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Sprechende Männer

Das ehrlichste Buch, das je über Männersehnsüchte geschrieben wurde. Zwei typische Männer in einem untypischen Gespräch.

Dieses Buch ist pure Lesefreude, der Titel das einzig Langweilige daran. Denn "Sprechende Männer" sagt nicht, wie hier gesprochen wird - verblüffend ehrlich, verblüffend witzig, verblüffend anders als alles, was man sonst von frustierten Medienfrauen, geschwätzigen Psychologen und anderen selbst ernannten Männerverstehern geboten bekommt. Und er sagt nicht, über was hier gesprochen wird, aber hier geht's um weit mehr Themen als Männer normalerweise kommentieren - Aspikbäuche, die Lust aufs Umgraben von Gemüsebeeten, die Kürze, Schönheit und Langeweile beim ehelichen Sex, Eitelkeit, Sonntagsbrunch, Gewöhnung, die Panik eines älter werdenden Singles und so weiter. Und so weiter.  Alles eben, das ein Mann der E-Mail an einen Freund anvertrauen kann, wenn er sich erst einmal zur Ehrlichkeit entschlossen hat.

 

Ehrlichkeitsexperiment

Das taten die beiden und tauschten zwei Monate lang Gedanken aus. Jeden Tag. Und weil beide hochrangige Journalisten sind (Maxim Leo bei der Berliner Zeitung, Jochen-Martin Gutsch beim Spiegel, beide für ihre Arbeit mit wichtigen Journalistenpreisen ausgezeichnet), ungefähr gleich alt (während ihres Männergesprächs war Leo 41, Gutsch 39) und ihre unterschiedlichen Lebensarten (Leo als Ehemann und Vater, Gutsch als Single) auch vor Beginn des Ehrlichkeitsexperiments respektierten, entwickelte sich aus oberflächlichem Geplauder (nur auf den allerersten Seiten!) etwas Neues: 

Statt, wie geplant, eine journalistisch recherchierte Bestandsaufnahme zu liefern - was denken Männer, wenn sie 40 werden, endgültig Abschied von ihrer Jugend nehmen, sich ans langsame Verschwinden des Haupthaar und die nachlassende Erektionsfähigkeit gewöhnen müssen -, entwickelte sich eine rundrum kluge und aussagekräftige Tiefenanalyse zweier Normalmänner im "besten Alter".

 

Keine Bargespräche,...

Glücklicherweise sind Leo und Gutsch viel zu gute Journalisten, um Nachts-um-eins-an-der-Bar-Gespräche zu veröffentlichen. Außerdem verfügen beide über zu viel Selbstironie,  Humor, Witz und Intelligenz, um ins Jammern über eine Vater-ist-an-allem schuld-Kindheit oder die Burn-out-Hektik unserer Zeit abzugleiten. Stattdessen schrieben sie mit "Sprechende Männer" ein Buch zum Kichern und Plötzlichloslachen, zum Mitfühlen und Bedauern, das auf jeden Fall Frauen - ich schätze aber auch Männern -  eine Menge Fragen beantwortet. Um noch ein paar aufzuzählen, weil ich die Antworten besonders interessant fand:


... sondern richtig peinliche, offene Themen


Wie wichtig ist der gleichzeitig erlebte Orgasmus für eine glückliche Ehe? Schützt das Glück der Geborgenheit vor Betrug durch Porno-Gucken? Muss "man" dem Modezwang zum rasierten Schamhaar folgen? Wie nützlich sind Internet-Bekanntschaften als Strategie gegen Einsamkeit? Müssen Männer zu Ko-Müttern werden, um gute Väter zu sein? Wird die Suche nach persönlichem Glück heute zu wichtig genommen?


Fragen, die ich mir normalerweise nur selbst stelle. Weil sie mir peinlich sind, zu viel über eigene Wünsche oder Defizite verraten. Deshalb habe ich auch "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche mit Interesse gelesen. Und mit Abscheu, denn sooo genau wollte ich meine Fragen nach dem Sexleben und den Ausscheidungen anderer gar nicht beantwortet haben. Beim Lesen von "Sprechende Männer" von Maxim Leo und Jochen-Martin Gutsch - hoffentlich auch bald ein Bestseller! - gabs diese Abscheu nie. Die beiden haben es nicht nötig, ins letzte Detail zu gehen, auch wenn der Blessing-Verlag den E-Mail-Austausch im Untertitel als "Das ehrlichste Buch der Welt" preist. Das ist es vielleicht nicht, aber es ist, bei aller Ehrlichkeit, gleichzeitig das charmanteste, das je über Männersehnsüchte und -begierden geschrieben wurde.

 

 

Am 24. November lesen Maxim Leo und Jochen-Martin Gutsch aus „Sprechende Männer“. Im Berliner Verlag, Karl-Liebknecht-Straße 29. Beginn 19 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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Und was die beiden über "das Leben als Mann" sonst so zu berichten haben, kann man hier, bei der Berliner Zeitung nachlesen: