Weibchenschema

„Sexismus und Homophobie müssen thematisiert werden“

Tanja Walther hat selbst Fußball auf hohem Niveau gespielt und aus ihrer Homosexualität nie ein Geheimnis gemacht. Deshalb sind ihr die Diskriminierungen, mit denen lesbische Spielerinnen im Ballsport zu kämpfen haben, bekannt. Gerade diskutierte der Deutsche Fußball Bund auf einem Aktionstag in Berlin die Probleme, die Homophobie und Sexismus auf dem Rasenplatz darstellen. Tanja Walther hat auf diese immer wieder aufmerksam gemacht – in ihrer Arbeit als Botschafterin für die European Gay and Lesbian Sport Federation, eine der Initiatoren des Aktionstages, und mit sportwissenschaftlichen Publikationen wie „Kick it out“. Katja Öhlschläger von "Womensoccer.de" sprach mit der Ex-Bundesliga-Spielerin über Outing und Ängste, Sponsorendruck und Medienmacht - und nur schwer aus der Welt zu schaffende Klischees.

Womensoccer: Wir haben einerseits den Männerfußball, wo Aktive und Verantwortliche - ohne mit der Wimper zu zucken - behaupten, es gäbe keine schwulen Fußballer, während es im Frauenfußball ein offenes Geheimnis ist, dass viele Spielerinnen lesbisch sind. Die Voraussetzungen sind also anders, dennoch wird das Thema bei Frauen wie Männern totgeschwiegen und lebt kein/e SpielerIn Homosexualität offen aus. Wie kann man das erklären?

Walther: Ich denke, bei den Männern ist es eine existenzielle Angst, die durchaus gerechtfertigt ist. Zumindest im Profisport wäre das für jeden, der sich outet, bestimmt ein tierisches Problem. Sogar bei Hertha BSC Berlin, die ihren schwul-lesbischen Fanclub Hertha-Junxx nach Kräften unterstützen, teilt man die Meinung, dass es nach einem Outing Probleme in der Mannschaft gäbe. Bei den Frauen habe ich immer das Gefühl, es wurde ihnen schon so lange erzählt, dass sie das nicht publik machen dürfen. Die einzige und drastischste Konsequenz wäre ja, man könnte nicht mehr Fußball spielen. Aber die Existenz hängt nicht daran, so viel verdienen die meisten ja nicht.

Es sind irrationale Ängste, die kaum erklärbar sind, aber genauso funktionieren wie bei den Männern. Eine Angst vor etwas, was man nicht greifen kann – vergleichbar mit dem Coming-Out vor den Eltern. Mögen die mich dann noch? Das ist kein existenzielles Problem, aber wenn es einen trifft, ist es elementar.

 

Womensoccer:   Was denken Sie, wer hier die treibende Kraft ist, in dieserEntwicklung nicht weiter zu kommen? Sind das Verbände, Vereine, Manager, die Spielerinnen selber?

Walther: Ach, das ist ein Gesamtkunstwerk. Fußball ist in dem Bereich nicht so weit wie die Gesellschaft. In der Politik ist es mittlerweile ja auch okay, dass der Bürgermeister von Berlin schwul ist, was am Anfang noch ein großes Ding war. Jetzt redet da aber auch kein Mensch mehr darüber.

Beim Fußball wird aus vielen Ecken Druck aufgebaut. Zum einen ein Trainer, der einen komischen Kommentar macht, oder Vereinsvorstände, die ihre Spielerinnen anhalten, ihre Homosexualität zu verstecken, weil sonst vielleicht die ganzen Mädchen nicht mehr zum Training kämen und die Eltern Angst bekämen, ihre Kinder würden gleich lesbisch, wenn sie dort hingehen. Das sind Medien- und Verbandsstrukturen, die Homosexualität ausklammern und nicht thematisieren.

 

Womensoccer: Oftmals heißt es ja, wir leben in einer offenen Gesellschaft, warum solle man über eine Selbstverständlichkeit, zumal Privatsache, reden. Aber wäre es nicht erst dann tatsächlich selbstverständlich, wenn eine lesbische Spielerin ebenso offen über ihre Freundin reden kann wie beispielsweise Nia Künzer über ihren Freund?

Walther: Auf jeden Fall. Wenn einfach keine große Geschichte mehr daraus gemacht wird. Wenn ich z.B. gefragt werde, ob ich verheiratet bin und dann, wenn ich sage, dass ich eine Freundin habe, das Gespräch normal weiter geht und niemand sagt: Oh Gott, mit der will ich jetzt nichts mehr zu tun haben, sonst werde ich vielleicht auch so…

 

Womensoccer: … die Angst vor „Ansteckung“…

Walther: …richtig, da sind wir ja auch an dem Punkt, was Diskriminierung überhaupt ist. Mich irritiert das jedenfalls enorm, wenn dadurch plötzlich ein Gespräch abgebrochen wird. Manchmal ist das Unsicherheit, manchmal wirklich Homophobie. Aber diese Unsicherheit lässt sich meines Erachtens nur über Information abbauen.

 

Womensoccer: Man muss es thematisieren?

Walther: Genau, nur so kann es selbstverständlich werden.

 

Womensoccer: Diese Ängste, über die wir eben sprachen, wie sind die begründet? Ist das eine Angst davor, dass Sponsoren abspringen könnten? Eine berechtigte Angst?

Walther: Das ist schwierig einzuschätzen. Ich weiß nicht, wieviele Frauen es gibt, die wirklich gute Sponsorenverträge haben. Und da kommt es dann auch immer darauf an, welche Sponsoren das sind. Wie althergebracht ist die Firma, die dahinter steht? Was haben die für ein Menschenbild ,und was wollen die verkaufen? Es kann schon sein, dass eine altbackene Versicherung sagt: Wenn du dich outest, dann bekommst du das Geld nicht mehr. Wobei die meisten Firmen mittlerweile ja auch Wert darauf legen, multikulturell und weltoffen zu sein.

 

Womensoccer: Also eher eine übertriebene Angst?

Walther: Würde ich denken, ja. Und dann ist auch die Frage: Vor was habe ich Angst? Ist es tatsächlich das Geld , oder ist mir das so wichtig, dass ich einen Teil meiner Persönlichkeit verstecken will?

 

Womensoccer: Falls in naher Zukunft auch Frauen mehr verdienen und ihren Lebensalltag davon bestreiten könnten – würde das, wenn sich die Sportart mehr etabliert hat, eher die Bereitschaft zu einem Outing befördern oder entsteht da eine größere Abhängigkeit von den Geldgebern?

Walther: Also ich glaube, das ist unabhängig davon, ob Frauen mehr verdienen – was ich mir übrigens auch nicht vorstellen kann, aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren. Ich glaube, es hängt davon ab, dass die Strukturen verbessert werden müssen. Dass eine Organisation wie der DFB sagt: ihr könnt sein, was ihr wollt, und könnt trotzdem weiter unseren Fußball spielen. Und dass Vereine das auch klar sagen. Das ist wichtig für den Anfang, um darauf aufzubauen. Ich glaube, dann müssen auch die anderen nachziehen, weil sonst die blöd aussehen, die einen Sponsorenvertrag von der sexuellen Orientierung abhängig machen.

 

Womensoccer: Es gibt ja auch Beispiele, dass die Boulevardpresse im letzten Jahr etwa die Dreiecksgeschichte mit Inka Grings, Linda Bresonik und Holger Fach aufgegriffen hat, den Spielerinnen daraus aber kein Nachteil erwachsen ist und die sexuelle Orientierung dabei auch nicht im Vordergrund stand. Was denken Sie denn, was heute bei einem Outing passieren würde?

Walther: Das ist es ja. Ich denke, es würde gar nichts passieren, weil du im Endeffekt ja auch die ein oder andere Spielerin in der Szene triffst und sie zwangsouten könntest. Nur ist es für die Presse einfach auch nicht so spannend, da jetzt jemanden zu outen. Es wäre viel spannender, einen Mann zu finden und den zwangszuouten. Diese Dreiecksgeschichte war ja auch nicht das Superding. Es stand zwei Tage in der Presse und dann war’s wieder vorbei. Ich glaube, die Konsequenzen wären minimal, aber das Blöde an Ängsten ist eben, dass man nicht mit Argumentationen kommen kann, weil sie irrational sind.

 

Womensoccer: Jetzt haben wir über den „großen“ Frauenfußball gesprochen – wie sieht das denn in den unteren Ligen aus?

Walther: Ich spiele ja in einer unteren Liga. Wir sind aufgestiegen und spielen jetzt Berliner Landesliga. Da sind es eher sexistische Sprüche, weil es weiterhin für viele Männer ganz seltsam ist, wenn da plötzlich ein Trupp Frauen kommt, mit einem Ball unterm Arm, die dann auch noch auf den Platz wollen, wo sie gerade trainieren.

Aber es gibt auch mal blöde homophobe Sprüche, wenn ich meine Freundin mal an der Hand habe. Aber damit gehen wir eigentlich relativ offen und situationsbedingt mit um.

 

Womensoccer: Ich erinnere mich noch an eine Werbeanzeige für das L-Mag in einer der ersten Ausgaben des FF-Magazins, was gleich zu einem empörten (abgedruckten) Leserbrief eines Vereinsvertreters führte, Frauenfußball sei doch schon als Lesbensportart verschrien und man würde es ihnen nur noch schwerer machen. Seitdem gab es keine Werbeanzeigen dieser Art mehr. Da sind ja doch noch große Vorbehalte zu erkennen…

Walther: Auf jeden Fall, da gibt es ja auch dieses Ding, dass man sein Kind nicht zum Fußball schickt. Diskriminierung in diesem Bereich ist ja auch sehr subtil. Wenn das Gespräch plötzlich abbricht, was willst du denn da machen? Oder Eltern sagen einfach, ihrem Kind habe es nicht gefallen, obwohl die vielleicht total viel Spaß hatten.

Und was mich auch wundert, ist, dass wir da auch nicht weitergekommen sind, dass viele Eltern weiterhin denken, dass Fußball kein Mädchen- oder Frauensport ist. Als Mädchen ist es noch okay, aber auf dem Transfer vom Mädchen zur Frau soll das Kind dann doch bitte etwas machen, was „fraugemäß“ ist. Was auch immer das dann ist.

 

Womensoccer: In Ihrer Arbeit weisen Sie auch darauf hin, dass Frauen, wenn sie Sport treiben, männlich besetzte Eigenschaften annehmen. Würden manche Klischees, Fußballerinnen seien „Mannsweiber“ und müssten eh lesbisch sein, um einen „Männersport“ treiben zu können, paradoxer Weise bestätigt, wenn sich jetzt einige Spielerinnen outen würden?

Walther: Nein, finde ich nicht. Denn es gibt ja auch zahlreiche heterosexuelle Spielerinnen, die richtig gut Fußball spielen. Es gibt eine Studie zu Leistungssportlerinnen von Birgit Palzkill aus den 90er Jahren. Sie hat herausgearbeitet, dass es im Leistungssport einfach viele Lesben gibt, weil sie sich da wohl fühlen. Kein Mensch nimmt sie wirklich als Frau wahr, du wirst als Sportlerin angesehen. Das funktioniert generell im Leistungssport so, nicht nur im Fußball.

 

Womensoccer: Auch so ein Community-Gefühl?

Walther: Einfach sich wohl fühlen und sein können, wie du bist, ohne sich zu verstellen.

 

Womensoccer: Wie stelllt sich die deutsche Situation im Vergleich mit anderen Ländern dar, ist Deutschland da rückständig?

Walther: Nein, würde ich nicht sagen. Wenn man einen Blick auf Europa wirft, muss man immer auf die politische Lage schauen. Da sind wir in Deutschland ja mit Belgien, Holland oder skandinavischen Ländern schon relativ fortschrittlich. Ähnlich sieht es außerhalb Europas aus, nur sind es da andere Sportarten. In den USA ist Frauenfußball ja die Frauensportart Nummer eins und auch eine Schwulensportart. Die „richtigen Jungs“ spielen ja American Football oder Baseball. Da sind dann Frauen, die Baseball spielen, als lesbisch verschrien.

 

Womensoccer: Vor kurzem  hat der DFB das Thema Homophobie und Sexismus auf einem Fankongress in Leipzig zum ersten Mal thematisiert – warum jetzt und warum erst jetzt?

Walther: ‘Warum erst jetzt?’ ist eine gute Frage. Ich glaube, es gibt immer einen richtigen Moment für etwas , und bisher hatte der DFB genug zu tun, um sich erstmal Themen wie Rassismus anzueignen. Jetzt können sie auch über den Tellerrand schauen. Und es hat auch mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun, dass Schwule und Lesben in der Öffentlichkeit mehr zu sehen sind. Da fragen sich dann natürlich einige, wo die denn überhaupt im Sport sind. Und Fußball ist eben der Sport Nummer eins in Deutschland, dann schaut man erstmal da.

Dass der DFB das jetzt macht, hat aber sicherlich auch damit zu tun, dass die UEFA das Thema im letzten Jahr auch bei einem Kongress auf der Agenda hatte und weil sich beispielsweise auch die Faninitiative BAFF seit Jahren darum kümmert. Nicht zuletzt hat es auch mit der Arbeit, die die EGLSF (European Gay and Lesbian Sport Federation) macht, zu tun.

 

 

Womensoccer: Bei einem Blick in die Vorberichterstattung zum Fankongress habe ich das Thema Homophobie allerdings gar nicht gelesen. Da sind schon noch dicke Bretter zu bohren?

Walther: Ja, aber das macht auch deutlich, wo die Arbeit eigentlich liegt. Einmal, die Leute dazu zu bringen, die Diskriminierung überhaupt zu sehen. Zu merken, dass sich der „schwule Schiedsrichter“ angegriffen fühlen könnte, wenn er tatsächlich schwul ist. Einen heterosexuellen Schiedsrichter wird es wahrscheinlich nur stören, dass du ihn als „Sau“ bezeichnest – obwohl er wahrscheinlich auch nicht als schwul gelten will.

Es gilt Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass es relativ viele diskriminiert, ohne dass es jemand merkt, weil du die Menschen nicht siehst, die schwul oder lesbisch sind.

 

Womensoccer: Zum Abschluss - wäre eine Anweisung, wie sie aus dem Jahr 1995 bekannt ist, dass Nationalspielerinnen verboten wurde, an den Euro Games teilzunehmen, heute noch denkbar?

Walther: Das glaube ich nicht. Ich denke, da sind die Verantwortlichen weiter, das würde sich niemand mehr trauen. Wenn so etwas publik würde, wäre das, glaube ich, ein Eklat. Das kann ich mir nicht vorstellen, solche absurden internen Abmachungen sind mir nicht bekannt.

 

 

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Katja Öhlschläger schreibt seit 2003 über Frauenfußball und war zeitweilig Chefredakteurin der Fanzeitschrift "Soccer“ und später des Nachfolgemagazins "Die Elf". Im Jahr 2005 gründete sie mit Freunden das Online-Magazin „FanSoccer“, daneben gehört sie zu den regelmäßigen AutorInnen des Fußball-Blogs „womensoccer.de“, für das sie das vorliegende Gespräch führte. Wir danken der Autorin, die uns ihr Interview  für eine Zweitveröffentlichung (in gekürzter Fassung) freundlicher Weise zur Verfügung stellte.

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Fotonachweise:

1. Portrait von Tanja Walther. Copyright: Katja Öhlschläger

2. Sarah Jonas via flickr.com

3. Ford Ranger via flickr.com

4. Banner des Fußball-Blogs "womensoccer.de"