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Sind Sie belastbar?

Das ist eine Frage, die ich dieses Jahr schon oft bei Vorstellungsgesprächen gehört habe. Manchmal schon im Vorgespräch - am Telefon.

Leider war ich zu feige, darauf ehrlich zu antworten: „Nein, ich bin nicht belastbar". Jedenfalls nicht in dem Ausmaß, in dem die moderne Arbeitswelt es von mir verlangt. Überstunden, drei Telefone gleichzeitig bedienen, dabei noch schwierige Aufgaben in einer Fremdsprache lösen.... das kann ich seit einiger Zeit nicht mehr.

 

Vor zwanzig Jahren in meiner Ausbildung gab es eine Mit-Azubine, die weniger belastbar war. Nach der Prüfung wurde sie normal eingesetzt und packte es nicht. Doch es gab eine zufriedenstellende Lösung fürs Unternehmen und die Kollegin: Sie arbeitete in einer weniger stressigen Abteilung in einer niedrigeren Gehaltsstufe.


Alle waren damit zufrieden. Weniger belastbar, heißt nicht automatisch, weniger fleißig zu sein. Oder dümmer. Nur der Stress, damit kam sie nicht klar. Heutzutage gibt es solche Lösungen nicht mehr. Da werden selbst bei Minijobbern maximale Belastbarkeit und Überstunden verlangt. Verständnis findet man eher selten, wenn man weniger belastbar ist. Wenn man zugibt, dass sich bei steigendem Arbeitspensum Kopfschmerzen, Nervosität oder andere Symptome einstellen. Die meisten prahlen mit ihren Überstunden, mit den durchgearbeiteten Wochenenden. Mit ihren fehlenden sozialen Kontakten. Als wären sie stolz darauf, permanent 150 % in ihrem Job geben zu können und das als ihren einzigen Lebensinhalt zu sehen.


Die Wahrheit sieht anders aus. Das Burn-out-Syndrom wird zur Volkskrankheit. Meistens wird erst nach einer Erkrankung dem Menschen bewusst, was ihm in seinem Leben fehlt: Freunde, Familie, ein Ausgleich.


Betriebswirtschaftlich gesehen haben sich einige Unternehmen bereits zu Tode rationalisiert. Mit immer weniger Personal immer mehr leisten, ist eine Gleichung, die nicht aufgehen kann. Und der „menschliche Ausschuss", der dabei produziert wird, ist enorm. Welche Probleme dieser Dauerstress mit sich bringen kann, lesen wir regelmäßig in der Zeitung: Da ist die Kindergärtnerin, die ihre Schutzbefohlenen misshandelt, weil die Gruppen zu groß sind. Sie hat einfach die Beherrschung verloren. Da ist die JVA Aachen, deren Mitarbeiterüberlastung zu grauenvollen Zuständen im Strafvollzug führte. Die Vorgesetzten sind für diese Arbeitnehmer schon lange kein Ansprechpartner mehr bei ihren Problemen.

 

Ich möchte auch nicht unbedingt von einem Chirurgen behandelt werden, der gerade eine 48-Stunden-Schicht hinter sich hat. Die Frage ist einfach: Wie soll es weitergehen? Sollen wir nicht doch noch einmal einen Gang zurückschalten? Können wir das in der globalisierten Welt überhaupt? Ich weiß es nicht. Aber es muss sich etwas ändern, soviel ist sicher.

 

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Anita Römgens ist ein lebenslustiges Landei vom linken Niederrhein, das gerne schreibt und viel reist. Der Hauptjob als Betriebswirtin zahlt die Miete, ist aber nicht wirklich spannend.

 

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