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"Sturmflut"

In der niederländischen Literatur fand das Ereignis bisher noch keine Beachtung. Die Schriftstellerin Margriet de Moor hat es nun doch in einem Roman zu verarbeiten versucht. In dem Buch „Sturmflut“ geht es um das Leben zweier Schwestern und eine furchtbare Katastrophe, die das Nachbarland im Spätwinter 1953 erschütterte.

Zwei Zwillingsschwestern, die ein Wochenende lang die Rollen tauschen: Lidy fährt auf die Nordseeinsel Schouwen-Duiveland, um das Patenkind ihrer Schwester Armanda zu besuchen. Ihren Platz in der Familie, die in Amsterdam lebt, versucht währenddessen Armanda auszufüllen. Was keine von beiden ahnt: An jenem Wochenende wird die niederländische Küste von einer der schlimmsten Sturmfluten seit Jahrhunderten heimgesucht.

Dabei handelt es sich um eine reale Katastrophe, die der Roman hier aufgreift: In den Tagen vom 31. Januar und 1. Februar 1953 wurde fast die gesamte Region Zeeland vernichtet, weil dutzende von Deichen den Fluten nicht standhalten konnten und brachen. Über 2000 Menschen starben innerhalb weniger Stunden - und im Romangeschehen ist es Lidy , die einfach verschwunden bleibt. Armanda versucht, das Leben der Schwester fast nahtlos zu übernehmen: Sie heiratet deren Ehemann und kümmert sich um Lidys Tochter, um mit nie verstummendem schlechten Gewissen das durchschnittliche Leben der Verunglückten weiterzuführen - ganz so, wie sie es sich zuvor in stillen Gedanken ausgemalt hatte.


Einer der gelungensten Momente des Romans ist der Punkt, an dem Lidy endlich die Bedrohung wahrnimmt, die von dem heraufziehenden Unwetter ausgeht – wodurch Situationen allmählich ins Kippen geraten. Mit dem Auto allein unterwegs, genießt sie zunächst das Wetter und die Gewalt des Sturmes, etwas später auf einer Fähre auch den Wellengang des Meeres und das Gefühl von Freiheit, das ihr der Ausflug - allein und ohne die Familie - beschert. Und auch mit den Menschen um sie herum entspinnen sich zunächst heitere Gespräche über das „raue Wetter“. Erst viel später realisiert Lidy, dass sie sich in Gefahr befindet, und die Stimmung des Buches verändert sich rapide und wird genauso düster und verschlingend wie die Nordsee.


Die Handlung wird abwechselnd aus der Perspektive der beiden Schwestern erzählt, auch nach Lidys Tod noch. Die Schilderungen, die Armandas Alltagsleben in den Blick rücken, werden immer wieder unterbrochen von eindringlichen und doch zugleich nüchtern-sachlichen Passagen, in denen es um die letzten Stunden in Lidys Leben geht. Margriet de Moor springt hier virtuos zwischen den verschiedenen Zeitebenen. Man merkt, dass die Autorin Gesang und Klavier studiert hat und auch literarisch davon profitieren konnte: Ihr Text ist ebenso sorgfältig komponiert wie er auf ein wunderschönes, leises Ende zusteuert, das alle Erzählstränge schlüssig zusammenführt.

 

Obwohl diese Katastrophe in den Niederlanden tiefe Spuren hinterlassen hat, fand sie in der Literatur des Landes bisher noch keine Beachtung – ein Grund für Margriet de Moor sicher auch, sich dieses Themas anzunehmen. Daten, meteorologische Fakten und Einzelschicksale wurden dabei hervorragend recherchiert und zu einer packenden Geschichte zusammengebracht, die vielleicht auch im Hinblick auf die klimatischen Veränderungen unserer Tage hochaktuell ist.