Wissenswertes

Spezialisiert auf die weibliche Note

Eine Krankenkasse nur für Frauen: Wie sinnvoll mag ein solches Angebot sein? Ein erster Versuch in Deutschland könnte bald mehr verraten – und möchte schon jetzt die Einsichten der Gender-Medizin besser nutzen.

Dass Mann und Frau nicht so leicht über einen Kamm zu scheren sind, wenn es um medizinische Fragen geht, ist bekannt: Frauen werden anders krank, vertragen Medikamente anders und suchen häufig nach anderen Wegen, um wieder gesund zu werden, als Männer. Sind das aber Dinge, die nur unseren Arzt etwas angehen? Oder auch unsere Krankenkasse?  

„Wir glauben, dass Frauen im deutschen Medizin- und Versorgungssystem benachteiligt (…) und ihre persönlichen Krankheitsbelange oft nicht berücksichtigt werden“, sagt Werner Wedig, Vorstand von „salvina“ – einer ersten gesetzlichen Krankenkasse, die sich auf Frauen und ihre gesundheitlichen Bedürfnisse spezialisiert hat. Ein ungewöhnliches Konzept, möchte man meinen. Doch die Einsichten, die auch die Gender-Medizin in den letzten Jahren beförderte, liegen zu diesem Konzept nicht gerade quer:  

Immer wieder beobachtet man in der Forschung nämlich, wie wichtig es ist, geschlechtsspezifische Aspekte in der Medizin stärker als bisher zu berücksichtigen: Lange ging man beispielsweise davon aus, dass Männer ein viel höheres Risiko hätten, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu bekommen. Inzwischen weiß man: Frauen sind mindestens ebenso sehr von dieser Gefahr und dem einhergehenden Leid betroffen – doch die Symptome sind einfach andere und wurden bisher oft verkannt. Oder ein anderes Beispiel: Bis 1993 noch wurde die Verträglichkeit von Medikamenten an einer Art von „menschlichem Normalfall“ nur getestet – an Männern mit einem Durchschnittsgewicht von 75 Kilo. Dass der weibliche Körper auf Nebenwirkungen und Stoffe teilweise aber anders reagiert, rückte erst allmählich ins Bewusstsein. 

„Die Unterschiede sind allerdings nur zu einem Teil auf biologische Unterschiede zurückzuführen“, schränkt auch Werner Wedig hier ein. Mindestens genauso entscheidend seien nämlich Sozialisationsmuster, die den Umgang mit dem eigenen Körper bei Männern und Frauen unterschiedlich prägten. Oder auch Lebens- und Arbeitsbedingungen, die mit verschiedenen Belastungen zu Buche schlagen könnten. Eine ganze Reihe an Faktoren kommt hier also zusammen, und Werner Wedig ist überzeugt: „Die Zeit für eine Frauenkrankenkasse war einfach reif“. 

Seit dem 1. Mai 2009 kann man nun auf Herz und Nieren prüfen, was an s einem Angebot wie „salvina“ dran sein mag: Die Krankenkasse wirbt mit attraktiven Leistungen und besonderen Kompetenzen im Bereich der Frauengesundheit. Beratung und Betreuung rundum Fragen der Gynäkologie, Schmerz- und Stressprophylaxe, Onkologie oder auch Familienplanung werden hier großgeschrieben wie auch alternative Heilmethoden angeblich gerne gefördert werden (auch ohne zusätzliche Kosten). Zur weiblichen Note sollen darüber hinaus noch Gesundheitsprogramme wie „MammaNetz“, „BabyCare“ oder auch „PlanBaby“ beitragen – die hübsch klingen, aber auch verdächtig  eine Spur von Marketingabteilung tragen. 

Und immerhin: Groß sind die Spielräume eigentlich nicht, die „salvina“ für gesundheitlich andere, geschlechtssensiblere Wege wirklich nutzen könnte. Schließlich sind fast 95 Prozent der Leistungen, die ein gesetzlicher Versicherer trägt, festgelegt und folgen dem starren Schema: Bezahlt wird nur, was medizinisch notwendig ist. Die 5 Prozent an zusätzlichen Leistungen, über die ein Anbieter sich als exklusiv profilieren könnte, sind nicht viel. Die Krankenkassen versuchen derzeit dennoch, insbesondere über diesen Freiraum BeitragszahlerInnen zu gewinnen. Denn am 1. Januar 2009 wurde der Gesundheitsfond eingeführt, und seitdem kosten alle gesetzlichen Krankenkassen gleichviel – was die Wettbewerber umso mehr zwingt, zumindest am Rande die eigene Note zu finden und zu setzen. 

Vielleicht ist es ja auch bei „salvina“ nicht viel mehr dahinter als nur der Trend – hin zur Zielgruppe Frau, die in allen Branchen derzeit so en vogue ist und umworben wird wie kaum etwas anderes.