Reizthema

Stillen an der Brust. Prüde Amerikaner protestieren

Bis August 2006 hat man wahrscheinlich in dem Glauben gelebt, dass es das Natürlichste der Welt sei, einem Baby die Brust zu geben.

Von: Annika Senger, Foto: stock.xchng

vom 10.08.06

Nicht so für einige Hundert prüder Amerikaner, denen nichts Besseres einfiel, als sich über das Titelbild einer Elternzeitschrift zu echauffieren: eine Mutter mit Kind an der nackten Brust. Eine empörte Leserin schrieb beispielsweise an die Redaktion der Zeitschrift „Babytalk“: „Ungeheuerlich! Mir wird schlecht, wenn ich ein Baby an einer Brust hängen sehe.“

 

Diese Aussage erweckt schlichtweg den Eindruck, als habe die Dame im Biologieunterricht gefehlt: Die weibliche Brust produziert nach der Geburt nicht etwa Muttermilch, um andere Menschen zu schockieren, sondern als Nahrung für das Baby. Eigentlich sollte das Wohlbefinden des Kindes auch im Sinne erzkonservativer christlicher Gruppierungen in den USA liegen. Aber nein, ihre Prüderie lässt sie vergessen, dass der Mensch trotz seiner mehr oder weniger ausgeprägten Fähigkeit zum Denken „nur“ ein Säugetier ist. Wie sang schon die Bloodhound Gang in ihrem Song „The Bad Touch“: „You and me, baby, ain’t nothing but mammals…“ (Dass es sich um eine amerikanische Band handelt, die mit diesem schlüpfrigen Lied weltweit die Charts gestürmt hat, sei hier nur am Rande erwähnt...)

 

Aber da wären wir auch schon beim Thema Doppelmoral angekommen: Popstar Britney Spears darf auf dem Titelblatt eines amerikanischen Boulevard-Magazins nackt mit Babybauch posieren – ähnlich wie Demi Moore schon vor einigen Jahren. Auch dass die Spears sich zu Beginn ihrer Karriere die Brüste vergrößern lassen hat, ist kein Geheimnis mehr. Und nur ein kurzer Blick beim Zappen durch amerikanische Serien à la „Baywatch“ reicht aus, um sich zu fragen, ob es Absicht ist, dass Pamela Andersons Silikon-Brüste kurz davor sind, aus ihrem hautengen Badeanzug zu springen und warum hier keiner aufschreit „mir wird schlecht“.

 

All diese Beispiele aus der Welt der Promis laufen auf eine offensichtliche Schlussfolgerung hinaus: Nur wo Nachfrage ist, da ist auch ein Angebot. Denn wenn es um das Stillen von Babys geht, sieht die allgemeine Reaktion in der US-Bevölkerung weitaus ablehnender aus. Die Chefredakteurin von „Babytalk“ bestätigt dies: „Wenn Prominente praktisch dauernd ihre Brüste zeigen, scheint es in diesem sexuellen Zusammenhang offenbar niemanden zu stören. Aber in diesem sehr natürlichen Zusammenhang, einem Kind die Brust zu geben, kommen viele Amerikaner schlecht damit zurecht.“

 

Laut Umfrage halten es 72 Prozent der US-Bürger für unangebracht, stillende Frauen im Fernsehen zu zeigen. Ungeachtet dessen werden weibliche Popstars auch in Zukunft mit ihren Silikon-Implantaten auf MTV die Kiddies berieseln  - und das nicht nur in den USA, denn sex sells everywhere.