Women only

So unbeschreiblich weiblich

Von: Bärbel Kerber, Fotos: photocase.com

vom 04.08.06

Da stehe ich also unmotiviert vor dem Spiegel und zuppel an meinen Haaren. Das gesamte Drogeriemarkt-Sortiment der L’Oreal-Wella-Schwartzkopf-Fraktion, das sich in den letzten Wochen in meinem Badezimmerschränkchen breit gemacht hat, nutzt nichts. Rein.Gar.Nichts. Ich sehe bescheuert aus. Und ich frage mich, wie ich das überhaupt zulassen konnte, dass ich nun hier stehe und meine einzige Sorge meiner Frisur gilt.

 

Mein Fehler war: Ich hatte mich mal wieder zum Versuch hinreißen lassen, meine Haare wachsen zu lassen. Weil Männer offensichtlich auf lange Mähnen stehen.  Dabei kann ich mich mit langen Haaren nicht ausstehen, finde Kurzhaarschnitte schicker, wilder, praktischer. Aber mit schöner Regelmäßigkeit finden Konversationen wie diese bei uns statt:  „Ach, willst du nicht mal deine Haare etwas länger wachsen lassen?“, fragt dann meine bessere Hälfte mit einem gefährlichen Unterton. „Nein, will ich nicht. Du willst, dass ich will.“, erwidere ich in solchen Fällen meist übelgelaunt und provoziere massivere Geschütze. „Mmh. Das würde dir aber sicher gut stehen,“ sagt dann der beste aller Ehemänner unschuldig. „Und sieht viel weiblicher aus.“ Treffer! Damit kriegen sie uns alle. Und obwohl ich das Spiel durchschaue, ziehe ich dann tatsächlich wieder mal ernsthaft in Erwägung, mich auf den mühsamen Weg zum langen Haar zu begeben. Um schließlich irgendwann im Bad zu verzweifeln und mich für mein schwächliches Nachgeben zu verdammen.

 

Emanzipation hat seinen Preis. Wir Frauen sind stolz darauf, alles alleine zu schaffen. Um im nächsten Augenblick weich zu werden, wenn Männer – wie wir ihnen unterstellen - lieber das Püppchen in uns sehen wollen. Alle mühsam verbunkerten Zweifel wabern klamm und heimlich an die Oberfläche, wagt das andere Geschlecht nur einen gut kaschierten Seitenblick auf eine Langblondierte mit rot lackierten Fingernägeln am Nebentisch. Wie sexy ist  dagegen die Frau, die Bierflaschen lässig ohne Öffner aufbekommt. Wie erotisch wirkt eine Frau, die ihre Ikea-Möbel selbst nach Hause fährt und aufbaut? Was nützt der ganze Stolz, auf eigenen Beinen zu stehen, wenn die Jungs angesichts solch massiv aufgefahrener Demonstration fraulichen Könnens auf dem Schuhabstreifer kehrt machen?

 

Supergirl oder Sexbombe? Staatsexamen oder „Frau an seiner Seite“? Wir modernen Frauen drehen uns im geistigen Kreis und hadern damit, was wir sein wollen. Weil es ein undurchsichtiger Durcheinander geworden ist und wir nicht wissen, wovon Männer träumen, wenn sie von Frauen träumen. Selbst mein eigener Mann – ein gleichberechtigtes Prachtexemplar, das ohne Murren mühelos in Vater-, Hausmann- und sonstige Rollen schlüpft – lässt hie und da durchblicken, dass auch er sich ab und an wünscht, 1. gebraucht zu werden, 2. hundertprozentiger Versorger seiner Frau und Familie zu sein und 3. Beschützerinstinkte ausleben möchte. Und was mache ich aus seiner Botschaft? Ich meine, herauszuhören, dass ich das zu wenig zulasse. Und er deswegen das Ganze an meiner Frisur auslässt

 

Die Krux ist: Ich gefalle mir mit kurzen Haaren. Ich liebe Sportarten mit Gefahrenpotenzial und fahre gerne meinen unbequemen Geländewagen. Ich kann selbst Reifen wechseln und gehe selbstbewusst alleine im Restaurant Essen. Beschützer? Pah, brauche ich nicht. Klassisches Weibchenschema? War gestern, sende ich sublim hinaus in die Welt. Und riskiere scheinbar unbeeindruckt uninteressierte Blicke und kalte Schultern der Männer. Doch in schwachen Momenten holen mich die Zweifel immer wieder ein. Dann übe ich den Spagat zwischen Powerfrau, Supermama und scharfer Mieze – weil ich denke, das sei es, was still und heimlich von der modernen Amazone erwartet wird.

 

Nicht einfacher wird es, wenn Kinder ins Spiel kommen. Kann ich meiner Tochter ernsthaft ihr derzeit favorisiertes Rollenmodell – „Kim Possible“, die Rächerin der Schwachen im Kinderkanal - empfehlen? Was, wenn sie, das künftige Power-Puff-Girl, sich später die Augen ausheult, weil sie Single bleibt und ihre Verehrer reihenweise mit ihrer selbstbewussten Klappe verprellt?

 

Einerseits predige ich meinen Kindern tagein, tagaus, dass Äußerlichkeiten nicht zählen und innere Werte wie ein unabhängiger selbstständig denkender Geist wichtiger sind. Und dann ertappe ich mich selbst wieder bei Versuchen, mich klammheimlich mit High Heels, engen Röcken und verführerischen Dessous zu verweiblichen. Nicht dass Fraulichsein und emanzipierter Geist nicht zusammen passen würden. (Schon mal auf Knien die Waschmaschine im tief dekolletierten Kleid repariert? Haha.) Nein, auch ich kehre gerne meine weiblichen Reize heraus, wenn mir der Sinn danach steht. Problematisch wird’s nur, wenn optische Aufpepp-Versuche vorrangig dazu dienen, vermeintliche Defizite und überflüssige Minderwertigkeitsgefühle auszugleichen. Und die überkommen mich leider immer noch regelmäßig. Um die Schuld dafür, dann postwendend den Männern in die Schuhe zu schieben.

 

Aber mal ehrlich, Mädels? Müssen wir uns nicht selbst an die Nase fassen? Wir haben eine Schwäche für Robbie Williams, den Obermacho der Pop-Kultur, der bis hinter die Ohrläppchen tätowiert ist und die Frauen reihenweise vernascht. Weiche Knie aber bekommen wir bei dem Typen, der uns Schiller rezitiert und mit umgebundener Schürze ein Abendessen serviert.

 

Gleiches Recht für Männer wie Frauen. Lasst sie doch von langhaarigen, vollbusigen Frauen in figurbetonter Kleidung schwärmen. Wir schauen schließlich auch gerne fesche Kerle mit breiten Schultern an. Und wissen, dass das, was uns optisch anspricht, nicht zwangsläufig deckungsgleich ist mit dem, was uns anmacht. Außerdem behaupten Flirtexperten, die nachhaltigste Wirkung auf das andere Geschlecht hätten authentische Menschen, solche also, die ganz und wahrhaft sich selbst sind. Das ist das beste Argument dafür, endlich Frieden zu schließen mit dem, was wir sind. Erotik findet eben doch zu großen Teilen im Kopf statt.