Starke Frauen

Stets brillant

Das Leben festhalten – in einer Autobiographie? Helen Mirren hat sich über viele Jahre gesträubt, eine solche zu schreiben. Nun aber ist „In The Frame“ erschienen, und das Buch zeigt: Nicht nur im Film ist die Oscar-Preisträgerin ein echte „Queen“. Auch als Autorin kann sie nämlich sehr brillant auftreten.

Eigentlich hätte sie gar keine Lust gehabt, dieses Buch zu schreiben. Allein schon der Gedanke, sich auf so vielen Seiten nur um sich selbst zu drehen – der sei doch erschreckend! Nun hat Helen Mirren es aber doch gewagt und eine Autobiographie, zu der sie über viele Jahre immer wieder gedrängt worden sei, veröffentlicht: „In the Frame“ lautet der Titel, der bereits in England und den USA erschienen ist. Und man kann nur hoffen, dass er bald auch hierzulande sein Publikum findet.

Denn Helen Mirren ist nicht nur eine Schauspielerin der Extraklasse. Sie ist auch wundervoll, wenn es darum geht, das eigene Leben in Worte zu fassen, oder besser gesagt: mithilfe von Bildern auf die ganz eigene Art einzufangen. Fotos über Fotos sind es nämlich, die im Mittelpunkt der Memoiren stehen und an die die Autorin ihre Erinnerungen knüpft:

Da werden flüchtige Augenblicke aus der Kindheit ebenso ins Licht geholt wie die großen Glanzrollen oder auch erste Bühnenerfolge. Oder Gesichter anderer – sei es von Kollegen, von Weggefährten oder aus der Familie. Sie sei ein sehr visueller Mensch, verriet Helen Mirren in Interviews, und die Idee, ein Album zu schaffen, das von Fotos ausgehen könnte, habe ihr geholfen, schließlich auch zur Feder zu greifen.

Entstanden ist so ein Buch, das auf den ersten Blick zwar auch Züge eines Starporträts hat – das aber dennoch niemals in der Glamourfalle landet. Was im Grunde nicht überrascht. Helen Mirren hat in den mehr als 40 Jahren ihrer Karriere stets genau das verkörpert: Einen Star, der im Glamourlicht von heute zwar für Aufregung sorgen kann, aber auch ohne Eskapaden auskommt, ohne große Skandale oder Botox-Gesicht sowieso.

Britische Wertarbeit – das ist und war stattdessen das Markenzeichen dieser Schauspielerin, die schon jung hoch hinaus wollte. Helen Mirren wuchs als Spross eines weißrussischen Adelsgeschlechts auf, inmitten des Londoner Arbeitermilieus allerdings, denn dort war einst die Familie nach der Oktoberrevolution gestrandet. 22 Jahre war Helen Mirren alt, da gelang ihr schon der große Sprung – hinauf auf die Bühnenbretter der renommierten „Royal Shakespeare Company“, von denen aus sie dann weiter Anlauf nahm und auch die Filmwelt eroberte. Viele, viele Jahre später dann ein weiterer Höhepunkt der Karriere: Für ihre Darstellung der „Queen“ im gleichnamigen Film von Stephen Frears bekam Helen Mirren 2007 einen Oscar. Eine Krönung. Doch auch vor dieser galt die Britin schon vielen als rundum brillant.

Was auch damit zu tun hat, dass Helen Mirren keine Scheu hatte, den Spagat immer wieder zu wagen und ihr Talent auf Kinoleinwand, Bühne oder im Fernsehen zugleich zu zeigen. Unzähligen Frauenfiguren gab sie so ein ausdrucksstarkes Gesicht im Hier und Heute, selbst denen, die erst aus der Vergangenheit geholt werden mussten, wie „Elisabeth I.“ im gleichnamigen Biopic von 2005 etwa. Das Buch „In the Frame“ ist eine Art Hommage nicht zuletzt an diese vielen Rollen auch, die Helen Mirren in ihrem Leben spielte, darunter die der tatkräftigen Polizistin Jane Tennison aus der sehr beliebten TV-Krimiserie „Prime Suspect“. Oder die der Kleopatra, mit der Helen Mirren 19-jährig zum ersten Mal auf einer Bühne stand.

„Ich befand mich in einer Umgebung aus Testosteron und chaotischen männlichen Hormonen, und das Wort Sexist war leider noch nicht erfunden“, so erinnert sich die Autorin scherzend in ihrem Buch an dieses Debüt. Eine Zumutung?

In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ hat sich Helen Mirren gerade zu ihren ersten Karrierejahren erneut geäußert – einer Zeit, die schon damals in der Boulevardpresse als die jungen „wilden Jahre“ der Britin beschworen wurden. Nicht völlig zu Unrecht. Doch der Sexvamp, den manche aus ihr damals hätten machen wollen, der wäre sie nie gewesen, so Mirren. Aus den Vereinnahmungen und erotischen Projektionen aber hätte sie sich mit der Zeit dann auch immer weniger gemacht. „Wir sind halt nicht nur so, wie wir uns selbst sehen“, so glaubt die Oscarpreisträgerin, „sondern auch so, wie andere uns sehen“.

Ein Schlüssel auch für die Autobiographie? Jedenfalls lebt auch sie von einer Lust am Sehen und Gesehenwerden. Und natürlich von den Erzählungen Helen Mirrens, die erstaunlich viel Witz und Charme haben und dazu noch einen Ton, der sehr persönlich wirkt – aber nie privat. Man dürfe von ihrer Autobiographie vieles erwarten, so warnt Helen Mirren in der Einleitung gleich vor, „psychologische Ausgrabungsarbeiten“ aber nicht. Für solche hätte sie nämlich, jenseits der Bühne, nicht viel übrig. Dafür sei ihr Interesse, das Leben lieber zu leben als aufzuzeichnen oder zu deuten, einfach zu groß.

Gibt es einen besseren Beweis für diese Behauptung als „In the Frame“ – und das pralle Leben, das hier zwischen zwei Buchdeckel gebracht wurde?