Reizthema

Sexier, stärker, gesünder

"Saubere" Spiele in Peking – so lautet das Versprechen, mit dem China in diesem Jahr zur Oympiade einlädt. Ines Geipel hält dieses Versprechen für einen faulen Zauber. Die DDR-Athletin und einstige Weltrekordlerin hat das Buch "No Limit" geschrieben, in dem sie ihr eigenes Lebenstrauma schildert: Doping im Dienste der Gesellschaft. Der chemische Betrug am Körper aber, so meint die Autorin auch, sei längst nicht mehr nur ein Problem im Spitzensport – sondern inmitten unserer Gesellschaft angekommen.

Bis zum Beginn der Olympischen Spiele wurde die Gastgeberschaft Pekings immer wieder diskutiert. Dass man eine Nation, die so offensichtlich gegen die Menschenrechte verstößt, das größte Sportereignis der Welt ausrichten lässt, blieb fragwürdig. Am Ende überwogen handelspolitische Interessen. Nicht zuletzt für das Internationale Olympische Komitee ist Peking eine lukrative Angelegenheit: Mehr als zwei Milliarden US-Dollar hat man allein für die Übertragungsrechte kassiert.

Passenderweise gehört IOC-Chef Jacques Rogge zu denen, die das chinesische Anti-Doping-Programm ernst genommen haben. Laut Rogge gibt es in China kein staatlich organisiertes Doping mehr – auch die internationale Anti-Doping-Agentur WADA bescheinigt den chinesischen Testlabors ein hohes Niveau. Von den Veranstaltern selbst war zu hören, die Spiele in Peking sollen die „saubersten“ werden, die die Welt je gesehen hat. Doch was ist davon zu halten?

Diese Frage stellt die Autorin und Weltrekordlerin Ines Geipel in ihrem kürzlich erschienenen Buch „No Limit. Wie viel Doping verträgt die Gesellschaft.“ Geipel ist weniger geneigt, an saubere Spiele zu glauben, wie sie mir in einem Gespräch deutlich machte. Zwar habe China eine Menge Geld in die Lösung seiner Dopingprobleme investiert, und natürlich werde man dafür sorgen, dass keine chinesischen Athletinnen und Athleten während der Spiele positiv getestet werden, aber eigentlich gehe es dabei nur darum, eine Fassade aufrecht zu erhalten.

Wie soll man in einem Land den Gebrauch von leistungssteigernden Präparaten in den Griff bekommen, in dem EPO und Wachstumshormone billiger zu haben sind als überall sonst auf der Welt? Wo Myostatin-Blocker an der Eingangstür einer jeden Sportschule angeboten werden? Das Labor, das Geipel und eine deutsche Bundestagsdelegation während ihrer China-Reise besichtigen durften, war nur Kulisse, in der ein paar Probenröhrchen pflichtschuldig als Requisiten dienten. Der verantwortliche Arzt antwortete artig auf alle Fragen. Gendoping? Nein, das sei ihm nicht bekannt. Die deutsche Delegation wurde streng bewacht, und Geipels geplantes Interview mit dem regimekritischen Autor Zhou Qing musste abgesagt werden.

In „No limit“ beschreibt Ines Geipel im Grunde ihr eigenes Lebenstrauma: Doping im Dienst der Gesellschaft. Sie war Leichtathletin in der DDR – jenem Land, in dem staatlich kontrolliertes Doping mit phantastischen Ergebnissen triumphierte, allerdings mit verheerenden Folgen für viele der betroffenen Sportlerinnen und Sportler. Geipiel kam als Siebzehnjährige zum Eliteklub SC Motor Jena und entwickelte sich rasch zu einer der schnellsten Frauen der Welt. Gemeinsam mit Bärbel Wöckel, Ingrid Auerswald und Marlies Göhr hat sie noch heute den Vereins-Weltrekord über die 4x100 Meter inne: 42,20 Sekunden, aufgestellt in Erfurt im Jahr 1984. Am 28. Juli 2005 stellte Geipel den Antrag auf Löschung ihres Namens aus den Rekordverzeichnissen, da der Rekord das Ergebnis jahrelanger unfreiwilliger Anabolika-Einnahme gewesen sei.

Ab dem Jahr 1974 gab es den Staatsplan 14.25 in der DDR, der das konspirative Zwangsdoping von mindestens zehntausend Leistungssportlerinnen und -sportlern vorsah. Es handelte sich um ein ausgeklügeltes Verfahren, das sich aus dem Rekrutieren junger Talente, knochenhartem Training und dem systematischem Einsatz von Stereoiden teilweise schon bei Zehnjährigen zusammensetzte. Es ging um die Vermarktung der Ware „DDR-Athlet“ oder um den Wettbewerb der Systeme in seiner groteskesten Form.

Erst lange Zeit später waren die Folgen klar: Nebenwirkungen wie Nierenschädigungen, Bandscheibenvorfälle, Unfruchtbarkeit, die Herausbildung von Bassstimme und Bartwuchs bei Frauen, Essstörungen, Depressionen usw. Der spektakulärste Fall war wohl der der Kugelstoßerin Heidi Krieger, die durch jahrelange Einnahme von Testosteron in einen Mann verwandelt wurde. Viele der ehemaligen DDR-Sportlerinnen und Sportler sind heute aufgrund physischer und psychischer Nebenwirkungen arbeitsunfähig. In den sechziger Jahren geboren, sind sie zu jung, um verrentet zu werden, und leben von Hartz IV in einem deutschen Folgestaat, der sich für ihr Schicksal nicht verantwortlich fühlt.

In China ist die Situation kaum besser. Laut Sportmagazin Zhongguo Tiyu Bao leben 80 Prozent der rund 300 000 ehemaligen chinesischen Spitzensportlerinnen und -sportler unterhalb des Existenzminimums. Geipel berichtet in „No Limit“ von der ehemaligen Marathonläuferin Ai Donmei, die zum Rennstall des Dämonentrainers Wang Dexian gehörte. Ihre Füße sind verformt, und sie hat Schwierigkeiten zu gehen. Auch kann sie nicht von ihren Erfolgen leben. Im Jahr 2006 hat sie ihren Trainer verklagt, der ihre Siegprämien, etwa 200 000 Euro, einbehalten haben soll.

Der Prozess endete mit einem Vergleich, der nicht sonderlich vorteilhaft ausgefallen sein kann; Ai Donmai versucht noch immer, ihre 16 Goldmedaillen für 100 US-Dollar das Stück zu verkaufen, um sich und ihre zweijährige Tochter ernähren zu können. Die Karriere Wang Dexians endete mit einem Skandal. Im Jahr 2006 enttarnte die wegen Dopings gesperrte Athletin Sun Yingjie die Methoden ihres Trainers, der seine Schützlinge mit Gürteln immer wieder blutig geschlagen hatte.

Doch Ines Geipel geht es nicht nur um die Kehrseiten des Leistungssports in totalitären Systemen. Schließlich haben auch die westlichen Demokratien Probleme im Umgang mit gedopten Athleten. Die US-Sprinterin Marion Jones wurde 160 Mal negativ getestet. Die Strafe, die sie jetzt verbüßt, basiert bekanntlich auf einem Geständnis. Und der Prozess gegen Jones’ früheren Trainer Trevor Graham förderte weitere Enthüllungen über gedopte US-amerikanische Sprintstarts zutage.

Im Radsport folgt ein Skandal nach dem anderen. Die Tour de France hat sich zur Farce entwickelt, in der ein Sieger von heute schnell zum Betrüger von morgen mutiert. Das Bemerkenswerteste an der Affäre um den deutschen T-Mobile-Rennstall war, dass die Spuren zu einem prominenten Ärzteteam an der Freiburger Uniklinik führten. Die Vorstellung vom Doping als einer illegalen, lichtscheuen Tätigkeit schien plötzlich so veraltet wie naiv.

Vor diesem Hintergründ geht es Ines Geipel vor allem um die Frage nach gesellschaftlicher Verantwortung. Warum haben die bisherigen Bemühungen im Kampf gegen Doping eigentlich so wenig erreicht?...

Mehr dazu lesen Sie im bald erscheinenden Teil 2 auf MissTilly.

Am Sonntag, 17.08.08, zeigt arte um 18:15 Uhr die Dokumentation „Ines Geipel. Vom Sprinten zum Schreiben.“ Ein Film von Rainer Kahrs.

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Charlotta Brylla ist Sprachwissenschaftlerin und derzeit Gastforscherin am Nordeuropa-Institut der Humboldt-Universität zu Berlin. Der hier veröffentlichte Artikel ist auch in der schwedischen Tageszeitung „Dagens Nyheter“ erschienen und wurde von Jonas Larsson ins Deutsche übertragen. Wir danken für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung. 

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Bildnachweise:

1. Christophe Libert (via sxc.hu)
2. Buchcover, Klett-Cotta Verlag
3. Ines Geipel, Foto von: Thoma (via wikipedia)