Anderswo

Superfrau übt Fliegen

Was sind wir emanzipiert! Und überfordert? Weil ein so überpositives Frauenbild in unseren Köpfen regiert, dass wir kaum noch mithalten können – mit den Ansprüchen an uns? Kinder und Freiheit, Job und Spaß, zielstrebige Leistung und selbstvergessene Liebe: Das wollen wir gerne alles zugleich haben und meistern. Aber was ist da eigentlich noch realistisch? Und was zuviel des Guten?

Nur fünf Tage nach der Geburt ihres Kindes kehrte Rachida Dati in den Job zurück, und prompt huschte eine alte Frage erneut durch die Schlagzeilen: Ist die französische Justizministerin, die es so erstaunlich schnell an den Arbeitsplatz zurückzog, nun eine Rabenmutter? Oder ist sie doch eher ein Fall von moderner Frauenpower: Ein Baby in die Welt setzen und im Berufsleben dran bleiben – machen Frauen heute doch mit links! 

 

Machen sie in der Realität natürlich nicht. Und vermutlich auch eine tatkräftige Frau wie Rachida Dati nicht. Doch wie die Publizistin Cora Stephan schon vor einiger Zeit in einem Artikel in der „Neuen Züricher Zeitung“ anmerkte, ist Realität nur die eine Seite – eine ganz andere aber das überpositive Frauenbild, das mittlerweile in vielen Köpfen regiert und Wahrnehmungen verzerrt. Längst nämlich würden Frauen im Grunde als „das bessere Geschlecht“ gelten und als solches leider auch an die Grenzen dessen stoßen, was ein Mensch noch bewältigen kann:

 

 „Klüger, friedlicher, freundlicher“, so würde das weibliche Wesen landauf und landab heute beschrieben, stellt Cora Stephan fest: „Stark und schön und immer auf der richtigen Seite. Macht Karriere mit leichter Hand und fröhlicher Kinderschar“, und die Autorin stöhnt angesichts dieser Leistungsbilanz auf: 

 

„Ja, wir sind in jeder Fasson und in jedem Lebensalter einfach unübertroffen. Schon in der Schule schneiden wir besser ab als die Jungs, beim Studium später auch. Und dabei bleiben wir stets anständig – nur in den Kriminalitätsstatistiken spielen Frauen eine Minderheitenrolle. (…) Was sind wir klasse.“ Oder auch: „Was ist das langweilig.“

 

Was Cora Stephan stört, ist aber nicht nur dieses überzogene Bild der „flexiblen Frau“ von heute, die vermeintlich alles kann. Nein, in ihrem sehr lesenswerten Artikel kritisiert sie auch, dass derzeit viele wichtige Fragen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie immer wieder unter dem Teppich landen – weil „Superwoman“ für gewöhnlich nur über Teppiche schreitet, die hübsch hindernisfrei ausgerollt wurden. Wo aber bleiben da nun die wirklichen Probleme? Und: Tut es uns eigentlich gut, unser Selbstbild an Klischees wie diesen zu stärken?

 

Cora Stephans Artikel, der nach Antworten sucht und leider auch manche Illusion rauben kann, finden Sie in der „Neuen Züricher Zeitung“ und mit einem Klick hier. Aber keine Angst: Kann schon sein, dass die Rollenbilder von Mann und Frau heute mehr denn je im Fluss sind – und noch keines in Sicht, mit dem man ganz leicht schwimmen kann. Schwimmen aber kann man üben. Viel leichter noch als Fliegen.