Lesen

Spannung, Vorfreude und Marketinggetöse

Nach monatelangem Merchandising auf Hochtouren ist es vollbracht: Der siebte und letzte Band von Harry Potter ist erschienen und bricht alle Verkaufsrekorde der vorherigen Bände. Doch schafft es J.K. Rowling auch, die geweckten Erwartungen zu erfüllen und alle Fäden überzeugend zusammenzuführen? Und – vielleicht die entscheidendste aller Fragen: Wird Harry sterben?

Eine kleine Warnung vorweg: Wer diese Frage noch nicht beantwortet haben möchte und lieber den deutschen Erscheinungstermin am 27. Oktober abwartet, sollte hier NICHT weiterlesen.

 

Auch dieser Band beginnt, wie alle seine Vorgänger, bei der Familie Dursley. Harrys Station dort ist jedoch nur noch von kurzer Dauer und seine Abreise höchst gefährlich, da Voldemort seinen Aufenthaltsort kennt. So beginnt ein actionreiches Spektakel mit Verfolgungsjagden, Schreckensmeldungen und vielen Verletzten und Toten. Doch wo es zu Verlusten kommt, werden diese mitunter recht kurz und leidenschaftslos abgehandelt – nicht immer wird die Autorin hier ihren Figuren gerecht .

 

Harry, Ron und Hermione befinden sich auf der Suche nach Horcruxen: Das sind Gegenstände, in denen Voldemort Splitter seiner gespaltenen Seele versteckt, um unsterblich zu werden. Diese zu finden und zu zerstören, ist die Mission, die Dumbledore ihnen hinterlassen hat, der ehemalige Schulleiter von Hogwarts, dessen unerwarteter Tod im sechsten Band bereits einen Aufschrei der treuen Leserschaft provozierte. Wo sich diese Horcruxe aber befinden und wie sie sich zerstören lassen – das ist Harry und seinen Freunden nicht bekannt, und so folgt eine lebensgefährliche Situation auf die andere, in der ihnen Voldemort und seine Todesser immer auf den Fersen sind. Die Verfolgten leben in einem Zelt und in verschiedenen Verstecken im Wald, immer in der Angst vor Entdeckung und Tod. Was bei  dieser wilden Jagd der ersten Kapitel mitunter zu kurz kommt, sind kleine Verschnaufpausen für den Leser. Schließlich muß man auf jeder neuen Seite bangen, dass Lieblingsfiguren den nächsten Abschnitt nicht überleben.

 

Zur Suche nach den Horcruxen kommt hinzu, dass Harry, Ron und Hermione die Spur einer weiteren Legende verfolgen: die Spur der „Deathly Hallows“ oder der „Heiligtümer des Todes“, wie der Titel des Buches in deutscher Übersetzung lautet. Drei mächtige magische Gegenstände sollen ihren Besitzer vor dem Tod beschützen: Das sind ein Zauberstab aus Holunderholz, ein Stein, der Tote wiedererwecken kann, und ein Umhang, der unsichtbar macht und den Harry, wie wir wissen, bereits seit dem ersten Band besitzt. Die Spur des Zauberstabes zieht sich blutig durch die Zaubereigeschichte, Hinweise über dessen Verbleib in jüngster Zeit sind jedoch nur schwer zu finden und zu deuten. Und Harry ist nicht der Einzige, der die Spur verfolgt: Auch Voldemort ist an dem Stab, der Machtgewinn verheißt, interessiert. Doch für Harry stellt sich die Frage, welche Spur er zuerst verfolgen soll - die der Horcruxe oder die der drei Heiligtümer? Diese Frage führt zu ernsten Auseinandersetzungen zwischen Harry und seinen Begleitern, die von monatelanger Isolation und Anspannung zunehmend zermürbt scheinen. Vor allem Ron gelingt es nicht immer,  eigene Bedürfnisse hinten an zu stellen: Es kommt zu Trennungen und auch Versöhnuungen – zwischen Ron und Hermione etwa, deren Geschichte am Ende des Buches noch lange nicht abgeschlossen ist.

 

Voldemort entdeckt bald, dass seine Gegner die Bedeutung der Horcruxe erkannt haben, und macht sich zu den Verstecken auf, um zu prüfen, ob noch alle Teile seiner Seele an Ort und Stelle sind. Die Jagd nach dem letzten noch versteckten Horcrux findet in Hogwarts statt, wo alle Figuren aus dem Romanzyklus zusammen treffen, um den Kampf von "Gut gegen Böse“ endgültig auszufechten. Das Ende sei hier nicht vorweggenommen, nur soviel: Es überzeugt. Und das nicht zuletzt als Ende eines Kinderbuches, auf den der Plot um "Harry Potter" eben immer auch angelegt war. Da mag die Stimmung mit jedem Band düsterer und bedrohlicher werden - für große Teile der jüngeren Leserschaft ist dennoch gesorgt und ein Aufatmen dank Harrys Überleben am Ende sicher.

 

Viele Einzelheiten, die Joanne K. Rowling nutzt, um den Krieg zwischen Voldemorts Anhängern und Gegnern zu beschreiben, erinnern stark an Zustände im „Dritten Reich“:  „Reinblütige“ erheben sich über Zauberer mit nichtmagischen Eltern, die wiederum gezwungen werden, sich als solche registrieren zu lassen. Im Dorf Hogsmeade darf nach Einbruch der Dunkelheit keiner der Bewohner mehr das Haus verlassen, Todesser fungieren als Privatarmee, viele Familien zerstreuen sich in alle Winde und leben in Verstecken, um Verfolgung und Tod zu entgehen. Motivische und thematische Anleihen sind hier zahlreich,  aber nicht immer unbedingt motiviert. Hier und da fragt man sich, welchen Zweck sie eigentlich verfolgen? Sollen die Leser sensibilisiert werden für die Auswirkungen fehlender Toleranz? Nach einer befriedigenden Antwort kann man da manchmal vergebens suchen.

 

Und dann ist da noch der Epilog, der neunzehn Jahre später spielt: Harry und Ginny, Ron und Hermione begleiten ihre gemeinsamen Kinder zum Hogwarts-Express. Ein Ende, das die strahlenden Helden von einst in veränderten Rollen zeigt - zu Spießbürgern von nebenan mutiert? Oder geht es hier eher um eine Idee, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht und am Ende einfach nur auf die Spitze getrieben wird? Die Idee nämlich, dass die Liebe über alles siegt? Das mag manchem als Idealbild doch zuviel des Guten sein – im Grunde ist dies aber gar nicht nur ein Bild, sondern eher die Grundidee, an der alles hängt – die gesamte Potter-Welt, vom ersten bis zum letzten Band. Falls dies der letzte Band sein sollte und die Autorin nicht doch nach Hogwarts noch einmal zurückkehrt!? Rowlings Dementi, sie werde die Geschichte unter keinen Umständen weiterschreiben, sind jedenfalls längst nicht mehr so laut, wie sie schon einmal waren.