping eigentlich so wenig erreicht?Warum ist das Thema Gendoping aus der öffentlichen Debatte verschwunden? Ist es vielleicht sogar so, dass wir unterbewusst bereit sind, ein gewisses Maß an „medizinischer Hilfe“ zu akzeptieren, solange sie elegant und sauber gehandhabt wird?

Es sind nicht nur Elitesportlerinnen und -sportler, die pharmazeutische Produkte benutzen, um erfolgreich zu sein. Geipel sieht heute eine Art „chemischen Maximalismus“ am Werk, der dafür sorgen soll, dass die gut geölte Maschinerie unserer Gesellschaft funktioniert. Ein Fünftel aller College-Studenten in den USA nehmen Prozac, um den Prüfungsstress zu verkraften. Dasselbe Mittel ist auch in Börsenmaklerkreisen weit verbreitet, und 22 Prozent der deutschen Männer, die hobbymäßig im Fitnessstudio trainieren, nehmen Anabolika ein. In den USA werden täglich sieben Millionen hyperaktive Kinder mit Ritalin behandelt, und in Deutschland haben sich die so genannten ADHS-Diagnosen in nur fünf Jahren verzehnfacht.

Diese Phänomene verankert Geipel im Dopingkontext. Einerseits werde der Gebrauch leistungssteigernder Substanzen verurteilt. Andererseits sehne man sich nach Spitzenergebnissen, Rekorden und Medaillen. Genauso wie wir uns Muskeln, Erfolg und ruhige Kinder wünschen – und das alles am liebsten mit möglichst geringem Aufwand. Die Folgen dieses Schönheits- und Körperideals werden selten diskutiert, doch der Preis dafür ist zweifellos hoch. Der australische Forscher Robin Parisotto, Autor des Buches „Blood Sports: The Inside Dope on Drug in Sport“ von 2006, warnt davor, dass die heutigen Dopingpräparate für die Sportlerinnen und Sportler noch größere Risiken bergen.

Sollte ein Mittel wie Repoxygen – eine Gensubstanz, die bewirkt, dass der Körper die Produktion roter Blutkörperchen steigern kann – größere Verbreitung finden, so bedeutete dies nicht nur deshalb eine Katastrophe für den Sport, weil es bisher an analytischer Ausrüstung fehlt, um den Stoff zu kontrollieren. Die Gesundheitsrisiken, die damit verbunden wären, sich ein neues Gen in die Nieren injizieren zu lassen, sollten nicht unterschätzt werden.

Auch in der Schuldfrage spiegelt sich die ambivalente Haltung der Gesellschaft wider. Während die Karrieren der Sportlerinnen und Sportler meist mit dem positiven Dopingtest gebrochen sind, können die „Mitschuldigen“ in der Regel weiterarbeiten. Schlüsselpersonen innerhalb der DDR-Arzneimittelindustrie haben die Wiedervereinigung problemlos überstanden. Michael Oettel etwa, Forschungsleiter bei der volkseigenen Jenapharm und verantwortlich für die Produktion des in der DDR am weitesten verbreiteten Steroids Oral Turinabol, konnte seine Karriere nach 1989 fortsetzen.

Jenapharm wurde schnell vom westdeutschen Pharmakonzern Schering aufgekauft, und keiner der Beteiligten zeigte sich sonderlich interessiert daran, Michael Oettels Rolle im Staatsplan 14.25 näher zu beleuchten. Die Jenapharm-Archive blieben weiterhin unter Verschluss. Erstaunlich viele DDR-Trainer und -Funktionäre wurden von den gesamtdeutschen Sportverbänden übernommen.

In Geipels Buch „No Limit“ wird einer der merkwürdigsten Fälle geschildert: In den achtziger Jahren verteilte der Trainer Thomas Springstein tägliche Dosen Oral Turinabol an junge Leichtathletinnen der Neubrandenburger Sportschule Wilhelm Pieck. Kurz nach dem Fall der Mauer landete Springstein im Abseits, nachdem seine Schützlinge Katrin Krabbe und Grit Breuer positiv getestet worden waren, konnte sich aber – vor allem dank der Erfolge seiner Lebensgefährtin Grit Breuer – rehabilitieren. „Flying Grit“ holte zwei EM-Goldmedaillen über 400 Meter, und Springstein wurde im Jahr 2002 in Deutschland zum Trainer des Jahres gewählt. Doch 2006 war damit wieder Schluss: Springstein wurde wegen Doping Minderjähriger und Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz zu 16 Monaten auf Bewährung verurteilt.

Der Staatsanwalt legte erschütterndes Material vor: die faszinierende E-Mail-Korrespondenz Springsteins mit dem spanischen Arzt Miguel Peraita. Die Madrider Privatklinik fungierte offenbar als das reinste Versandhaus für Wachstumshormone, Anabolika, EPO und alles andere, das brauchbar schien, um Medaillen zu gewinnen. Unter den Codenamen TopDoc und TopSpeed tauschten sich Arzt und Trainer über Dosen, Injektionen und Testintervalle aus. In einer Mail vom 8. Oktober 2002 erbat TopSpeed genaue Anweisungen zur Anwendung von Repoxygen – ein klarer Beweis, dass der Gebrauch von Gensubstanzen im Sport bereits Realität war.

Thomas Springstein scheint trotz seiner inzwischen recht belastenden Vergangenheit ein gefragter Mann zu sein. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete im April, dass Springstein beim Training litauischer Leichtathletinnen und -athleten in Südafrika gesichtet wurde. Auf seiner Website wirbt er für The Perfect Coach – ein Trainer, der uns sexy, stark und gesund machen kann.

:::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::

Charlotta Brylla ist Sprachwissenschaftlerin und derzeit Gastforscherin am Nordeuropa-Institut der Humboldt-Universität zu Berlin. Der hier veröffentlichte Artikel ist auch in der schwedischen Tageszeitung „Dagens Nyheter“ erschienen und wurde von Jonas Larsson ins Deutsche übertragen. Wir danken für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung. 

:::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::