Fürs Auge

Sexualisierung

Vom heutigen Druck, sexy aussehen zu müssen. Und was er bei Teenagern bewirkt.

Miniröcke, knappes Shirt, String-Tanga und Push-up-BHs sind inzwischen normale Kleidung für Teenager. Woher rührt dieser Trend? Experten sagen, bereits präpubertäre Mädchen sähen sich heute als Objekte, deren Hauptaufgabe es sei, Jungs zu gefallen. Der 3sat-Film "Vom Strampler zu den Strapsen" zeigt in eindrücklichen Bildern und auf 45 Minuten in Hülle und Fülle Beispiele aus unserer Gesellschaft, in der das Posen in aufreizender Kleidung und Zurschaustellen der eigenen Kurven für Mädchen und weibliche Teenager eine erschreckende Wichtigkeit bekommen haben.

 

Der Wunsch eines Teenagers, aufzufallen


Fernsehsendung, Spielsachen, Kleidung, Idole aus der Musikszene: So vieles zielt heute mit einer offensiven Sexyness auf die Mädchen und konfrontiert sie damit, diese nachahmen zu müssen. Damit fällt ein ein Mädchen heute nur noch auf, wenn es möglichst sexy ist. Auffallen ist aber genau das, was für einen jungen Menschen wichtig ist. Die einzige Alternative wäre, unsichtbar zu bleiben. Wer will das schon? Laut einer US-Studie wird der Schaden der Sexualisierung größer, sobald Mädchen das Teenager-Alter erreichen. "Wir lernen, uns sexy zu verhalten und das macht uns befangener, weil wir uns ständig Gedanken um unser Aussehen machen," mahnt Deborah Tolman, amerikanische Sexualpsychologin, in dem Film. Diese Sexualisierung sollten wir nicht stillschweigend hinnehmen, fordert der Film.

Wir sind als Gesellschaft aufgefordert, kritisch die Frauenbilder zu hinterfragen, die wir transportieren und befeuern. Welche Form von Weiblichkeit wird in unseren Medien als Ideal verbreitet und wie beeinflusst das unsere eigene Selbstdarstellung und Wahrnehmung? Vor allem: Wie groß ist der Druck, diesen Bildern entsprechen zu müssen, um überhaupt als Frau wahrgenommen zu werden? Was tun wir unseren Mädchen damit an?

 

"Porno-Star-Qualitäten"

Nicht zu vergessen, was dies mit den Jungen macht. Die Sexualisierung von Mädchen und Frauen hat auch Wirkung auf die Jungs: Diese erwarteten heute, so erzählen 15jährige in dem Film, "Wespentaille, perfekte Körper und dass Mädchen alles mit sich machen lassen". Der Film spricht ganz brutal von "Porno-Star-Qualitäten", die heutzutage immer mehr Jungs bei Mädchen suchten. Weil ihr Bild von einer gesunden, intimen und privaten Sexualität durch die Verfügbarkeit pornographischen Materials im Internet völlig unreal geworden ist. Doch das Internet, das häufig nur allzu bereitwillig als Sündenbock herhalten muss, ist nicht alleine schuld. Auch Musik-Videos, TV und Magazinwerbung zeigen heute wie selbstverständlich laszive Bilder von Frauen, die früher locker als Softporno gegolten hätten.

Wer sich allerdings als Frau gegen hypersexualiserte Bilder zur Wehr setzen will, hat es schwer. Sie risikiert, als unerotische Spaßbremse und Latzhosenemanze abgestempelt und in eine Ecke geschubst zu werden, die nicht nur Unsichtbarkeit, sondern sogar Verhöhnung verheißt. Eine Kolumne der Spiegel-Online-Autorin Silke Burmeister zeigt, wo das Problem liegt und warum Sexismus und Sexualisierung es heute (allen Aufschrei-Kampagnen zum Trotz) immer noch so leicht haben. An einem Beispiel sexistischer Werbung beschreibt sie ihr eigenes Bemühen, beim Werberat mit einer Beschwerde gegen eine Werbekampagne einzuschreiten. Es ging um eine Anzeige, in der die Konservenindustrie die Vorzüge von Konservendosen pries, indem sie eine mit Dessous bekleidete Dose abbildete und darunter textete "Wie Frauen - leicht zu öffnen". Gebracht hat ihr die Beschwerde nur den Vorwurf, sie habe die "Ironie" und das "Augenzwinkern" der Anzeige nicht verstanden.


Modernes Frauenbild?

Wieso sollten wir es hinnehmen, wenn - wie Burmeister zu recht moniert - "Frauen auf ihre Körper reduziert werden und sich wie ferngesteuert an jedem Kerl reiben, der Axe unter die Achsel schmiert, statt sich zu waschen... und wenn für die H&M-Unterwäsche-Werbung Frauen in Pornoposen ihre immerwährende Bereitschaft zum Geschlechtsverkehr an den Wänden der U-Bahn-Schächte kundtun"? Ist das ernsthaft unsere Vorstellung von einem modernen Frauenbild? Wieso wollen wir Erwachsene solche Fotos als Normalität akzeptieren? Vielleicht um nicht selbst als unsexy und verklemmt zu gelten?