Starke Frauen

So viel Energie

"Mit 50 bin ich erst aufgewacht, aber vorher war ich auch nicht schlecht!" sagte die Malerin Maria Lassnig in einem Gespräch mit Hanna Gagel, der Autorin des Buches "So viel Energie", in dem es um Künstlerinnen in ihrer dritten Lebensphase geht.

Von: Carola Thurow

vom 13.05.08

Hanna Gagel ist Kunsthistorikerin und wurde 1935 geboren. Vielleicht gerade weil auch sie nicht mehr jung ist, gelingt es ihr, auf eine wunderbar leichte und dabei fundiert recherchierte Weise zu zeigen, wie es möglich ist – trotz nachlassender körperlicher Kräfte wie bei Niki de Saint Phalle oder trotz wiederkehrender Schicksalsschläge, Krieg und wirtschaftlicher Not wie bei Käthe Kollwitz und Marianne Werefkin – bis ins hohe Alter eine geradezu unglaubliche Kreativität unter Beweis zu stellen.

Sorgsam hat sie 15 Malerinnen und Bildhauerinnen des 20. Jahrhunderts ausgewählt, die diese letzte Lebensphase nutzen, um ganz neue Aspekte in ihrer Arbeit zu entdecken. In den meisten Fällen kommt ihnen dadurch auch erst die Aufmerksamkeit zu, die sie zu Beginn ihrer Laufbahn nicht fanden. Beeindruckend sind die Beiträge durch die Bildbeispiele, die chronologisch das Werk jeder Künstlerin illustrieren. Unbekannte neben weltberühmten Arbeiten zeigen den Weg, den die Frauen gegangen sind.

Der Begleittext liest sich immer wieder wie ein Credo für das Älterwerden, idealisiert nichts, schönt nichts, aber gibt unweigerlich die Anregung, über die eigene Vorstellung vom Älterwerden nachzudenken.

Hanna Gagel ist hier nicht nur eine vielschichtige Darstellung wichtiger Künstlerpersönlichkeiten geglückt, sondern es gelingt ihr auch, dem Alter seine negative, dunkle, bedrohliche Seite zu nehmen und an diese Stelle ein Licht der Vitalität und Kraft zu setzen. Damit zeigt sie gerade in einer Zeit der Sucht nach optischer und geistiger Perfektion, wie viel mehr Inspiration in Unvollkommenem steckt. Und dass Alter in erster Linie eins ist – ein Bekenntnis zur Unvollkommenheit.

Was aber ist es eigentlich, was die Künstlerinnen zu einer solchen andauernden Kreativität befähigt?

Hanna Gagel entdeckt viele Gemeinsamkeiten und fasst diese zu einigen Thesen zusammen. Zum einen ist es die Konfrontation mit Lebenskrisen, die schöpferisches Potenzial freilegt. Die Auseinandersetzung mit dem frühen Tod des Sohnes im 1. Weltkrieg befähigt Käthe Kollwitz mit 68 Jahren, ihre wohl eindrucksvollste Skulptur, die „Pieta“, zu schaffen. Auch Marianne Werefkin und Lee Krasner beziehen depressive Stimmungen, durch Schicksalsschläge ausgelöst, in ihre Kreativität ein.

Allen älteren Künstlerinnen ist gemeinsam, dass sie durch eine ungeheure Kontinuität und Disziplin ihre Kreativität auch zwischen dem 60. und 80. Lebensjahr aufrechterhalten. Dieses Hochplateau basiert jedoch auf Fundamenten, die schon früh gelegt wurden: wie bei Meret Oppenheim, die bereits mit 23 ihre „Pelztasse“, ein Hauptwerk des Surrealismus, schuf. Spät aber erst kommt sie dazu, ihr Lebens- und Kunstkonzept der Androgynität auszuformulieren.

Die Lebenskonzepte oder auch Lebensphilosophien kristallisieren sich oft erst jenseits des 60. Lebensjahres heraus. Ein wunderbares Beispiel dafür ist das Spätwerk von Georgia O`Keeffe. Über die Auseinandersetzung mit der Natur und ihrer Vergänglichkeit schließt sich der Kreis zu den frühen Bildern und den monumentalen späten. O`Keeffe malt mit fast 80 Jahren ihr größtes und oft auch als ausgesprochen atmosphärisch wahrgenommenes Werk „Sky above Clouds“.

Ein ganz entscheidender Faktor für späte Kreativität scheint aber auch eine ganz neue Offenheit gegenüber der Umwelt und Gesellschaft zu sein. Es ist offenbar plötzlich leichter, eine Balance zwischen Ich und Weltbezug zu finden. Nicht ganz unwichtig dabei allerdings auch: ein Heraustreten aus dem Schatten berühmter und erfolgreicher Ehemänner, das hier zu beobachten ist.

Der Erfolg stellt sich bei Lee Krasner erst nach dem Tod ihres Mannes Jackson Pollock ein, Marianne Werefkin muss erst Alexsej Jawlensky hinter sich lassen, und Sonja Delaunay hat erst spät die Chance zu zeigen, dass sie eine von ihrem Mann Robert Delaunay unabhängige Künstlerin ist.

Die ehrliche, schonungslose, manchmal ironische Konfrontation mit dem Tod inspiriert das Spätwerk vieler Frauen. Die begrenzte Zeit, die bleibt, bekommt eine neue Wertigkeit. O`Keeffe zeigt in „My last Door“ in höchster Abstraktion, wie ein letzter Lebensabschnitt und ein eigener Weg akzeptiert wird.

Das Buch und die Werke der Künstlerinnen beweisen, dass es eine große Chance der dritten Lebensphase ist, Themen und Lebenseinsichten ganz neu zu reflektieren und kreativ zu nutzen. Es ist nicht so sehr die Altersweisheit, sondern eher die Altersklarheit, die einen hierbei berührt.

„So viel Energie“ ist für seine Leserinnen und Leser ein Bilderbuch der modernen Kunst, eine Hommage an großartige Frauen des 20. Jahrhunderts und eine hervorragende Medizin für die Seele, die gelegentlich Angst vorm Altwerden hat. Betrachtet man das Leben dieser 15 Künstlerinnen, so kann man direkt Lust auf die Jahre zwischen dem 50. und 80. Geburtstag bekommen.

Die Schriftstellerin Friedericke Mayröcker, die auch wunderbar in dieses Buch gepasst hätte, antwortete mit 80 Jahren auf die Frage, was Alter für sie bedeutet: „Ich kann nicht sagen, dass sich was verändert hat. Ich fühle mich nicht alt.  Manchmal denke ich, mein Leben beginnt überhaupt erst.“

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Fotonachweise:

1. Selbstbildnis Helen Dahms. Mit freundlicher Genehmigung der Nachlassverwalterin Dr. Regula Witzig und des AvivA Verlags. 
2. Die Künstlerin Helen Dahm bei der Arbeit. Buchcover zu: „So viel Energie. Künstlerinnen in der dritten Lebensphase“.
3. „The Three Graces“ (1999), Brunnenfiguren von Niki de Saint Phalle. Fotografin: Tammmy Green (via flickr.com).