Wissenswertes

Spätgeborene: Rebellen fürs Leben?

Geschwister könnten sich ähnlicher sein, als sie es oft sind – sagen Wissenschaftler. Woran das liegt? Angeblich an den verschiedenen Rollen, die sich Kinder in einer Familie suchen. Auch der US-Psychologe Frank Sulloway hat hierzu geforscht – und eine erstaunliche Entdeckung gemacht.

Dass die Familie uns prägt, ist kein Geheimnis. Aber wie genau, ist gar nicht so leicht zu sagen: Warum entwickeln sich etwa Geschwister oft extrem unterschiedlich, obwohl sie vieles in ihrer Kindheit teilen? Und warum neigen immer wieder Spätgeborene dazu, mit rebellischem Wesen auf sich aufmerksam zu machen? Nicht nur Eltern rätseln, woher das kommt. Nein, auch in der Wissenschaft hat man gegrübelt und sich gefragt: Wie wird ein Mensch eigentlich zu dem, was er ist? 

Frank Sulloway hat die Frage nicht losgelassen. Der Autor des Buches „Der Rebell der Familie“, das 1996 erschien, ist eigentlich und ursprünglich gar nicht Geschwisterforscher – sondern Historiker. Doch als er Anfang der 1970er Jahre sich mit Charles Darwin befasste, stieß er plötzlich auf ein Thema, dem er sich fortan ganz verschrieb: Familienkonstellationen und ihre Dynamiken. Ein höchst private Angelegenheit? Keinesfalls, wie Frank Sulloway in seiner Forschungsarbeit nachwies, die in den USA übrigens mit großem Echo aufgenommen wurde. 

Denn Sulloway beobachtete, wie die Geburtenfolge in einer Familie auch darüber entscheidet, wohin ein Mensch in seiner Entwicklung tendiert – zum Revolutionär oder Konservatismus. Warum war es ausgerechnet Darwin (und kein denkbarer anderer Zeitgenosse), der mit seiner Evolutionstheorie das Weltbild umkrempelte? Auch für andere lag das Wissen, das man hierzu brauchte, längst offen – und dennoch griff niemand danach.

 

Sulloway wendet Darwins Evolutionstheorie gewissermaßen auf die Frage an, was die Ausprägung eigener Charakterzüge beeinflusst – und kommt zu der Erkenntnis, dass in der Rolle, die ein jedes Kind in der Familie spielt, seine individuelle Chance liegt, eine Nische neu für sich zu besetzen. Über 20 Jahre studierte Frank Sulloway Lebensläufe von bekannten Persönlichkeiten, die sich einen Namen damit gemacht hatten, den Gang der Dinge in neue Bahnen zu lenken. Immerhin 6566 Biographien quer durch die abendländische Geschichte nahm sich der Historiker vor, darunter auch Namen von Umstürzlern und Querdenkern wie Galileo Galilei oder Bill Gates, Luther oder Marx – und sie alle schienen Sulloways Hauptthese jedenfalls nicht grundlegend zu widersprechen: Es ist die Geburtenfolge, die sehr wahrscheinlich darüber entscheidet, ob ein Mensch ein rebellisches Wesen entwickelt oder nicht, so Sulloway. 

Im Detail ist diese Theorie zwar auch umstritten, im Großen und Ganzen aber bis heute in der Psychologie nicht wirklich widerlegt. Denn auch andere Wissenschaftler konnten beobachten, was Sulloway in seinem Buch beschrieb: Dass Kinder meist nach einer Rolle suchen, die sie in elterlichen Augen einzigartig macht. Was zu Rivalitäten, auch Abgrenzungen zwischen Geschwistern führt – und zur Eroberung von „familiären Nischen“, in denen Kinder ganz unterschiedliche Prägungen erfahren. Sozusagen inmitten eines Umfelds, das zwar gemeinsam erlebt wird, aus vielen Blickwinkeln aber jeweils auch ganz anders.  

Denn während Erstgeborene sich hier gerne behaupten, in dem sie die Nähe zu den Positionen der Eltern und deren Autorität suchen, neigen jüngere Geschwister (und allemal die jüngsten) mit erstaunlich großer Vorhersagbarkeit dazu, neue Haltungen und Attitüden zu erproben, die bislang so nicht besetzt in der Familie sind. Und mitunter: auch alles andere als vorgesehen waren. 

 

Bei aller Vorsicht mit solchen Verallgemeinerungen kann häufig beobachtet werden: Die Erstgeboren sind die Angepassten, Strebsamen, da ihnen an der Zustimmung der Eltern viel liegt. Die Nesthäkchen gebärden sich meist als fröhlich Unbekümmerte, die alles ausprobieren, was kommt. Und die Sandwichkinder in der Mitte sind nicht selten die Clowns, die Unterhalter, die eine Show abziehen, um überhaupt zu Aufmerksamkeit in der Familie zwischen den wortführenden Älteren und den umhätschelten Nachzüglern zu kommen.


Dabei entsteht eine Dynamik, die selbstverständlich Kinder verschiedener macht, als sie sein könnten – wie eine Studie auch nahe legt: Forscher nämlich verglichen die Entwicklung eineiiger Zwillingen, die zum Teil getrennt, zum Teil aber auch zusammen aufwuchsen. Das Ergebnis: Die Kinder, die nicht Seite an Seite als Geschwister groß wurden, glichen sich in ihrer Persönlichkeit weit mehr als die anderen Paare. So weit, so weit das Leben - unter reichlich abstrakten Bedingungen zur Abwechslung mal.