Wissenswertes

Spuren hinterlassen

Hohe Kunst oder böse Falle – was sagen die Dinge, mit denen wir uns umgeben, über unsere Persönlichkeit aus? Eine Frage, mit der sich der Psychologe Samuel Gosling ausgiebig beschäftigt hat.

Es kommt auf wenige Signale an – und manchmal sind es nur Sekunden, die entscheiden. Eine Website, die im Internet neue Besucher an sich binden möchte, hat wenig Zeit, zu überzeugen. Gerade einmal 50 Millisekunden sind es. Das fanden Psychogen an der Carleton University in den USA in einer Studie heraus, die zu bestätigen scheint, was die alte Binsenweisheit schon lange lehrt: Der erste Eindruck zählt. Und wer erfolgreich sein möchte, sollte hier eine gute Figur machen.

Aber was ist eigentlich dran, an diesem „ersten Eindruck“? Wie zuverlässig ist er wirklich? Das sind Fragen, die den persönlichen Karriere-Ratgeber oder Berufs-Coach von heute natürlich kaum interessieren. Von beiden bekommen wir zumeist nur eines vermittelt: Eindruck schinden ist wichtig, am besten gleich auf den ersten Metern. Denn wer auf eine „Liebe auf den zweiten Blick“ hofft, ist schon verloren. Weder in der Berufswelt noch im Internet gibt es dafür heute angeblich noch Raum und Zeit. Schnelligkeit im Urteil ist also angesagt – umso wichtiger, dass der britische Psychologe Samuel Gosling hier mit langem Atem einmal nachgeforscht hat: Denn liegen wir nicht oft total falsch, wenn wir uns so „auf die Schnelle“ ein Bild machen, ob von einer Website oder einer Person?

Keinesfalls, so meint Samuel Gosling, der an der University of Texas lehrt und sich seit über zehn Jahren nun schon mit dem Thema befasst. Im Mittelpunkt seiner Studien stehen dabei oft Räume und Umgebungen – und der Versuch, sie als Schaufenster zu unserer Persönlichkeit zu lesen. Was geben die Dinge, mit denen wir uns umgeben, über uns preis? Und auf welche Schlüsselreize reagieren andere Menschen, wenn sie versuchen, etwas über uns zu erfahren?

Den einen mag es weniger bewusst sein, den anderen mehr: Aber wie die Ergebnisse Samuel Goslings nahe legen, sind Räume und Gegenstände, die uns vertraut und lieb sind, schlimme Quasselstrippen und Tratschtanten! Ob wir es wollen oder nicht: Sie plaudern erstaunlich viel aus. Das zeigte sich im Verlauf der Studien, für die Gosling Probanden auf „Schnüffeltouren“ schickte. Die Versuchspersonen sollten Zimmer abwesender Personen erkunden und anschließend einen Fragebogen ausfüllen, um den Bewohner mustergültig einzuschätzen: Ist es ein eigenbrötlerischer oder geselliger Typ, der sich hier eingerichtet hat? Sprechen Details nun eher für ein ängstliches Gemüt oder ein reizbares, für Ordnungssinn oder Kreativität? Das Erstaunliche: Die Urteile, zu denen die „Schnüffler“ kamen, stimmten auffallend häufig überein mit den Selbsteinschätzungen, um die man die „ausspionierten“ Mieter vorweg gebeten hatte. Und nur wenige Signale waren es, die hier eine Rolle spielten: Gute Beleuchtung, Merkzettel an Schreibtischen, offene Regale oder eine moderne Einrichtung etwa.

Samuel Gosling geht es um Grunde um diesen einen besonderen Moment: Zwei Menschen begegnen sich – und bekommen sich auf kommunikativer Ebene „zu fassen“, obwohl es nur wenige Zeichen und Reize sind, die hier vermitteln. „YouJustGetMe.com“ heißt denn auch entsprechend das neueste Projekt, mit dem der Psychologe sich nun auch im Web 2.0 umtreibt. Bereits 6000 Nutzer wurden dazu animiert, sich auf einer Internetseite an einer Feldstudie zu beteiligen. Gosling hatte bereits bei früheren Untersuchungen herausgefunden, dass private Websites noch geeigneter sind, die eigene Person gekonnt in Szene zu setzen, als Wohnungen. Denn von ihnen aus kann man noch präziser, im Guten wie im Schlechten, Rückschlüsse ziehen. Allerdings auch nur, wenn eine Homepage selbst nicht in der Auflistung von Bücher-, Film- oder Musikvorlieben stecken bleibt. Denn wirklich eindeutig wird das Ganze erst, wenn auch subtilere Elemente mit im Spiel sind: ein Link etwa zu einem Online-Video, das man selbst für lustig hält, scheint an Aussagekraft kaum zu überbieten.

Natürlich mögen die Studien, die Samuel Gosling betreibt, vor allem eines befördern: Wichtige Erkenntnisse für jene, die nach Wegen zur perfekten Selbstvermarktung suchen. Allerdings weiß auch der Psychologe, dass alles seine Grenzen hat. Und die Wirklichkeit meist noch einmal anders tickt – als nach wissenschaftlich analysierten Spielregeln. Auch Samuel Gosling hat diese Erfahrung bereits gemacht. Seinen Arbeitsplatz ließ er sich nämlich selbstverständlich so einrichten, dass die eigene Forschungseinsicht optimal umgesetzt wurde. Das aber soll einem Presse-Fotografen nicht in das Bild gepasst haben. „Ich musste in ein anderes Büro gehen“, so schilderte Samuel Gosling die Situation, „meins war dem Fotografen zu langweilig“.