Reizthema

Sumpfgebiete, Dreckskultur?

Charlotte Roche hat ein Buch geschrieben, in dem es um weibliche Körperbehaarung, Hygieneprobleme und Selbstbefriedigung geht , um Dinge also, über die man nicht spricht. Ist "Feuchtgebiete" nun ein Frauenporno oder doch eher eine Hommage an den weiblichen Körper? Auch im Team von Miss Tilly gingen die Meinungen sehr auseinander ....

Von: Fotos: Markus März (via flickr.com), Du Mont Verlag, Markus März

vom 25.03.08

... und am Ende sahen sich alle aufgefordert, etwas zu schreiben. Eine fünfseitige
Leseprobe, die sie hier finden, war Mindest-Pflichtlektüre – und was durch diese an Gedanken und Kommentaren, Begeisterung und Abscheu angestoßen wurde, konnten Sie schon in der vergangenen Woche auf dieser Website lesen – und hier nun als Fortsetzung:
 

Feuchtgebiete ... das klingt so gesund und nach viel Bio. Nach Käfergesumms, Libellen im Schilf und Froschquaken.

Großer Irrtum. Es geht um das gleichnamige Buch von Charlotte Roche. Ein Knallerbuch! Schleimporno nennen es böse Zungen. Ganz oben in den Bestsellerlisten, in jedem Buchladen und auch auf der Leipziger Buchmesse, die gerade stattfand, sehr präsent. Überall Feuchtgebiete.

Aber ... ich möchte das Buch partout nicht lesen. Nicht, weil ich etwas gegen die Autorin hätte, nein! Sie und ihre Einstellung gegen die allgemeine deutsche Hygienehysterie sind mir sehr sympathisch. Auch mir sind diese synthetischen Figuren suspekt, die den Eindruck erwecken, sie beschäftigen sich mit dem eigenen Unterleib erst, nachdem sie Gummihandschuhe angezogen haben. Auch ich amüsiere mich köstlich darüber, dass unsere aufgeklärte Gesellschaft im Plauderton, als ginge es um Plätzchenrezepte, über exotischste Sexualpraktiken sprechen und zugleich mit streng erhobenem Zeigefinger darauf hinweisen kann, dass &„Hygiene hierbei oberstes Gebot&” sei. Sex unter Laborbedingungen also. Keimfrei. Natürlich nur mit Schaufensterpuppen gleichen Wesen mit lusttötender Totalrasur. Und anschließend bitte alles gleich mit Sagrotan abwischen!

Gegen diese Hygienespießer schießt Charlotte Roche mit ihren „Feuchtgebieten ”mit aller Macht. Meine Achtung dafür hat sie. Meine Unterstützung dafür auch , wenn ich nur bitte ihr Buch nicht lesen muss. Ich bin nämlich gar nicht ihre Zielgruppe, habe ich mir zurechtgelegt. Ich habe keine Angst vor der Peinlichkeit von Hämorrhoiden und weiß auch die verschiedenen Körperöffnungen und -säfte zu benennen. Aber im Laufe meines Lebens habe ich auch gelernt, dass so ein menschlicher Körper nicht jedes seiner Geheimnisse preisgeben muss.

(Astrid Ann Jabusch)

Worum geht es in Ihrem Buch?” Eigentlich eine ganz normale harmlose Frage, die der NDR-TALKSHOW- Moderator da Charlotte Roche stellt. Eigentlich. Die Antwort ist dann nicht mehr ganz so harmlos. Zwiespältig. Das würde darauf ankommen, ob sie es jemandem erzählen müsste, der das Buch nicht lesen sollte (z.B. ihrer Mutter), der würde sie einfach sagen, dass es nur um weibliche Selbstbefriedigung ginge und um sonst nichts.

Der Moderator will aber wissen, was sie ihm sagen würde, damit er das Buch liest. Nun, das Buch eigne sich hervorragend als Wichsvorlage, und natürlich könnte man(n) noch viel über den weiblichen Körper lernen.

Nun gut, dachte ich mir, wenn die direkt kann, kann ich auch direkt. Gegen eine gute Wichsvorlage hatte ich noch nie etwas einzuwenden. Und ich muss ja gestehen: Auf Charlotte Roche steh ich total. Ja, ich weiß, ich bin da nicht der einzige Mann, aber es ist nun mal so. Ich habe ihr sogar mal eine Kurzgeschichte gemailt, aber sie hat nie geantwortet... Kurz und gut: Mit einem Glas Wein machte ich es mir also gemütlich und klickte auf den Link, der mir die ersten fünf Seiten von „Feuchtgebiete "versprach.

Was dann kam, war dies: Solange ich denken kann, habe ich Hämorrhoiden. Viele, viele Jahre habe ich gedacht, ich dürfte das keinem sagen. Weil Hämorrhoiden doch nur bei Opas wachsen.

Nein, ich hab nicht daneben gegriffen. Ja, das sind Feuchtgebiete (! ).Die allerersten zwei Sätze! Und es geht so weiter. Eine Frau (Name und Alter werden auf den ersten fünf Seiten noch nicht bekannt) erzählt von ihrem Arschproblem. Super! Dann muss ich das mit meinem Eichelkäse ja auch nicht mehr für mich behalten, oder?

Charlotte, jetzt mal ganz im Ernst: Ich glaube an deine Fähigkeiten, und ich weiß, was du alles durchgemacht hast, ich liebe deine anarchische Art. Die Tat oder Wahrheit-Spielchen mit Promis, die man im Internet findet, sind das Beste, was ich seit langem gesehen habe, und ich würde dich gerne öfter im TV sehen. Aber bitte: Lass das Schreiben! Ja, ich gebe zu, ich habe nur die ersten fünf Seiten gelesen –mehr war technisch nicht machbar. Aber ich glaube, ich hätte freiwillig ohnehin und auch nicht weiter gelesen.

Natürlich versuchst du, zu provozieren, das kannst du sehr gut. Aber, Charlotte, was du einfach nicht kannst, ist schreiben. Ich fürchte, über das Buch wäre niemals geredet worden, wenn jemand anderes, der nicht so bekannt ist, es geschrieben hätte.

(Claudius Holzwarth)

Männer haben eine Kultur des Drecks.” In einem Interview hat Charlotte Roche diesen Satz gesagt, und schon gleich mit den ersten Zeilen der Leseprobe stand für mich fest: Was auch immer noch so kommen mag, es wird nicht mithalten können. Nicht mit den vielen cleveren Statements, die Charlotte Roche im Medienrummel um das Buch „Feuchtgebiete” in letzter Zeit so über die Lippen brachte.

Muss es ja auch nicht. Schließlich darf das Buch ja auch ruhig nur die Vorlage sein, die das Thema hochbringt, während die Autorin es dann in so wunderbare Sätze wie „Männer haben eine Kultur des Drecks”, verwandelt. Was mit diesem Satz gemeint ist? Selbstverständlich nicht, dass Männer mehr „Schmutz ”machten oder hinterließen als Frauen, ob im Leben oder beim Lieben. Männern aber wird nach wie vor ein viel freierer Umgang mit allem zugestanden, was als „dreckig” gelten könnte, ob Phantasien beim Sex oder Spuren am Körper.

Für Charlotte Roche ist das Grund genug, einfach mal als Frau über all das zu schreiben, was Frauen in unserer Kultur offiziell gar nicht haben: Körperbehaarung und Schweiß. Lust auf Selbstbefriedigung und Analverkehr. Und natürlich die Angst, in einer von Ladyshavern regierten und zurechtgestutzten Welt am Ende doch nur zu versagen: „Feel like Venus. Be a Goddess” ,diese Textstelle der Leseprobe fand ich dann doch auch sehr gelungen. Und mindestens so wichtig wie die Überlegung: „Ich finde, dass Liebe und Leben und Dreck und Schmerz und Blut und Eiter total zusammenhängen”.

Liebe Charlotte Roche ! Wer könnte dir da wohl widersprechen?

(Gabriela Häfner)